Sperrstunde in Berlin: Gute Nacht, Nachtleben!

Ab diesem Wochenende müssen Kneipen, Bars und Spätis um 23 Uhr schließen. Wie gehen Nachtschwärmer*innen und Wirt*innen damit um?

Vor einer Kneipe stehen Menschen, auf Tischen stehen leere Gläser

Und wohin jetzt? Gäste vor einer Kneipe auf der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain Foto: Sebastian Wells

BERLIN taz | Auf den ersten Blick sieht am Samstagabend alles aus wie immer auf der Simon-Dach-Straße in Friedrichshain. Es gibt weit und breit keinen freien Fahrradständer mehr, die Kneipen und Bars sind gut gefüllt, davor sitzen dick eingemummelte Menschen und nippen an ihren Gläsern. Es ist ein Abend wie jeder andere, und doch ist alles ganz anders.

Es ist der erste Abend, an dem Berliner Kneipen, Bars und Spätis von 23 Uhr bis 6 Uhr schließen müssen, am Freitagabend war um Mitternacht Schluss. Aufgrund der steigenden Coronazahlen hatte der Senat dies am Dienstag beschlossen. Halten sich die Gastronom*innen an die neue Regelung? Ist sie in der nimmermüden Hauptstadt überhaupt durchsetzbar? Und wie reagieren Gäste darauf, wenn sie um 11 die Kneipe verlassen müssen?

Es ist 20.09 Uhr, auf den Tischen vor der „Dachkammer“ brennen Kerzen in orangefarbenen Gläsern, die Terrasse ist voll besetzt. Drinnen läuft „Sweet Dreams“ von Eurythmics, die Kellnerin hinter der Theke singt mit, während sie neun Schnapsgläser bis zum Rand mit Tequila füllt. Die Dachkammer – alte Sofas, Blümchentapete, schummriges Licht – ist gut besucht.

An einem runden Tisch sitzen vier Männer Ende 20 und spielen Doppelkopf. Sie kennen sich aus Schulzeiten aus Hannover. Ole, Markus und Fabian wohnen immer noch dort und besuchen Daniel übers Wochenende in Berlin. Auf die Frage, wie sie die Sperrstunde finden, antwortet Fabian: „Sehr sinnvoll.“ Sein Kumpel Markus stimmt ihm zu: „Sobald man Corona akzeptiert, muss man auch die Maßnahmen akzeptieren.“

Letzte Runde um 22.10 Uhr

Natürlich sei es schade, dass sie heute nicht bis spät in die Nacht durch die Kneipen ziehen können. „Aber das sind Luxusprobleme. Wir trinken später einfach in meiner WG-Küche weiter“, sagt Daniel. Und Fabian gibt zu: „Eigentlich ist es Quatsch, dass wir bei den hohen Infektionszahlen überhaupt in Kneipen unterwegs sind.“ Wieso er trotzdem ausgeht? Wegen der Nähe zu Menschen, der gemütlichen Stimmung in den Bars, der Musik, sagt Fabian. Dann geht der 27-Jährige zum Tresen und bestellt vier Berliner Luft.

Um 22.10 Uhr kündigt die Kellnerin die letzte Runde an. Trotzdem kommen immer noch alle paar Minuten neue Leute herein auf der Suche nach einem freien Platz. Weil unten alles voll ist, weichen die meisten in den ersten Stock aus, doch auch dort sind nun alle Tische besetzt. An einem sitzt Marie, Modedesignerin, und schlürft mit einer Freundin Gin Tonic. Sie freut sich über die Sperrstunde. „Die Regelung zwingt mich dazu, weniger zu trinken und zu feiern“, sagt die 27-Jährige.

In den vergangenen Wochen war sie auf vielen Raves unterwegs, etwa im Garten vom Sisyphos oder der Ipse. „Ich wollte mir den Sommer nicht von Corona versauen lassen“, sagt Marie. Angst davor, sich mit dem Virus zu infizieren, habe sie nicht. „Ich bin jung, Corona ist für mich nicht gefährlich“, glaubt sie. Weil sie aber niemanden gefährden möchte, meide sie den Kontakt zu älteren Menschen – ihre Eltern und Großeltern habe sie schon seit Monaten nicht mehr getroffen. Ob sie glaubt, dass durch die Sperrstunde die Infektionszahlen zurückgehen? „Definitiv. Sobald Alkohol mit im Spiel ist, vergisst man Corona, raucht mit Freunden an einer Zigarette oder teilt sich ein Bier“, sagt Marie.

Laute Sirenen um 23 Uhr

Alex, 26, ist anderer Meinung. Er sitzt auf einem kleinen Balkon, von dem aus man auf die Simon-Dach-Straße blicken kann, und raucht. Er denkt nicht, dass die neue Regelung etwas bringt. „Die Sperrstunde verschiebt das Problem nur. Statt um 22 Uhr werden sich die Leute künftig schon um 19 Uhr in Kneipen treffen. Oder sie feiern zu Hause mit Freunden oder auf illegalen Raves.“

Um Punkt 23 Uhr ertönen laute Sirenen. „Das ist unsere Rausschmeißmusik“, erklärt die Kellnerin. Um 23.03 Uhr ist die Dachkammer komplett leer. Ein paar Leute stehen noch rauchend davor, darunter Alex. „Vielleicht finde ich ja doch noch einen Späti, der geöffnet hat“, sagt er und läuft die Simon-Dach-Straße Richtung RAW-Gelände hinunter.

Am Sonntagmorgen ein kurzer Besuch im Schwarzen Café unweit vom Savignyplatz. Die urige Kneipe mit den alten Holzdielen und Steinwänden ist dafür bekannt, dass sie rund um die Uhr geöffnet hat. Gewöhnlich kann man hier um drei Uhr nachts Crêpes mit Nutella bestellen oder Tortellini mit Ricottafüllung. Doch auch der Kultstatus bringt keine Verschonung von der Sperrstunde.

40 Prozent weniger Umsatz

Um 8.30 Uhr ist noch kein einziger Gast im Café. „Normalerweise bediene ich um diese Uhrzeit locker fünf Tische“, sagt Inge Trimbur. Die 66-Jährige ist gemeinsam mit ihrem Mann Mitinhaberin des Cafés. „All die Nachtschwärmer, die sonst morgens auf einen Absacker oder ein Rührei vorbeikommen, fallen wegen der Sperrstunde weg.“

Seit der Senat am Dienstag die neue Regelung bekannt gegeben hat, hat Trimbur keine Reservierungsanfragen mehr bekommen. „Am Samstag haben wir 40 Prozent weniger Umsatz gemacht“, sagt sie. Daher hofft die Wirtin, dass die Klage, die Gastronom*innen beim Verwaltungsgericht gegen die Sperrstunde eingereicht haben, Erfolg hat.

Die Sperrstunde gilt bis zum 31. Oktober. „Wenn wir ab dem 1. November wieder normal öffnen dürfen, dann schaffen wir es finanziell“, sagt Trimbur. Wird die Sperrstunde jedoch verlängert, wisse sie nicht, wie lange sie durchhalten können. „Dann hängt alles von den Zuschüssen ab, die wir bekommen.“

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