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Steglitz-Zehlendorf vor der WahlAbseits von Villen und Seen

Antisemitismus gibt es auch im Berliner Südwesten – genauso wie zu hohe Mieten, zu wenige Wohnungen und Vermüllung.

Daniel Eliasson wartet an einer Stelle auf die taz, an der eine Sache mal unerwartet schnell ging. Der 28-Jährige sitzt mit grünem T-Shirt in einer hölzernen Sitzecke vor dem Zehlendorfer „Bali“, dem traditionsreichen Vorortkino. Die gut fünf Meter lange Holzkonstruktion hat der Kinobetreiber vor einigen Monaten selbst besorgt und bezahlt, vernehmbare Kritik kam nur von einem örtlichen CDU-Politiker, der sich um einen halben wegfallenden Pkw-Parkplatz sorgte. Es ist ein Lichtblick in einem Bezirk, in dem sich andere Entscheidungen jahrzehntelang ziehen können.

So wie der Umbau des Zehlendorfer S-Bahnhofs keine 100 Meter vom Kino weg. Eng an eng schieben sich dort Einkäufer und S-Bahn-Nutzer durch eine Unterführung, durch die nun auch Eliasson mit der taz geht. Längst sollte es einen zweiten Zugang von der anderen Seite des Teltower Damms geben, der Nord-Süd-Achse des Ortsteils. Doch die Planungen der Deutschen Bahn sehen das erst in den 2030er Jahren vor.

Es ist nur eine jener Misslichkeiten, die so gar nicht passen zum Klischee des noblen oder reichen Südwest-Bezirks, in dem es sich unbelastet von den Nöten im Rest der Stadt leben ließe. Schlösser und Villen an Havel und Wannsee, Badeseen fast um die Ecke gibt es zwar tatsächlich. Aber es gibt genauso wie stadtweit Vermüllung und wachsende Obdachlosigkeit. Auch bei diesem Rundgang ist zu sehen, dass sich die Zahl derjenigen erhöht hat, die längs der stark befahrenen Einkaufsstraße unweit des Rathauses um eine Spende bitten.

taz-Serie: Berliner Bezirke vor der Wahl

Wenn am 20. September das Berliner Abgeordnetenhaus neu gewählt wird, können die Wäh­le­r:in­nen auch gleich ihr Kreuzchen für das Bezirksparlament machen, offiziell: Bezirksverordnetenversammlung (BVV). Die Bezirke sind zwar keine eigenständigen Kommunen, nehmen aber wichtige Aufgaben der Verwaltung wahr, etwa bei Schulen und in Grünflächen, in den Bürgerämtern und bei der Jugendarbeit. Und obwohl sie immer zu wenig Geld haben, treffen die Bezirksämter bisweilen wichtige politische Entscheidungen – zum Beispiel über Milieuschutzgebiete, Bebauungspläne oder Radwege.

Ortstermin: Was ist los in den 12 Großstädten, aus denen Berlin besteht? Was bewegt die Bürger:innen, wo drückt der Schuh, was steht auf dem Spiel? Bis zur Wahl unternimmt die taz jede Woche Montag einen Ortstermin. Alle Teile der Serie finden sie hier auf taz.de versammelt.

Zentrales Aufregerthema aber sind auch in Steglitz-Zehlendorf wie in der Innenstadt hohe Mieten und fehlende Wohnungen. „Das ist klar Thema Nummer 1“, erzählt Eliasson von seinen Erfahrungen im Wahlkampf. Wer Gründe dafür sucht, findet sie im Süden des Bezirks, im Ortsteil Lichterfelde-Süd.

Stockender Wohnungsbau

Seit 2012 gibt es dort konkrete Pläne, fast 3.000 Wohnungen auf einem früher von der US-Armee genutzten Gelände zu bauen. 14 Jahre später ist dort immer noch keine Wohnung errichtet, eine Übergabe von Bauplänen im Juni sollte den endgültigen Start symbolisieren.

Teil 12: Steglitz-Zehlendorf

Der Bezirk entstand 2001 durch die Fusion der bis dahin eigenständigen Bezirke Steglitz und Zehlendorf. Er hatte Ende 2025 rund 295.000 Einwohner, die zwischen so unterschiedlichen Polen wie dem städtischen Steglitz im Nordosten und dem vorrangig aus Wald und Wasserfläche bestehenden Bereich am Wannsee leben. Die Zahl der Ortsteile des Bezirks vergrößerte sich Ende 2020 ohne Gebietszuwachs von sieben auf acht: Eine Initiative um den früheren Kreuzberger Grünen-Stadtrat Dirk Jordan setzte durch, das „Schlachtensee“ nicht nur für einen See und eine sogenannte Ortslage, sondern für einen von nun 97 Berliner Ortsteilen steht.

Bezirksbürgermeisterin ist seit 2021 Maren Schellenberg von den Grünen. Es ist das erste Mal, das ihre Partei den Spitzenposten im Bezirk besetzen konnte. Seit 1971 hatte es sowohl in Steglitz als auch in Zehlendorf sowie im fusionierten Bezirk nur CDU-Männer im Bürgermeisteramt gegeben, nie eine Frau. Bei der Wahl am 20. September tritt die jetzt 64-Jährige nicht erneut an.

Ihre Nachfolge will Grünen-Spitzenkandidat Urban Aykal übernehmen, derzeit Stadtrat für Ordnung, Umwelt- und Naturschutz, Straßen und Grünflächen. Seine Konkurrenten sind seine Stadtratskollegen aus dem Bezirksamt: Tim Richter (CDU) und Carolina Böhm (SPD)

In die Bezirksverordnetenversammlung (BVV) konnten nach der Wiederholungswahl 2023 sechs Fraktionen einziehen. Stärkste Kraft bei der Wahl war die CDU mit 36,1 Prozent vor den Grünen (21,6), der SPD (18,9), der FDP (6,5), der AfD (5,6) und der Linkspartei (4,7). Die Linkspartei kam in die BVV, weil auf Bezirksebene keine 5-Prozent-Hürde wie auf Landesebene, sondern eine 3-Prozent_Hürde gilt. In der BVV bildeten Grüne, SPD und FDP eine Zählgemeinschaft, die Schelleberg ins Amt wählte.

Im Zehlendorfer Rathaus – es sollte schon vor über zehn Jahren ein Vorzeigeprojekt zu energetischer Sanierung werden sollte, das aber in einem Millionengrab endete – tagt fast monatlich auch die Bezirksverordnetenversammlung, kurz BVV, der Eliasson seit 2022 angehört. Es ist das Quasi-und-eigentlich-doch-nicht-Parlament von Steglitz-Zehlendorf – rein rechtlich ist es bloß Teil der Verwaltung, sein Haushalt ist ihm allein vom Abgeordnetenhaus zugebilligt, wie in allen zwölf Berliner Bezirken.

Der Sitzungssaal ist nicht irgendein gesichtsloser Raum, sondern ein holzgetäfelter Saal mit hohen Scheiben und Parkettboden. Der zog schon Menschen an, die auf der Suche nach Schauplätzen für die Verfilmung von „der Vorleser“ waren, dem Bestseller von Bernhard Schlink. Kate Winslett, der US-Schauspielstar aus „Titanic“, stand hier bei Dreharbeiten im März 2008 mit Verwaltungsmitarbeitern im Fahrstuhl.

Die Sitzungen der Bezirksverordnetenversammlung, kurz BVV, sehen in der Regel weit weniger glamourös aus als jene Filmarbeiten. Politisch dominiert hier seit 2021 erstmals seit Jahrzehnten nicht die CDU. Die stellt zwar weiter die größte Fraktion. Doch zu einer Zählgemeinschaft, wie Koalitionen auf Bezirksebene heißen, schlossen sich damals Grüne, SPD und FDP zusammen – und wählten, weil die Grünen in diesem Bündnis die größte Gruppe stellen, erstmals eine Grüne zur Bürgermeisterin.

