Stadt Ehingen nach Schlecker-Insolvenz

Das Leben nach der Pleite

2012 meldet die größte Drogeriekette Europas Insolvenz an. Was wurde aus der Stadt Ehingen, Sitz der Firmenzentrale und Heimat der Familie Schlecker?

Die ehemalige Firmenzentrale des Unternehmens Schlecker.

Vergangene Zeiten: Der Schriftzug vor der ehemaligen Firmenzentrale wurde erst 2015 entfernt Foto: reuters

EHINGEN taz | Am 25. April war es so weit. Das letzte strafrechtliche Urteil zur Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker wurde gesprochen. Seitdem sitzen Meike und Lars Schlecker, Tochter und Sohn des Firmengründers Anton Schlecker, im Gefängnis. Sieben Jahre hat die Aufarbeitung der Pleite im Jahr 2012 gedauert. Auch in der Heimatstadt der Schlecker-Familie Ehingen möchte man mit dem einstigen Vorzeigeunternehmen abschließen.

Ein Besuch im ehemaligen Schleckerland in Ehingen: Das befindet sich auf demselben Gelände wie die einstige Firmenzentrale, am Rand der Stadt gelegen. Schlecker ist eigentlich für seine kleinen Drogeriemärkte bekannt, die früher in jeder deutschen Innenstadt zu finden waren. Doch bevor 1975 der erste Schlecker-Drogeriemarkt öffnet, entsteht 1967 das erste Schleckerland.

Ein Komplex aus mehreren Flachbauten, in dem sich früher ein großer Supermarkt, ein Bau- sowie ein Kinder- und Möbelmarkt befunden haben – alles unter der Marke Schlecker. Im Jahr der Insolvenz 2012 übernimmt ein Hamburger Investor das Gelände des Schleckerlands und führt es als Alb-Donau-Center weiter. Heute haben sich in dem Komplex andere Unternehmen angesiedelt, unter anderem ein großer Supermarkt und ein Baumarkt sowie kleinere Läden. Das Geschäft läuft. An die Vergangenheit erinnert nur noch der verlassene Möbelmarkt mit einem Schleckerland-Aufkleber auf der Tür.

Schon Jahre vor der Pleite Millionenverluste

Auch der ehemaligen Firmenzentrale dahinter, einem verspiegelten Klotz, sieht man nicht an, wer dort früher ansässig war. Nach der Pleite möchte der Insolvenzverwalter die Firmenzentrale irgendwie verkaufen. Doch es gibt ein Pro­blem. „Niemand braucht 20.000 Quadratmeter Bürofläche am Stück in Ehingen“, sagt Alexander Baumann (CDU), der bereits seit 2010 der Oberbürgermeister Ehingens ist. Die Stadt entscheidet sich stattdessen, die Immobilie zu erwerben, es wird Stillschweigen über den Preis vereinbart. Die Büroflächen werden an verschiedene Unternehmen vermietet, heute sind über 90 Prozent der Flächen belegt. Etwas mehr als 600 Menschen würden dort arbeiten, sagt Baumann.

Die Insolvenz Schleckers trifft Ehingen nicht völlig überraschend. Zumindest auf die Stadtfinanzen hat sie keine große Auswirkung. Tatsächlich fährt das Unternehmen bereits seit 2005 Millionenverluste ein, die sich von Jahr zu Jahr steigern. Für die Stadt heißt das, dass sie bereits sieben Jahre vor der Insolvenz keine Gewerbesteuer von dem Drogerieriesen bekommt.

Am härtesten trifft es die Mitarbeitenden. „Für die Region war Schlecker ein guter Arbeitgeber“, resümiert Alexander Baumann. Vor allem beschäftigt das Unternehmen viele Menschen dort. Baumann schätzt, dass damals rund 1.000 Beschäftigte in der Firmenzentrale, im Schleckerland und im Zentrallager arbeiten.

Doch auch die Entlassungen kann die Stadt abfedern. Eine Erhebung der Agentur für Arbeit ergibt, dass von den 437 ehemaligen Schlecker-Mitarbeitenden, die sich in der Region 2012 arbeitslos gemeldet haben, im August 2013 344 nicht mehr erwerbslos waren – also 79 Prozent. Die Region ist wirtschaftlich erfolgreich, viele Mittelständler sind dort ansässig. Allein in Ehingen unterhalten der südafrikanische Papierhersteller Sappi und der deutsche Baukranproduzent Liebherr große Werke.

Spenden an Vereine bleiben aus

Doch abseits wirtschaftlicher Kennzahlen berührt die Insolvenz noch andere, eigentlich selbständige Strukturen. „Das Turnier war stark abhängig von Schlecker“, sagt Tobias Krohn. Er ist Vorsitzender des Ehinger Vereins zur Förderung des Handballsports. Der Verein veranstaltet seit 1987 ein deutschlandweit bekanntes Handballvorbereitungsturnier. Heute heißt es Sparkassen-Cup, doch bis zum Jahr 2011 ist es als der Schlecker-Cup bekannt.

Tobias Krohn sagt, dass die Spenden Schleckers rund zwei Drittel des Budgets ausgemacht hätten. Beflügelt durch die großzügigen Spenden des Unternehmens hatten die Veranstalter ein schillerndes Event aus dem Turnier gemacht. So hat es einen großen VIP-Bereich mit Buffet gegeben, Prominente wurden für Auftritte engagiert.

Tobias Krohn, Vorsitzender des Handballvereins

„Das Turnier war stark abhängig von Schlecker“

Nach der Pleite Schleckers wird das alles gestrichen. Es werden zwar neue Sponsoren für das Turnier gefunden, an die alten schillernden Zeiten kann man damit aber nicht mehr anschließen. „Mit Schlecker als Hauptsponsor war es ein Spektakel, jetzt ist es ein reines Handballturnier“, sagt Krohn.

Auch andere Organisationen in der Region bekommen die Insolvenz Schleckers zu spüren – weil Spenden ausbleiben. „Da muss ich das Unternehmen Schlecker mal in Schutz nehmen“, sagt Margit Hudelmaier. Sie war bis 2014 fast 20 Jahre lang Vorsitzende des Bundesverbands Contergangeschädigter. Jetzt ist sie noch die Ortsverbandsvorsitzende des Sozialverbands VdK im benachbarten Allmendingen. Die Sachspenden, die beide Organisationen von dem Unternehmen erhielten, hätten sehr geholfen. Nun finanziert sich der Ortsverband durch mehrere kleinere Spen­de­r*in­nen.

Die Stadt Ehingen scheint mit der Ära Schlecker abgeschlossen zu haben. Vereine haben neue Spender gefunden, Arbeitnehmer neue Unternehmen. Das kann als Beispiel dienen. Denn wie stark eine Stadt von einem Unternehmen beeinflusst wird, hängt am Ende davon ab, wie stark sie sich von ihm abhängig gemacht hat.

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