Streiten als Sportart: „Es ist eher ein Nachteil, wenn man sich zu gut auskennt“
Debattieren ist ein Mannschaftsport, sagt Ruben Herrmann, Chefjuror der Norddeutschen Debattiermeisterschaft – und zwar ein gesellschaftlich relevanter.
taz: Herr Herrmann, Sie üben das Streiten als eine Sportart aus. Wie geht das?
Ruben Herrmann: Bei uns ist das Debattieren ein Wettstreit miteinander um das beste Argument und die beste rhetorische Darstellung. Dabei bekommt man ein Thema und hat 15 Minuten Zeit, um sich vorzubereiten. Man schlüpft dann in eine Rolle, weil die Positionen Pro oder Kontra jeweils zugelost werden. Dann hat man in einer siebenminütigen Rede die Gelegenheit, die Jury von seiner Position zu überzeugen. Dadurch unterscheidet es sich sehr stark von einer Diskussion im alltäglichen Umfeld.
taz: Ist es ein Vor- oder ein Nachteil, wenn man die eigene Meinung verteidigt?
Herrmann: Häufig ist es tatsächlich eher ein Nachteil, wenn man sich zum Beispiel zu gut bei einem Thema auskennt, mit dem man sich identifiziert. Weil man dann vielleicht zu viel voraussetzt oder bestimmte Aspekte rüberbringen möchte, die einem selber wichtig sind, obwohl sie in der Debatte gar nicht so entscheidend sind.
taz: Nun steht es ja in diesen Zeiten nicht gut um die Streitkultur. Halten Sie das sportliche Debattieren deshalb für gesellschaftlich relevant?
Herrmann: Ich denke schon! Meiner Meinung nach sind da zwei Dinge wichtig. Zum einen muss man sich gegenseitig zuhören können, weil ich beim Debattieren nur erfolgreich sein kann, wenn ich die Argumente der anderen verstanden habe. Zum anderen muss ich mich, wenn ich andere Meinungen als meine vertrete, mit diesen Positionen auseinandersetzen und verstehe dadurch vieles besser und lasse dann auch Argumente gelten, die nicht meiner eigenen Meinung entsprechen. Und beides passiert in der aktuellen Streitkultur immer weniger, weil alle in ihren Positionen so festgefahren sind.
taz: Darf man sich denn, wenn man ein Thema bekommen hat, zum Beispiel bei Wikipedia schlaumachen?
Herrmann: Nein, man bekommt nur einen kurzen Infozettel zu dem Thema, damit man weiß, worum es geht, und dann muss man zusammen mit seinem Team mit dem Wissen arbeiten, das man hat.
taz: Ach, Sie sind kein Einzelkämpfer, sondern das Debattieren ist ein Mannschaftsport?
Herrmann: Genau, es gibt Zweier- und Dreierteams, und in denen überlegt man gemeinsam, welche Argumentationen es zu dem Thema gibt, welche Definitionen wichtig sind und was erst einmal erklärt werden sollte.
taz: Gibt es im Debattiersport auch Fouls?
Herrmann: Ja, ich darf natürlich nicht zu lange sprechen. Und wenn man jemanden beleidigt oder Lügen verbreitet, könnte man auch disqualifiziert werden. Aber das passiert sehr selten.
taz: Es gibt ja schon seit der Antike zwei Linien der Rhetorik. In der einen geht es darum, mit allen Mitteln zu überzeugen und in der anderen wird versucht, Wahrheiten zu ergründen. Spielt das auch beim sportlichen Debattieren eine Rolle?
Herrmann: Es gibt zwei Formate des Debattierens, die man danach unterscheiden kann. Bei dem einen geht es nur darum, wie der Inhalt vorgebracht wird. Da wird nicht bewertet, ob man etwa mit einem schönen Sprachbild arbeitet oder ein gutes Beispiel bringt. Und in dem anderen Format wird auch bewertet, ob ich gut gesprochen habe, wie meine Gestik und meine Körpersprache waren.
Norddeutsche Debattiermeisterschaft, 10. bis 12. April 2026, jeweils 14:30 bis 16:30 Uhr, Landtag, Hannah-Arendt-Platz 1, Hannover
taz: Und was waren bislang Ihre größten sportlichen Erfolge?
Herrmann: Bei der deutschen Debattiermeisterschaft von 2023 war ich Redner im Finale und wurde Vizemeister.
taz: Und worüber wird bei solchen Meisterschaften gestritten?
Herrmann: Bei diesem Finale wurde darüber debattiert, ob sich die Außenpolitik Chinas in den nächsten 50 Jahren friedlich entwickeln wird. Aber wir hatten auch schon mal das Finalthema, ob jeder seines eigenen Glückes Schmied ist.
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