Vorbild für Schwarz-Grün

Berliner Polit-Geschichte schrieb der Bezirk schon 2006: Damals gab es in der BVV das landesweit erste schwarz-grüne Bündnis. Die dortige Fraktionsspitze ist zudem seit 2007 eine Art Kaderschmiede für den Grünen-Landesvorstand: Drei der vier weiblichen Grünen-Landesvorsitzenden seither führten zuvor die Fraktion im Zehlendorfer BVV-Saal.

Eliasson steht zwar erneut auf der Grünen-Kandidatenliste für die BVV. Erstes Ziel aber ist dieses Mal, eine Ebene höher Politik zu machen und ins Abgeordnetenhaus einziehen. Sein Wahlkreis liegt dabei nicht am Zehlendorfer Rathaus, sondern im östlichen Steglitz und in Südende. Der Wahlkreis hat kein echtes Zentrum und auch keinen Marktplatz, schlechte Voraussetzungen für einen Wahlkampf. Wähler in größeren Mengen lassen sich am ehesten am Edeka am Steglitzer Damm abgreifen, gleich neben der auch überörtlich bekannten Currywurstbude „Krasselt's“

Es ist ein Wahlkreis, dem landesweit besondere Aufmerksamkeit gilt: Ihn will auch SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach holen. 2023 allerdings gewann hier die CDU, wie auch in allen sechs anderen Wahlkreisen im Bezirk. Christdemokrat Tom Cywinski lag sieben Prozentpunkte vor dem damaligen SPD-Bewerber und neun Punkte vor Eliassons Vorgängerin Tonka Wojahn.

Für Wojahn, die über die Landesliste der Grünen trotzdem ins Abgeordnetenhaus kam, arbeitet Eliasson bislang im Parlament. Sie kandidiert dieses Mal im Steglitzer Nachbarwahlkreis, wo sich die Grünen die größten Chancen auf einen Sieg ausrechnen – 2023 fehlen nur knapp anderthalb Prozentpunkte. Auch hier tritt eine landesweite Spitzenkandidatin an: Kristin Brinker von der AfD. Mit Blick auf die hat Eliasson im Wahlkampf beobachtet: „Weitaus mehr Menschen als früher sagen offen: Ich wähle blau. Das macht mir große Sorgen.“

taz Talk zur Abgeordnetenhauswahl

Enteignung als Lösung – oder das Ende von Rot-Rot-Grün?

Di., 15.09.2026, 19:00 Uhr, taz Kantine: Anmeldung

Die Mietenkrise bestimmt den Wahlkampf, doch die Vergesellschaftungsfrage spaltet die Parteien. Knapp eine Woche vor der Berlin-Wahl am 20. September gehen wir den Fragen nach: Wie können sich SPD, Linke und Grüne doch zusammenraufen, ohne den demokratischen Auftrag der Ber­li­ne­r:in­nen zu ignorieren? Führt die Enteignungsfrage Berlin in eine politische Sackgasse, von der am Ende nur die Konservativen profitieren? Und was bringt eine Enteignung eigentlich?

Im Gespräch:

Sebastian Schlüsselburg ist Mitglied des Abgeordnetenhauses, ehemals für die Linke, seit 2025 für die SPD.

Katrin Schmidberger ist Mitglied des Abgeordnetenhauses und Sprecherin für Mietenpolitik für die Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.

Rouzbeh Taheri ist Neuköllner Direktkandidat der Linken für das Abgeordnetenhaus. Er war Mitgründer und Sprecher der Initiative Deutsche Wohnen & Co Enteignen.

Eintritt frei. Platzreservierung erforderlich

Die Teilnahme in der taz Kantine (Friedrichstraße 21) ist nur mit einem im Voraus gebuchten Ticket möglich. Wir bitten Sie daher um eine Anmeldung. Die Plätze sind begrenzt, der Eintritt ist kostenlos. Der Zugang zur Veranstaltung ist barrierefrei. Zusätzlich wird die Veranstaltung im Livestream übertragen.

