: Starker Kaffee und die Kraft der Nähe
Der Faire Handel in Deutschland ist im Geschäftsjahr 2025 erneut gewachsen. Der Umsatz stieg auch aufgrund von Preiserhöhungen bei den Rohstoffen. Jenseits dieser Zahlen stellt sich strukturell eine Machtfrage
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Von Volker Engels
Der Umsatz mit fair gehandelten Produkten erreichte 2025 einen neuen Höchstwert von 2,7 Milliarden Euro, ein Zuwachs von 4,7 Prozent verglichen mit dem Vorjahr. Diese Bilanz zieht das Forum Fairer Handel (FFH), der nationale Verband des Fairen Handels in Deutschland. Der größte Teil des Fair-Handels-Umsatzes in Deutschland entfällt weiterhin auf Lebensmittel. Besonders wichtig ist Kaffee mit einem Anteil von knapp 41 Prozent am Gesamtumsatz fairer Produkte. Dennoch liegt der Marktanteil von fairem Röstkaffee weiterhin bei nur knapp 6 Prozent – der weitaus größte Teil des in Deutschland konsumierten Kaffees stammt also nach wie vor nicht aus Fairem Handel. Mehr als drei Viertel des fair gehandelten Kaffees in Deutschland sind biozertifiziert. Mit gut 10 Prozent folgen Südfrüchte, Textilien und Schokolade kommen jeweils auf rund 8 Prozent.
Den Löwenanteil des Gesamtumsatzes machten mit knapp 84 Prozent Produkte mit dem Fairtrade-Siegel aus. Ihr Umsatz belief sich auf 2,27 Milliarden Euro. Bei den übrigen anerkannten Fair-Handels-Unternehmen stieg der Umsatz auf 275 Millionen Euro, ein Plus von 4,2 Prozent. Das größte unter ihnen, die Wuppertaler Gepa, die im vergangenen Jahr ihr 50-jähriges Bestehen feierte, steigerte ihren Großhandelsumsatz um 22,7 Prozent. Ausschlaggebend dafür waren vor allem Preiserhöhungen infolge höherer Rohstoffpreise. Auch die Weltläden und Weltgruppen in Deutschland entwickelten sich 2025 positiv: Ihr Gesamtumsatz stieg auf 87 Millionen Euro und damit um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Es gibt eine jahrzehntelange Verbindung der Gepa mit den Weltläden- und Gruppen, die historisch gewachsen ist: Die Weltläden waren die gesellschaftliche und ehrenamtliche Basis des Fairen Handels in Deutschland, während die Gepa geschaffen wurde, um diesem Engagement eine professionelle Handels- und Importstruktur zu geben. „Heute ist der Weltladen-Dachverband nicht mehr Gesellschafter der Gepa, wir arbeiten aber immer noch für dieselben politischen Ziele, wie zum Beispiel ein wirksames Lieferkettengesetz“, sagt Brigitte Frommeyer aus der Pressestelle der Gepa.
Auch wenn fair zertifizierte Produkte aus dem Globalen Süden weiterhin im Vordergrund stehen, belief sich der Umsatz mit fairen Produkten aus Deutschland und Europa auf 157 Millionen Euro. In Frankreich lag der Umsatz der fair zertifizierten Produkte, die aus dem eigenen Land kommen, bei mehr als 1,6 Milliarden Euro und hat dort die traditionellen Fair-Trade-Produkte aus dem Globalen Süden knapp überholt. „Viele französische Verbraucher:innen kaufen bewusst faire Produkte aus dem eigenen Land, um die lokale Landwirtschaft zu unterstützen“, sagt FFH-Geschäftsführer Matthias Fiedler. Darüber hinaus gebe es seit vielen Jahren verbindliche staatliche Vorgaben für die Siegel, die von Behörden kontrolliert werden. In Deutschland sei die Haltung „möglichst billig“ verbreiteter als in anderen Ländern.
Bei fair zertifizierten Produkten und Lieferketten aus Deutschland und Europa spielt Naturland Fair eine zentrale Rolle. Während das reguläre Naturland-Siegel Anforderungen an die ökologische Produktion und soziale Standards stellt, ergänzt Naturland Fair diese um die Kriterien des Fairen Handels – darunter faire Preise, langfristige Handelsbeziehungen, Transparenz und gesellschaftliches Engagement. Naturland Fair ist damit keine Alternative zum Naturland-Siegel, sondern eine freiwillige Zusatzzertifizierung. Sie wird sowohl für Produkte und Lieferketten mit Erzeugern im Globalen Süden als auch im Globalen Norden vergeben.
„Grundsätzlich gelten die Naturland-Richtlinien für die Erzeuger im Globalen Süden und im Globalen Norden gleichermaßen“, sagt Ramon Glienke aus dem Arbeitsbereich Naturland Fair & Soziale Verantwortung. Unterschiede gebe es allerdings bei den Schwerpunkten. „Wir achten zum Beispiel im Globalen Norden stärker darauf, dass Betriebe sich gesellschaftspolitisch engagieren.“ Das kann etwa die Beteiligung an Umwelt- oder anderen gemeinwohlorientierten Projekten bedeuten. Naturland-Fair-zertifiziert sind in Deutschland und Europa unter anderem Produkte wie Milch, Backwaren, Wein, Obst und Gemüse.
Die Faire Woche steht in diesem Jahr unter dem Motto Fair handeln – Vielfalt erleben. In den zwei Wochen vom 11. bis 25. September rücken die Facetten des Fairen Handels in den Mittelpunkt – mit einem besonderen Fokus auf junge Menschen. Die Fairtrade-Akteure präsentieren bundesweit ihre Perspektiven, ihre Lebensrealitäten und ihre Rolle für eine vielfältige Zukunft.
www.faire-woche.de
Ein Beispiel dafür sind einige Biolimonaden der Neumarkter Lammsbräu, die zusätzlich das Naturland-Fair-Siegel tragen. Die Zutaten kommen aus unterschiedlichen Regionen Europas: Zucker und Holunderblüten stammen von Betrieben aus Süddeutschland, der Zitronensaft kommt aus Italien und Spanien. Anna Neubauer, bei der mittelständischen Familienbrauerei für das Management der Liefernetzwerke zuständig, kennt viele der Erzeuger persönlich. Das gilt für die Betriebe in Süddeutschland, die die Brauerei zum Teil seit Jahrzehnten mit Hopfen, Gerste oder Holunder beliefern, ebenso wie für Lieferanten im Ausland. In der südspanischen Region Murcia etwa besuchte Neubauer eine Genossenschaft aus kleinen und mittleren Familienbetrieben. Einige von ihnen bauen dort bereits seit Generationen Zitronen an. Von diesen Betrieben stammen die Früchte für die Limonaden. Ein regionaler Verarbeiter presst die Zitronen zu Saft, der anschließend nach Deutschland geliefert wird.
Genau solche langfristigen Beziehungen stehen im Zentrum der Naturland-Fair-Zertifizierung. Sie verlangt, dass sich die Beteiligten entlang der Lieferkette auf Augenhöhe begegnen, verlässlich zusammenarbeiten und die Partnerschaft den Erzeugern ein gutes Auskommen ermöglicht. Dafür brauche es vor allem persönlichen Austausch, sagt Neubauer: „Damit das funktioniert, muss man sich kennenlernen, aufeinander zugehen, offen miteinander sprechen.“ Diese Nähe zu den Produzenten steht allerdings einer Lebensmittelbranche gegenüber, die in weiten Teilen von wenigen großen Konzernen und ihrer erheblichen Marktmacht geprägt ist.
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