Sozialpsychologin über Gerüche: „Nichts ist authentischer“

Unser Bauchgefühl sitzt in der Nase, sagt Bettina M. Pause. Warum Angst ansteckend ist, Glück aber auch – und wir mit Parfüm nicht schummeln können.

Mensch mit Nase blau gefärbt

Auch Gerüche sind Informationen Foto: Sebastian Kaulitzki/getty images

taz am wochenende: Frau Pause, Sie erforschen seit Jahren den Zusammenhang von Geruch und Emotion und haben herausgefunden, dass unser Bauchgefühl eigentlich in der Nase sitzt. Was heißt das konkret?

Bettina M. Pause: Wir Menschen tauschen andauernd viele subtile geruchliche Informationen aus, allerdings in so schwacher Konzentration, dass sie uns nicht bewusst sind. Dieses Phänomen heißt chemische oder chemosensorische Kommunikation. Über Moleküle wird der Gesundheitszustand vermittelt, was und wann ich gegessen habe, mein Hormonzustand, Östrogen- und Testosteronstatus, also der sexuelle Motivationsstatus – aber vor allem eben Emotionen wie Angst, Stress, Aggression oder Ekel. Auch Glück und andere positive Gefühle kommunizieren wir vermutlich ständig auf diese Art. Und das hat Effekte auf unser Gegenüber.

Welche denn?

Wenn ich zum Beispiel unterschwellig Angstgeruch ausstrahle, wird bei meinem Gegenüber automatisch die Sensibilität für Angstgesichter geschärft und für Freudegesichter reduziert. In einer Gefahrensituation bereiten uns die Angstsignale der anderen in unserer Gruppe auf Stress vor, bevor wir überhaupt wissen, was los ist. Emotionen sind ansteckend, das hat etwas mit einer Urversion von Empathie zu tun. Das kennen wir auch von fast allen Tierarten, sogar Insekten.

Im Gegensatz zu Tieren können wir uns immerhin parfümieren, damit der Angstgeruch weniger auffällt.

Ich könnte natürlich versuchen, mit einem Parfüm den Körpergeruch zu überdecken. Die Drüsenaktivität wird so aber nicht verändert. Was ich dann vermittle, ist: Ich bin ängstlich und zusätzlich noch eine Rose. Die Rosen-Information wird als irrelevant vom Organismus eingestuft, das ist, als würden wir uns am Rosenbeet treffen. Es bleibt die relevante Information: Ich bin ängstlich.

Ist es denn trotzdem irgendwie möglich, den eigenen Körpergeruch zu beeinflussen?

Ja, und das ist kein Hokuspokus. Da die chemische Kommunikation stark unterbewusst abläuft, bringt es nichts, die wahrnehmbaren Gerüche zu verändern. Sie sind sogenannte Ehrlichkeitssignale, die kann der Sender nicht verfälschen. Wenn man stattdessen versucht, sein Verhalten zu ändern, sendet man auch ganz andere Signale aus. Das merkt man, wenn man zum Beispiel häufiger mal lächelt: Toll, die Menschen reagieren ja ganz anders auf mich. Irgendwann reduziert sich dann auch die Angst.

promovierte zum Thema „Zusammenhang von Geruch und Emotion“ und gehört zu den führenden Geruchsforscherinnen. Sie ist Professorin für Biologische Psychologie und Sozialpsychologie an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 2020 erschien ihr Buch „Alles Geruchssache: Wie unsere Nase steuert, was wir wollen und wen wir lieben“ (Piper).

Am Telefon fällt die chemische Kommunikation weg. Wir beide werden nie wissen, ob wir uns riechen können.

Wenn wir einen anderen Menschen weniger gut kennen, kann der Verzicht auf eine echte Begegnung jedenfalls stärkere Konsequenzen haben. Je länger wir den Menschen kennen, desto geringer wird die Gefahr, dass wir am Telefon etwas falsch verstehen, weil wir ja auch andere subtile Signale sehr gut einschätzen können.

Und dann tragen wir seit einem Jahr auch noch ständig Masken. Erschweren die also nicht nur die auditive und mimische Kommunikation, sondern auch die geruchliche?

Ja, einige Moleküle werden von der Maske absorbiert und der Luftfluss, der die Gerüche zur Nase bringt, ist deutlich geringer. Beim Tragen einer OP-Maske wird die Fähigkeit, Gerüche in schwacher Konzentration wahrzunehmen, deutlich reduziert. Das Tragen einer FFP2-Maske löscht die Geruchswahrnehmung fast vollständig aus.

Im Sommer ist Bundestagswahl. Hätten wir einen anderen Eindruck von den PolitikerInnen, wenn wir sie riechen würden?

Wenn ich jemanden nur im Fernsehen sehe, weiß ich nicht, ob er authentisch ist. Denkt, lebt und fühlt er, was er vermittelt, oder macht er das, weil er Karriere machen will oder unter Handlungsdruck steht? Der chemische unbewusste Geruch ist ein Merkmal der Authentizität. Er ist in der sozialen Kommunikation das einzige, auf das wir uns wirklich verlassen können. Bei Bundestagswahlen oder Landtagswahlen oder auch in großen Städten muss ich so auf die wichtigsten Signale verzichten.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass Menschen besser riechen können als die meisten Tiere, wahrscheinlich sogar als Hunde. Das fiel mir erst mal schwer zu glauben.