Im Parlament unterrepräsentiert

Trotz Wojahns großen Rückstands bei der vorigen Wahl meint der Grüne, auch in seinem Wahlkreis gewinnen zu können. Online gestellt hat er eine Berechnung, die ihn nur knapp hinter dem CDU-Mann Cywinski sieht – und weit vor dem abgeschlagenen SPDler Krach.

Eliasson wäre eine Besonderheit, wenn er im Oktober dem dann neu zusammen gesetzten Abgeordnetenhaus angehören würde: Zumindest nach seiner Beobachtung wäre er der einzige Jude im Parlament. Das definiert er nicht religiös, sondern über seine Herkunft und Kultur: Seine Eltern, russische Juden, kamen 1991 nach Deutschland. Seit Jahren engagiert er sich gegen Antisemitismus, 2025 drängte er mit anderen in der BVV darauf, zwei Songs des US-Rappers Kanye West auf den Index jugendgefährdender Medien setzen zu lassen.

Eliasson ist schon mehrfach antisemitisch angegangen worden, 2025 veröffentlichten mutmaßliche Rechtsextreme im Internet persönliche Daten von ihm. Knapp zwei Wochen nach dem Treffen mit der taz aber macht er Ende August seine bisher schlimmste Erfahrung in dieser Hinsicht. In seinem Wahlkreis, vor einem Einkaufsladen in einer Nebenstraße, wird er nach eigener Darstellung angepöbelt und antisemitisch beleidigt – und beinahe verprügelt. Die Faust eines 68-jährigen Mannes, den die Polizei am nächsten Tag nach Anzeige von Eliasson festnimmt, habe ihn nur knapp verfehlt.

Als er am Nachmittag bei einer Kundgebung am Rathaus Steglitz von dem Vorfall berichtet und dazu auffordert, sich jedem Antisemitismus konsequent entgegenzustellen stellen ihm die Veranstalter – nach seinen Worten aus dem Umfeld der Linksjugend Solid – das Mikro ab. Eliason hatte die „Yalla Yalla Intifada“-Rufe am Wochenende zuvor bei einer Veranstaltung der Neuköllner Linkspartei kritisiert.

Lieber Linke als CDU

Mit Blick auf die Koalitionsbildung nach der Wahl sagt Eliasson, auch mit Blick auf das Erlebte: „Ich bin dagegen, Koalitionen auszuschließen – wir als Grüne bleiben anschlussfähig an alle demokratischen Parteien. Aber die Linke macht es uns verdammt schwer.“ Gleichzeitig sehe er gerade mit Blick auf die Verkehrswende und die Fördergeldaffäre nicht, wie man mit der CDU koalieren könne.

Das gilt für Eliasson nicht nur für das Abgeordnetenhaus. Als der Rundgang mit der taz wieder an der hölzernen Sitzecke ankommt, die einem CDU-Mitglied aus dem Bezirksparlament missfiel, sagt er: „Wir haben es hier im Bezirk mit einer CDU zu tun, die es einem schwer macht, sie ernst zu nehmen.“

Nach dem Erfolg der AfD bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt bangen viele Menschen um die Zukunft, es droht die erste AfD-Regierung. Das wäre eine (weitere) Zäsur für Deutschland. Gerade jetzt braucht es Zusammenhalt und Solidarität. Auch und vor allem mit den Menschen, die sich vor Ort für eine starke Zivilgesellschaft einsetzen. Die taz kooperiert deshalb mit "Alles beginnt im Zentrum". Die Kampagne unterstützt bundesweit linke, selbstverwaltete Orte und baut einen solidarischen Fonds für deren Schutz und Erhalt auf. Eine offene Gesellschaft braucht guten, frei zugänglichen Journalismus – und zivilgesellschaftliches Engagement. Finden Sie auch? Dann machen Sie mit und unterstützen Sie unsere Aktion. Jetzt unterstützen

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