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Stimmen aus IranSie wartet auf den Prinzen

Die Angriffe der USA und Israels auf Iran halten an. Wie es Menschen in Teheran geht, was sie sich wünschen und was sie für die Zukunft fürchten.

Reza Pahlavi, der Schah-Sohn, ist die Hoffnung einiger Ira­ne­r:in­nen, aber nicht aller Foto: Wolfgang Maria Weber/imago

Es ist der dritte Tag der Luftangriffe auf Iran. Aus Teheran und vielen anderen iranischen Städten werden sie als massiv beschrieben. In ganz Teheran seien massive Explosionen zu hören, erzählen Betroffene.

Doch noch immer haben die Menschen in Iran wohl weit weniger Angst als noch während der Tage der Proteste und der ihnen folgenden Massaker im Januar. Dieses Bild ergibt sich aus Nachrichten an die taz aus Iran. Viele Iranerinnen und Iraner sagen: Sie hätten mehr Vertrauen in die Zielgenauigkeit der USA, als in die Verbrechen der Islamischen Republik.

Sie beschreiben, wie sich die Menschen, als sie vom Tod Ajatollah Chameneis erfuhren, gegenseitig gratuliert haben. Selbst jetzt – obwohl das Internet abgeschaltet ist – koordinieren sie Treffen. Immer dann, wenn es jemandem zufällig gelingt, sich mit Telegram oder WhatsApp zu verbinden.

Ramin ist Ende Vierzig und lebt in Teheran. Er sagt der taz über einen Messengerdienst: „Wenn man auf die Straße geht, sieht man die Zufriedenheit in den Augen der Menschen; alle sind glücklich. Seit der Bestätigung von Chameneis Tod gehe ich durch die Straßen und lächle ohne Grund. Die Menschen schauen sich an und lächeln und nicken. Wir alle verstehen, was wir meinen.“

Er erzählt weiter: „Es ist nicht so, dass Teheran ständig unter Bomben und Raketen steht. In diesen drei Tagen haben wir gelernt, dass jede Angriffswelle etwa eine halbe Stunde dauert. Während des Angriffs bewegen wir uns nicht, wir bleiben in unseren Häusern oder in dem Gebäude, in dem wir uns gerade befinden. Wir haben außerdem alle gelernt, dass es um Mitternacht wohl immer einen Angriff gibt. Wir gehen früh schlafen, damit wir, wenn wir vom Lärm der Bomben aufwachen, schnell auf das Dach gehen und die Angriffe aus der Ferne beobachten können“.

Warten auf den richtigen Moment

Mina, die als Ärztin fast täglich aus dem Umland in die Hauptstadt hinein pendelt, berichtet der taz Ähnliches: „Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass alle Menschen in meinem Leben – Verwandte, bei der Arbeit, sogar die ich nur auf der Straße sehe – glücklich und hoffnungsvoll sind“. Auch sie tauscht sich mit vielen Vertrauten aus, und harrt der Dinge, die da kommen.

Sie sagt: „Manchmal werden Szenarien entworfen, dass die Islamische Republik versuchen könnte, durch einen internen Putsch und eine Machtumwandlung eine Einigung mit den Vereinigten Staaten zu erzielen. Aber wir warten.“

Mina wartet auf den Prinzen, also den Sohn des gestürzten Schahs Reza Pahlavi. Wenn er dazu aufrufe, sagt sie, würden sie und viele andere auf die Straßen gehen – „um uns gegen die Islamische Republik zu stellen.“ Royalisten wie sie machen allerdings nur einen Teil der Opposition aus, während andere sich für die Zukunft ihres Landes demokratischere Strukturen wünschen.

Sie wissen, dass der Krieg dauern könnte

Dass der Krieg andauern könnte, ist Mina bewusst: „Ehrlich gesagt scheint es, dass wir noch eine neue Welle von Angriffen brauchen, damit die Islamische Republik vollständig zusammenbricht. Es wird noch ein wenig dauern, bis die Menschen wieder auf die Straße gehen können, ohne erneut von der IRGC und den Streitkräften der Islamischen Republik massakriert zu werden. Aber ich habe keinen Zweifel daran, dass die Islamische Republik am Ende ist“.

Dabei sei der Tod von Chamenei wie ein Turbozünder gewesen: „Fast alle in Iran sind sich sicher, dass dieses Regime sehr auf der Person Chameneis basierte. Und jetzt, da diese enorme Lücke im Machtmechanismus der Islamischen Republik entstanden ist, ist ihr Zusammenbruch sehr nahe.“

Und dann gibt es da noch so eine Theorie: Es gebe ein „verdächtiges Foto“, wie sie es nennt, des provisorischen Führungsrats“. Drei Personen sind darauf zu sehen: Masoud Pezeshkian, Regierungschef; Mohseni-Ejei, Chef der Justiz, und Alireza Arafi, ein geistliches Mitglied des Wächterrats.

Er gilt als aussichtsreicher Anwärter auf den Posten als nächsten obersten Führer der Islamischen Republik. „Viele in Iran analysieren dieses Foto. Und vermuten, dass es sie im Keller eines Krankenhauses im Norden Teherans zeigt“. Mina kritisiert: „Sie nutzen den Keller des Krankenhauses als Unterschlupf und gefährden das Leben anderer Menschen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.“ Natürlich, gibt sie zu, dass es auch Stimmen gibt, die dem widersprechen, also die sich sicher sind, dass die drei nicht dauerhaft dort sitzen – falls das Foto tatsächlich aus dem Spital stammt.

Viele in Teheran und in ganz Iran warten mit Vorfreude auf einen Zusammenbruch. Und sorgen sich vor dem, was kommen könnte, wenn das Regime doch bestehen bleibt.

Aus dem Englischen Lisa Schneider

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