Streitgespräch über Demo in Blankenese: „Reichtum durch Arbeit anderer“

Wie kann man Reichtum gerecht verteilen? Über den Aufruf zur Demo in Blankenese streiten Veranstalter Ansgar Ridder und Anwohner Christian Rudolf.

Demonstanten sitzen in bunten Kanus und Schlaubooten auf dem Wasser

Demos für Umverteilung von Reichtum gab es schon öfter – nun ist eine in Blankenese geplant Foto: Georg Wendt/dpa

taz: Herr Ridder, warum demonstriert Ihr Bündnis „Wer hat, der gibt“ heute in Blanke­nese?

Ansgar Ridder: Es dient als Symbol. Wenn über Ungerechtigkeit gesprochen wird, dann über arme Leute. In ärmeren Stadtteilen finden häufig Demos statt. Deshalb machen wir das jetzt mal in Blankenese, wo die weißen Villen stehen – so wie letztes Jahr schon in Harvestehude. Klar, dort ist nicht jeder reich. Aber das Durchschnittseinkommen ist achtfach höher als auf der Veddel.

Das Abendblatt zitiert Sie mit dem Satz: „Holen wir uns eben selber, was uns zusteht“. Ist das wörtlich zu verstehen?

Ridder: Nein. Wir wollen Druck auf der Straße machen, damit die soziale Frage in den Fokus kommt. Um ein Problem zu ändern, muss man es erkennen. Reichtum ist in Deutschland verschleiert. Die reichsten Konzerne sind in so einer Familienstiftung für mittelständische Unternehmen. Das hat nicht diese Extravaganz wie in den USA.

Wollen Sie das offenlegen?

Ridder: Ja. Wir sagen: Hier ist das Geld. Es gibt in Deutschland das Diktat der schwarzen Null. Für Corona wurde das ausgesetzt, aber nach der Krise kommt die Frage, wo das Geld holen? In früheren Krisen nahm man es den Arbeitenden. Das wollen wir nicht.

Herr Rudolf, Sie sind Blankeneser. Was sagen Ihre Nachbarn über diese Demo?

Christian Rudolf: Ich war in einem Laden und hörte das Gespräch einer Verkäuferin mit einer Kundin. Das war sehr sorgenvoll und angstgeschwängert. Ich fragte: „Was ist denn los?“ Und die so: „Ja, wir müssen hier alles verbarrikadieren. Das geht hier wieder rund wie damals schon. Das linke Pack.“ Ich fragte dann: „Wieso sagt du das so pauschal?“ Man müsse das viel differenzierter sehen. Es geht um die Sache! Und politisch linke Positionen entsprächen ja wohl viel eher einem sozialeren Weltbild als die ewig gestrigen konservativen Ergüsse.

Haben Sie Angst vor dieser Demo?

Rudolf: Ich habe grundsätzlich Angst vor Gewalt.

Ridder: Bei unseren Demos gab es noch nie Gewalt. Ich spreche jetzt für „Wer hat, der gibt“. Es gab die Demo in Harvestehude. Da gab es keine Plünderungen oder Gewalt. Generell ist das ein seltenes Phänomen. Ich verstehe, wo das herkommt. Die Berichterstattung im Abendblatt ging in diese Richtung.

Rudolf: Viele Hamburger erinnern die Randale beim G20-Gipfel. Ihr plant keinen zweiten Aufguss?

32, ist Pflegeassistent für Menschen mit Behinderung und Sprecher des Bündnisses „Wer hat, der gibt“-Hamburg

Ridder: Nee. Damals gab es uns noch gar nicht. Wir haben uns erst in der Corona­krise gegründet. Es gibt auf St. Pauli und in der Schanze jede Woche eine linke Demo, die ohne Gewalt abläuft. Das kriegt man in Blankenese nicht mit. G20 war vielleicht eine Sondersituation. Aber das würde ich für dieses Wochenende in Blankenese ausschließen.

Rudolf: Das beruhigt – wollen doch viele Hamburger einen Politikwechsel. Also geht diesmal nix zu Bruch?

Ridder: Die letzte Demo war friedlich. Ich kann natürlich nicht für jeden Menschen sagen, der macht nichts. Aber es ist von uns nicht darauf angelegt.

Herr Rudolf, Sie schreiben uns: „Ich bin voller Makel … Ich wohne in Blankenese.“ Sehen Sie sich am Pranger?

56, ist Schauspieler und lebt in Blankenese

Rudolf: Ich nahm den Stift in die Hand, weil mich das ärgert, dass es so pauschal heißt: Das linke Pack kommt und alles ist Scheiße. Ich bin kein Gegner von Herrn Ridder, ich bin inhaltlich voll auf seiner Seite. Nur sollten wir uns nicht selber schaden. Nicht, dass es durch Gewalt weniger Wahlkreuze an der richtigen Stelle gibt.

Nun ist die ja nicht angesagt.

Rudolf: Na doch. Der Slogan „Wir holen uns, was uns zusteht“ klingt bedrohlich.

Ridder: Das ist zugespitzt formuliert. Wir wollen damit sagen, extremer Reichtum entsteht nur durch die Arbeit anderer und die Aneignung. Wir verstehen Reichtum als Teil unserer Arbeit. Wir wenden uns gegen die Erzählung, ein Milliardär habe alles selber verdient. Wer Reichtum in Aktien anlegt, verdient sein Geld durch die Arbeit von mir. Wir leben eben nicht in einer Gesellschaft, wo jeder nur das bekommt, was ihm zusteht. Das wollen wir diskutieren. Es nervt mich auch, dass wir nur in den Diskurs kommen, weil wir diese schrillen Sätze benutzen.

Sollten Reiche höhere Steuern zahlen?

Rudolf: Ganz klar, ja. Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft. Der Reichtum einer jeden kapitalistischen Gesellschaft basiert auf dem „Wechselspiel“ von Gewinn und Verlust. Entstehen irgendwo Gewinne, entstehen anderswo Verluste. Will man die Menschen erreichen, ist die Ansprache wichtig. Es bringt viel mehr, über Fakten zu reden, als zu sagen, wir ziehen uns die schwarzen Masken über das Gesicht und fahren zur Randale zum G20 in die Schanze. Das ist dümmlich und dient nur dem politischen Gegner.

Also, Sie erinnern noch den G20?

Rudolf: Ich saß im O-Feuer, als die Randaletouristen von den Dächern im Schulterblatt die Polizei mit Steinen bewarfen. Wenn bei „Wer hat, der gibt“ nun steht, wir holen uns, was uns zusteht, ist im Subtext Gewalt angerissen.

Ridder: Die Kritik an dem Slogan kann ich annehmen. Es gibt Menschen bei uns, die wütend sind. Wir haben viele, die im sozialen Bereich arbeiten und weniger verdienen als ältere Leute, weil sie schlechtere Tarifverträge haben, weil argumentiert wird, es sei kein Geld da. Wir haben Leute, die während der Coronakrise arbeitslos wurden. Da gibt es eine Dringlichkeit, die muss sich in der Sprache wiederfinden. Und zur Faktenfrage: Wir weisen darauf hin mit Zahlen des Deutschen Wirtschaftsinstituts, wie sich der Reichtum in der Krise vermehrt hat. Unsere soziale Marktwirtschaft wird immer als egalitär dargestellt. Das ist sie aber nicht.

Die Wahl steht an. Bietet eine Partei das an, was Sie wollen?

Ridder: Ich würde lügen, wenn ich nicht sage, es gibt Parteien, die uns nah sind.

Die Linke will eine Vermögenssteuer.

Ridder: Die ruft ja auch zu unserer Demo auf. Grüne und SPD haben auch solche Passagen im Programm. Aber schauen wir uns die letzte rot-grüne Bundesregierung an, hat man davon als Arbeiterfamilie noch Narben. Hartz-IV, massivster neoliberaler Turn. Das müssen wir zurückdrehen. Ohne Druck von der Straße passiert das nicht.

Brauchen wir Reichtums-Obergrenzen?

Rudolf: Unbedingt. Betätige ich den Wahlomat, lande ich seit Jahren bei der Linken. Ich finde, dass unser Leben hier in Deutschland, in Westeuropa, unserer Insel, immer besser wurde. Für den größten Teil dieser Gesellschaft. Und tatsächlich basiert das auf meiner Gewinne-Verluste-Aussage.

Ridder: Mein Lebensstandard stagniert. Wir leben in einem reichen Land. Es ist aber so, dass die untersten Einkommen stagnieren, die Einkommen von jungen Leuten niedrig sind. Die haben Probleme, eine Familie zu gründen. Dann haben wir eine Miet­explosion, die alles auffrisst, was man gewerkschaftlich an mehr Geld erkämpft.

Rudolf: Dass Pflegeberufe, „systemrelevante“ Berufe et cetera besser bezahlt werden müssen, ist absolut notwendig! Das muss man in so eine Demo reinpacken! Und nicht dieses Geschwafel. Ihr seid alle so reich hier. Ich piss dir an die Wand.

Ridder: Wir fordern Konkretes. Anhebung des Mindestlohns auf ein armutsfestes Niveau, mehr Geld für systemrelevante Berufe und faire Arbeitsplätze für alle.

Rudolf: Das will ich auf den Plakaten sehen.

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