Staatliche Kunstsammlungen Dresden: Das Werk der eigenen Hände

Im Japanischen Palais wird die Kunst des Handwerks zelebriert. Eine Ausstellung zeigt 100 Objekte aus der eigenen Sammlung.

Blüten hängen kopfüber vor einem grauen Hintergrund in einem Ausstellugsraum

Die 3.500 Kunstblumen von Theresa Rothe im Japanischen Palais in Dresden Foto: SKD/Alexander Peitz

Die Verbindung von Kunst und Handwerk hat nicht erst das Bauhaus erneut entdeckt. Als der sächsische Kurfürst August I. im Jahre 1560 nach derjenigen in Wien die zweite kurfürstliche Kunstkammer im deutschsprachigen Raum einrichten ließ, diente diese nicht nur Ausstellungszwecken, sondern auch der Produktion.

Bildende Kunst, Kunsthandwerk und wissenschaftlich-mathematische Instrumente standen nebeneinander. Werkzeuge, Material und Bücher wurden an regionale Gewerke ausgeliehen. Gelegentlich soll der Kurfürst – nicht zu verwechseln mit August dem Starken eineinhalb Jahrhunderte später – auch selber an der Drehbank gestanden und Elfenbein gedrechselt haben.

Elfenbein, pfui, dürfte er heute nicht mehr! Aber die Saat ist aufgegangen. Der engen Verwandtschaft von Kunst und Handwerk folgend, haben die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden jetzt in ihren reichen Beständen „gekramt“. Unter dem Titel „Inspiration Handwerk“ hat Kuratorin Noura Dirani, sonst Referentin für transkulturelle Methodik, im Japanischen Palais 110 Exponate zu einer Ausstellung zusammengefügt. Am Freitag wurde sie offiziell eröffnet.

Der Ansatz ist ein anderer, als ihn etwa das Grassi-Museum für angewandte Kunst in Leipzig verfolgt. In Dresden geht es um Verbindungslinien vom Handwerk ins Bildkünstlerische, um die fließenden Grenzen zwischen beiden. Abgesehen davon, dass jegliche Kunstausübung die Beherrschung des Handwerks voraussetzen sollte.

Erst der „Auftakt zu einer langjährigen Beschäftigung

Die Komposition in sechs Räumen ist aber mehr als eine Hommage an das Kunsthandwerk. Generaldirektorin Marion Ackermann versteht auch im übertragenen Sinn ihr Handwerk. Diese noch relativ limitierte und selektierte Ausstellung soll nämlich erst den „Auftakt zu einer langjährigen Beschäftigung“ mit dem Thema signalisieren. Auch die sie begleitenden Werkstätten für Publikum und künstlerische Gäste sollen kein Provisorium bleiben.

„Inspiration Handwerk“, bis 21. Februar 2021, Japanisches Palais, Dresden

Es klingt, als wollten die berühmten Staatlichen Kunstsammlungen mit mehr als zweieinhalb Millionen Besuchern jährlich eine neue Handwerkssparte eröffnen. Zugleich wird damit ein geschickter Akzent zur künftigen Nutzung des Japanischen Palais am Elb­ufer gesetzt, dessen Schicksal politisch immer noch nicht entschieden ist. Denn es gab schon Kräfte, die hier ein Casino oder ein sächsisches ­„Nationalmuseum“ einrichten wollten.

Solche Interessen bedient die Generaldirektorin auf subtile Weise, wenn sie mit der Ausstellung ausdrücklich auf „die Rolle des Kunsthandwerks für die Geschichte Sachsens“ hinweist. Mit Regionalkolorit werden die Besucher empfangen. Meisterschülerin Theresa Rothe von der Dresdner Hochschule für Bildende Künste hat 3.500 Kunstblumen zu einer prächtigen raumhohen Installation arrangiert.

Die Arbeit steht im Zusammenhang mit der Kunstblumenmanufaktur von Heide und Gerald Steyer, die im zweiten Raum gewürdigt wird. Ihr Unternehmen ist der Vorläufer des VEB Kunstblume in Sebnitz nahe der Sächsischen Schweiz, dessen Rückübernahme nach 1990 an der Treuhand scheiterte. Als eine der letzten verbliebenen europäischen Kunstblumenmanufakturen musste das betagte Paar inzwischen aufgeben, nahm aber bewegt am Presserundgang teil.

Handweberei und der traditionelle Blaudruck

Den Steyers und drei weiteren Kunsthandwerkerinnen hat Donata Wenders mit dominanten großflächigen Videoinstallationen ein Denkmal gesetzt. Pathetisch als „Ode an das Handwerk“ bezeichnet, zeugen sie von einer in die Defensive geratenen Kunst der Gestaltung von Gebrauchsgegenständen. Anachronistisch wirken die Handweberei oder der traditionelle Blaudruck.

Unwillkürlich denkt man bei den gezeigten Teppichen, Textilien oder Schuhen an die Massenimporte aus Billiglohnländern. Hier aber spricht die Künstlerin von der Liebe zum Werk der eigenen Hände, hier geht es um Zuwendung zum einzelnen, unverwechselbaren Exemplar.

Es ist laut Kuratorin Dirani auch erklärtes Ziel der Ausstellung, zum Nachdenken darüber anzuregen, „welche Rolle das Hand-Werk in Zeiten verstärkter Technisierung noch spielt“. Für das dafür nötige Kopf-Werk ist am Ende des Rundgangs ein kleines Auditorium, eine kleine Arena für Gespräche und Veranstaltungen eingerichtet worden.

Mitmachmuseum zeigt verschiedene Techniken

Zeitgenössische Handwerksprodukte kann man in einem „Arts and Crafts Sus­taina­bility Shop“ erwerben. Oder man wagt sich gleich selber in der Werkstatt an die Handwerkskunst. In einer Art Mitmachmuseum werden Kurse in verschiedenen Techniken erteilt.

Zentraler Raum des nicht immer plausiblen historischen und inhaltlichen Brückenschlags ist die „zeitgenössische Kunstkammer“. 2.600 Jahre alt sind die ältesten antiken Gefäße, die jüngsten Batiktücher gerade mal sechs Jahre. Behälter, gestaltete Schutzverpackungen oder kleine Werkzeuge sind zu sehen. Eine Schreinerwerkstatt gibt es aber nur im Puppenstubenformat.

Das Zentrum des Raumes bilden die symmetrischen und glatt geschliffenen Marmorplastiken von Peter Makolies. Zwei große Kopien von Deckenfresken aus den Paraderäumen des Schlosses weisen höchstens auf das Handwerk der Restauratoren bei der Rekonstruktion hin, lassen aber inhaltliche Bezüge offen.

Als ein Alleinstellungsmerkmal der Ausstellung führt Generaldirektorin Ackermann die Überwindung des Eurozentrismus an. So ungewöhnlich erscheinen die Objekte von allen Kontinenten nicht. Was „Inspiration Handwerk“ vorführt, ist die spielerische Freiheit der Gestaltung, die Abkehr vom heute dominanten Nützlichkeitsdenken.

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