Streaming und die Zukunft des Kinos: Alles durch die Pipeline schicken?

Während die Kinos geschlossen bleiben, gewinnen Streamingdienste an Publikum. In der Akademie der Künste in Berlin wurde über die Folgen diskutiert.

Menschen im Schneegestöber, die einem Filmstar außerhalb des Bildes zujubeln

Damals wurden Festivals noch in und vor den Kinos gefeiert: Eröffnung der Berlinale, 2010 Foto: Amelie Losier

Friseur müsste man dieser Tage sein. Für deren Geschäfte gibt es immerhin die Aussicht, im März wieder öffnen zu können. Bei den Kinos sieht es anders aus. Die Hoffnungen der Branche richten sich aktuell auf Ostern als Ende der Zwangsschließungen. Zumindest zeigte sich Christine Berg, Vorstandsvorsitzende des Hauptverbands Deutscher Filmtheater (HDF) Kino, beim Akademiegespräch der Akademie der Künste in Berlin am Dienstag vorsichtig optimistisch.

„Über Kinolandschaften und Streamingwelten“ lautete der Titel der Podiumsrunde, die in Gestalt einer Videokonferenz online gestreamt wurde. Allein die Präsidentin der Akademie, Jeanine Meerapfel, und der Moderator, FAZ-Redakteur An­dreas Kilb, saßen dabei am Pariser Platz im selben Raum. Um sie herum gruppiert, waren die Köpfe der übrigen Beteiligten zu sehen. Anblicke, die inzwischen längst normal wirken, obwohl sie es eben gerade nicht sind.

Andreas Kilb erinnerte eingangs daran, dass die Streamingdienste, allen voran Netflix, starken Zulauf haben, seit die Kinos schließen mussten. Zur Verdeutlichung: Netflix verzeichnete im letzten Quartal 2020 mehr als 200 Millionen Nutzer, der Umsatz stieg auf 21 Milliarden Euro. Auch kleinere Anbieter können sich über großes Interesse freuen. Darunter die Schweizer Stiftung trigon-film, die als Verleih, DVD-Label und Onlineplattform vor allem Produk­tio­nen aus Asien, Afrika und Lateinamerika betreut, Filme, die es im Kino schon vor der Pandemie oft schwer hatten. Die aus der Schweiz zugeschaltete Geschäftsführerin Meret Ruggle berichtete, der Server ihrer Plattform sei nach den ersten Tagen des Lockdowns wegen Überlastung vorübergehend zusammengebrochen.

Dass Filme und Serien derzeit durch Streamingdienste überhaupt ihr Publikum finden, sah die Mehrheit des Podiums durchaus positiv. Die Autorin Anna Winger, die für ihre Serie „Unorthodox“ mit Netflix zusammenarbeitete, lobte das Unternehmen als guten Partner; es sei eine „Pipeline“ für Inhalte. Selbst eine Serie in einer „Sprache ohne Land“ – „Unorthodox“ ist zum Teil auf Jiddisch – könne so von Leuten auf der ganzen Welt gesehen werden.

Netflix ist nicht der Feind

Streaming eröffne auch Filmfestivals neue Möglichkeiten, so Christoph Terhechte, der langjährige Leiter der Sektion Forum der Berlinale. Dass deren Start pandemiehalber verschoben wurde, blieb in der Runde unerwähnt. Letzten Herbst war Terhechte zum ersten Mal als Intendant für das Dokumentarfilmfestival DOK Leipzig verantwortlich, das online abgehalten wurde. Den Festivals biete Streaming die Chance, Menschen an anderen Orten zu erreichen, sofern dies nicht durch „Geoblocking“, die ­regionale Begrenzung von Online-Inhalten, verhindert werde. Terhechte warnte andererseits, dass die Coronapandemie eine ernste Gefahr für Kinos und damit für Filmfestivals rund um die Welt darstelle. Denn wenn Kinos pleitegingen, fehle den Festivals ihr Ort.

Der Staat habe daher die Aufgabe, die Kinos zu retten. Filmfestivals ihrerseits müssten eng mit den Kinos am Ort zusammenarbeiten. Für die Zukunft entwarf Terhechte die Idee von staatlichen Kulturhäusern mit Kinos, die in der Lage seien, analoge 35-mm-Filme vorzuführen. Musealisierung als Chance.

Den Staat sah auch Jeanine Meerapfel in der Pflicht. Es sei nicht zu verstehen, warum Thea­ter öffentlich subventio­niert würden, Kinos aber nicht. Zwar müssten größere Kinos stärker auf die Bedürfnisse junger Menschen eingehen – welche, ließ sie offen –, für Arthouse-Kinos sei eine Förderung zum Erhalt aber nötig. Wobei die Runde keinesfalls einen elitären Kinobegriff vertrat. Zumal Blockbuster für die Kinos nötig sind, um zu überleben, wie Jon Barrenechea vom Arthouse-Strea­mingdienst Mubi ­erinnerte.

Als großen Gegner der Kinos sah die Streamingdienste in der gegenwärtigen Lage im Übrigen niemand, vielmehr die Pandemie mit den damit einhergehenden Restriktionen. Auch die soziale Rolle der Kinos sei in Gefahr, warnte Meret Ruggle. Ohnehin hätten junge Menschen einen völlig anderen Begriff von Kino; für sie seien Net­flix und Kino dasselbe. Hingegen war Anna Winger zuversichtlich, dass Menschen, die gern Filme streamen, ebenso gern ins Kino gehen und das auch wieder tun würden, sobald sie wieder könnten. Ob das für die nachwachsenden Generationen immer noch gilt, bleibt abzuwarten.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de