Spielfilm „Undine“ auf der Berlinale: Das romantische Gefühl

Christian Petzolds „Undine“ ist ein existenzialistischer Liebesfilm. Er spielt vor der Kulisse einer restaurativen Berliner Gegenwart – aber mit Nixe.

Frau steht vor einer bunten Wand und schaut geradeaus.

Undine (Paula Beer) vor einem Stadtmodell von Berlin Foto: Foto: Marco Krüger/Schramm Film

BERLIN taz | Humboldt Forum, Preußen-Renaissance, AfD – man kann verstehen, dass es Regisseur Christian Petzold angesichts der Gegenwart in Unterwassenwelten zieht. Für seinen Spielfim „Undine“ (Wettbewerb) greift der preisgekrönte Filmemacher nun auf ältere Mythen und Märchenerzählungen zurück. Und er mixt diese mit der neuen Berliner Realität. Das birgt Tauchgänge an den Industriedenkmälern des alten Westens (Staudämme an der Wupper) sowie Exkursionen in der neuen Mitte Berlins zur aktuellen Stadtentwicklung der Hauptstadt.

Dabei ist „Undine“ vor allem und zuerst ein Liebesdrama, mythisch aufgeladen. Denn nach altgriechischer oder germanischer Sage wird der Liebesverrat des Mannes von dem weiblichen Wassergeist mit dem Tod bestraft. Zumindest könnte er das werden.

Paula Beer spielt in Petzolds parabelhaft angelegter Geschichte die „Undine“, die Mensch gewordene Wassernymphe, deren Schicksal laut Überlieferung vorherbestimmt sei. Als junge Stadthistorikerin der Gegenwart erklärt sie Besuchergruppen im Museum vor Modellen die stadtplanerische Entwicklung Berlins. In ihrer kühlen analytischen Art bleibt das nicht ohne Witz. Berlin wuchs ursprünglich vom Osten in den Westen.

Als der bisherige Geliebte Johannes ihr beim Kaffee unterbreitet, dass er sie verlassen müsse, sagt diese von Paula Beer überzeugend dargestellte Undine surreal anmutende Sätze wie: Du weißt schon, dass ich dich jetzt töten muss. Das könnte verpeilt klingen, ist es aber nicht. Beer verkörpert in ihrer Rolle eine zugespitzte Form eines idealistisch vorgestellten „wahren“ Empfindens. In der Zuspitzung liegt zugleich die Möglichkeit zur Dekonstruktion.

Immunisierende Liebe

Undine lernt den Industrietaucher Christoph (Franz Rogowski) kennen. Ein berstendes Aquarium und eine kleine Figur, die an Héctor Oesterhelds „Eternauta“ erinnert, später, und die beiden sind ein unzertrennliches neues Liebespaar. Christoph ist wie Undine fähig, intensiv zu fühlen und zu lieben.

24. 2., 12.30 Uhr, und 26. 2., 21 Uhr, Friedrichstadtpalast; 26. 2., 21.30 Uhr, b-ware Ladenkino; 1. 3., 10 Uhr, Berlinale Palast

Beide verbindet fortan eine gegen Einflüsse aus der Außenwelt immunisierende Liebe. Ein tiefes romantisches (oder impressionistisches?) Gefühl, die tiefe Empathie füreinander, ohne die es die unbedingte und rätselhafte Leidenschaft und Liebe nicht gibt. Das Problem solcher emotionaler Intensität ist jedoch, dass da besser nichts schiefgehen sollte. Die Transzendenz hat ihre Grenzen vor den Unwägbarkeiten alltäglicher Läufe. Der Mensch ist nur ein Mensch, gerade unter Wasser und im Angesicht fossil erscheinender schnurrbärtiger Welse.

2018 hatte Petzold mit „Transit“ einen der meistdiskutierten Beiträge im Berlinale-Wettbewerb geliefert. Seine Adaption des gleichnamigen Flüchtlings- und Exilromans von Anna Seghers überraschte filmisch und war für viele der ästhetisch pointierte Kommentar zu Neonationalismus und „Flüchtlingskrise“ in Europa.

„Undine“ scheint nun eine Umdrehung weiter – und vielleicht auch in der Introvertiertheit des Films pessimistischer – zu sein. Die „Vergangenheitszerstörung“, wie Petzold sie im Interview nennt, die restaurative Preußen-Renaissance in Berlins neuer Mitte, kontert der Regisseur mit seinen mythisch aufgeladenen Unterwasserwelten.

Unterwasserwelten als Kommentar zur Gegenwart

Seine indirekte Methode der Kritik – die Verweigerung herkömmlicher Bildwelten – erscheint so als ein starker Kommentar zur Gegenwart. Bessere andere Wirklichkeiten kreieren, um darin abweichende Gefühlswelten und Haltungen zu beschwören. Unter dem Wasser liegt der Strand. „Man hat das Gefühl, wahnsinnig gewordene Modell­eisenbahner planten den Potsdamer Platz“, gibt der Regisseur im Presseinterview zu den Berliner Oberwelten zu Protokoll. „Und darunter im Wasser sind noch Reste vom alten Zauber zu spüren.“

Petzold zielt auf einen „Jules-­Vernes-Charakter“ als Residuum. Industrietaucher Christoph gelingt es jedenfalls mit Undine, „so glücklich zu sein“, wie er „noch nie war“. Wäre da nicht dieser rätselhafte antike Fluch und dieser Einbruch der Wirklichkeiten, über den kein Bach-Cembalokonzert in d-Moll und auch keine Manet-artige Liebespaar-Einstellung vor Wasserwelten hinwegtäuschen kann – und auch nicht soll.

Petzold und seine Hauptdarsteller scheinen sichtlich Spaß beim Spiel mit diesen gehabt zu haben. Eine von Liebeskummer befallene Undine hört in ihrem bescheidenen Apartment nahe dem Alexanderplatz (architektonisches Überbleibsel der DDR-Moderne) den aus der Zeit gefallenen Disco-Hit „Stayin’ Alive“. Die Bee Gees von 1977: „Ah, ha, ha, ha, stayin’ alive, stayin' alive // Ah, ha, ha, ha, stayin' alive“.

Wer ihn einmal gehört hat, wird ihn schwerlich vergessen. „Stayin’ Alive“ entspricht auch der Taktfrequenz, die für Herzdruckmassagen empfohlen wird. Der Song als Taktgeber für die Wiederbelebung. Beim Menschen funktioniert das. Aber bei einem Wassergeist? Mit der wahren Romantik gegen die neuen Preußen.

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