Wir haben eben immer noch die Behauptungen von Aristoteles, Platon und Kant im Kopf, dass Menschen keine Geruchstiere sind. Und Anfang des 20. Jahrhunderts gab es zwar erste Studien eines holländischen Militärarztes, aber damals hat man für gewöhnlich gerade mal vier oder fünf Leute untersucht. Da sind dann halt irgendwelche Zahlen rausgekommen – dass der Mensch nur 10.000 Gerüche unterscheiden kann, steht bis heute in den Lehrbüchern. In Wahrheit sind es in etwa eine Billion.

Suchhund schnüffelt beim Training an Kisten

Der Suchhund Eila schnuppert beim Suchtraining an Kisten Foto: Jens Büttner/dpa

Gibt es noch mehr neue Erkenntnisse?

Ein Argument war lange, unser Riechhirn sei kleiner als beim Hund. Das ist wie früher, als man sagte: Frauen haben ein kleineres Gehirn, die brauchen wir gar nicht erst zur Uni zulassen. Aber es kommt nicht auf die Größe an, sondern auf die Verschaltungen. Mittlerweile wissen wir, dass die Anzahl der Nervenzellen im Geruchshirn bei fast allen Säugetieren etwa gleich groß ist. Wir denken zwar, dass wir alles nur kognitiv steuern. Vermutlich ist aber das Gegenteil der Fall.

Hunde sind in der Lage, Brustkrebs, Diabetes und Covid-19-Infektionen zu erschnüffeln. Können wir Menschen das auch?

Ich gehe davon aus, aber das wird eben nicht probiert. Dabei gehörte die Geruchsdiagnose bis Ende des 19. Jahrhunderts zur ärztlichen Diagnostik, etwa, um Stoffwechselerkrankungen zu erkennen. Schwedische Kollegen um Mats Olsson haben Probanden einer Studie ganz schwach mit bakteriellen Abbauprodukten infiziert und ihnen vorher und anschließend Schweißproben entnommen. Andere Studienteilnehmende, die dann an beiden Proben gerochen haben, sagten tatsächlich, der Schweißgeruch, der während der Mikro­infektion entnommen wurde, rieche ungesünder und negativer. In der Folge distanzieren wir uns automatisch, um eine Übertragung der Krankheit zu reduzieren.

Ungesünder und negativer, das klingt einigermaßen vage. Fehlen uns bei der Beschreibung von so detaillierten Gerüchen vielleicht auch einfach die Worte?

Ja, eindeutig. Gerüche entziehen sich der Klassifikation und der Vergleichbarkeit innerhalb eines Ordnungssystems. Der gleiche Geruch bedeutet in unterschiedlichen Kulturen unterschiedliche Dinge. Das kann er nur, indem er neutral in die Welt kommt. Im Riechhirn werden Gerüche auch nicht nach chemischen Eigenschaften sortiert, sondern ob sie angenehm sind oder nicht. Der Kontext ist dann das entscheidende – denke ich bei Nelkengeruch an den Zahnarzt oder an Glühwein? Es macht also keinen Sinn, Gerüche zu klassifizieren, weil wir sie individualisiert und mit Erinnerungen verknüpft wahrnehmen.

Ein Pheromonspray, das mich unwiderstehlich macht, ist also völlig unrealistisch?

Natürlich sind da nach wie vor einige Wissenschaftler dran, aber ich sehe nicht, dass so etwas in den nächsten Jahren auf den Markt kommt.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass hauptsächlich männliche Forscher danach gesucht haben.

Genau, das geht zurück in die 60er, 70er und 80er, als hauptsächlich Männer forschten. Mit vermeintlichen Pheromonen, die beim Wildschwein gewirkt haben, aber eben nicht bei der Frau, wurde die ein oder andere Studie veröffentlicht, das war eine richtige Welle. Und sobald so was in der Literatur ist, denken alle, das sei spannend. Dabei gab es schon Ende der 90er eigentlich die Feststellung, dass das alles Quatsch ist.

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und bei Facebook und Twitter.

Mal abgesehen von der Forschung – hilft mir das Wissen um chemische Kommunikation denn auch im Alltag?

Ja, denn so kann man sich vor schlechten Entscheidungen schützen. Dafür ist chemische Kommunikation, die sich im Bauchgefühl äußert, eben der Königsweg. Nur dort werden Informationen unverfälscht übermittelt. Dieser Mechanismus hat sich über Jahrmillionen ausgebildet und ist ­extrem intelligent. Bei privaten und beruflichen Entscheidungen würde ich deshalb empfehlen, diese Signale nicht abzutun.

Ich sollte also öfter mal auf mein Bauch-, äh, Nasengefühl hören.

Unbedingt! Sich der chemischen Einflüsse um uns herum bewusst zu sein, kann so viele positive Effekte haben. Wir wissen zum Beispiel seit Kurzem, dass Menschen, die besser riechen können – also ein besseres Verarbeitungssystem für chemische Stoffe oder Moleküle haben – empathischer sind und dadurch ein größeres soziales Netzwerk haben. Und wer ein besseres soziales Netzwerk hat, wird seltener krank und lebt länger.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben