Streik bei Lieferdienst „Gorillas“: Fahrradtour statt Kündigungsschutz

Auf den Arbeitskampf der Gorillas-Rider reagiert CEO Kağan Sümer mit einer Rede und kündigt Besuche per Fahrrad an. Die Rider wollen weiter streiken.

Gorillas-Rider blockieren ein Lager in Berlin

Mit Blockaden wollen die Rider den Betrieb stillegen Foto: Markus Schreiber / AP

In 10 Minuten von der Bestellung zur Lieferung – so lautet das enorm ambitionierte Versprechen des Lebensmittel-Lieferdienstes Gorillas. Seit aber die Fahrradkuriere des Start-ups, die sich selbst als Rider bezeichnen, am vergangenen Mittwoch in den Arbeitskampf eingetreten sind, haben sie dieses Versprechen umgewandelt: „We organize in under 10 minutes“, verkündet das Gorillas Workers Collective nun auf Twitter – und kündigt damit weitere Blockaden und Streiks an.

Nach der fristlosen Kündigung des Riders Santiago hatten Mitarbeitende mehrere Lagerhäuser in Kreuzberg und im Prenzlauer Berg blockiert, um das Geschäft zum Stillstand zu zwingen. Am Freitag hatte sich dann Kağan Sümer, CEO des Unternehmens, in einer der taz vorliegenden 16-minütigen Zoom-Ansprache an die Beschäftigten gewandt. Darin sagte Sümer, sein Unternehmen setze ein „klares Zeichen“ gegen die Gig Economy – also gegen häufig formal unabhängige und damit ungesicherte Beschäftigungsverhältnisse insbesondere in der Lieferbranche.

Gorillas hingegen stelle seinen Ridern Arbeitsverträge aus, betonte Sümer. Die vom Gorillas Workers Collective kritisierten Probezeiten, welche das Abstoßen von Angestellten erleichtern, erwähnte er dabei nicht. Sümer beteuerte, dass ihn die letzten Tage „tief betroffen“ hätten. Die Rider seien das „Herz des Unternehmens“ – und dieses sei eher mit einer „Bewegung“ zu vergleichen. Nun würden Außenstehende versuchen, die Kündigung Santiagos für ihre politische Agenden zu missbrauchen. So sei der Fall „eskaliert“.

Riders reagieren mit Bingo-Karte

Die Rider hingegen fordern ein Ende der bis zu einem halben Jahr dauernden Probezeiten, die Pflicht, Angestellte vor einer Kündigung mindestens drei Mal abmahnen zu müssen, und die Wiedereinstellung Santiagos. Yonatan Miller, Unterstützer des Gorillas Workers Collective, sagte der taz, bei der Rede habe es sich um „reine Öffentlichkeitsarbeit“ gehandelt. Sümer habe im „Aktivist:innensprech“ geredet, dabei aber letztlich „fast nichts gesagt“. Auf Twitter lässt das Kollektiv deshalb über die „favourite Bingocard-Moments“ aus der Rede des „dear leader“ abstimmen – klarer Sieger: „We are family.“ Miller kritisierte auch, dass die Rider für die Zoomsession nicht bezahlt worden seien.

Auf die schwere Kritik will Sümer nun ausgerechnet mit einer Fahrradtour reagieren. Er kündigte – in einem wahren CEO-Move – an, ab dem 28. Juni Gorillas-Lagerhallen in ganz Deutschland abklappern zu wollen, um dort mit Angestellten ins Gespräch zu kommen. „Er kann das schon machen“, sagte Miller. In den Lagerhallen würde Sümer „sehen, wie unzufrieden alle sind“. Reale Missstände würden durch solche Aktionen dagegen nicht beseitigt.

Die Rider wollen weiterkämpfen – und sie sind nicht allein. So sind auf Twitter Bilder von Solidaritätsaktionen anderer Rider aus Karlsruhe, Stuttgart oder London zu sehen. Auch Berlins Kultursenator Klaus Lederer (Linke) erklärte auf Twitter, die Proteste zeigten, „wie Solidarität gelebt wird“.

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