Soziales Phänomen „Cancel Culture“: Dialektik der Absage

Die sogenannte Cancel Culture macht sich breit: Ein Gegner wird geächtet und ausgegrenzt. Das ist Streitvermeidung statt Auseinandersetzung.

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart lächelt maliziös

Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart wurde auch ein Fall von „Cancel Culture“ Foto: Hans Punz/APA/dpa

Was in letzter Zeit mit wechselnden Akteur:Innen, Themen und Gelegenheiten in immer schnelleren Rhythmen ständig wiederkehrt – das ist das Phänomen der sogenannten Cancel Culture. Damit gemeint ist das Verbannen von Personen mit inkriminierten Haltungen aus dem öffentlichen Raum. Wobei dies immer im Doppelpack auftritt: Überall, wo gecancelt, abgesagt und boykottiert wird – wird dieses Canceln kritisiert.

„Cancel Culture“ und deren Kritik treten zuverlässig zusammen auf. Wenn etwas ständig wiederkehrt, sich nicht abweisen lässt – dann ist es ein Symptom. In diesem Fall ist es Symptom für die Auseinandersetzung zwischen zwei Formen von Liberalismus: zwischen altem und neuem Liberalismus. Beide verstehen sich als Kritik. Aber diese wird auf unterschiedliche Arten vollzogen und ausgelebt. Die alte Kritik beruht ihrem Selbstverständnis nach auf rationalen Argumenten. Sie will überzeugen. Ihr Medium ist die Debatte bis hin zum Streit.

Die neue Kritik hingegen, die „Cancel Culture“, funktioniert völlig anders. Geradezu gegenteilig. Statt zu überzeugen, will sie den Gegner strafen. Statt mit ihm zu debattieren, will sie ihn isolieren und stigmatisieren. Statt um Auseinandersetzung geht es ums Stummstellen, um den Ausschluss aus dem öffentlichen Raum. Statt auf Vernunft setzt sie auf Moral und Empörung. Das ist ein anderer Antrieb. Kurzum: Während es dem alten Liberalismus um Streit geht – geht es der „Cancel Culture“ um Streitvermeidung. Deshalb eben: Canceln. Ausladen. Absagen.

Das Medium der Demokratie: Kritik

Wobei man festhalten muss: Das Medium der Demokratie ist Kritik, ist Streit – und nicht Eintracht. Ihr Konsens ist kein gegebener, sondern ein erkämpfter, errungener. Deshalb ist Dissens eine Produktivkraft der Demokratie, während eine – imaginierte – Idylle deren Stillstellung ist. Aus dieser Perspektive zeigt sich aber, dass beide Liberalismen ihre Ambivalenzen haben.

So steht hinter dem alten Liberalismus einerseits die rationalistische Illusion, man könne jede Auseinandersetzung im Modus einer vernünftigen Debatte austragen. Andererseits aber steht hinter dem hehren Anspruch solch einer vernünftigen Debatte auch der Anspruch auf Meinungshoheit. Die rationale Auseinandersetzung ist also immer auch ein Machtkampf.

Diesem alten Liberalismus der bürgerlichen Freiheiten steht der neue Liberalismus der Freiheitsgrenzen gegenüber. Da wird die Reinheit der Gesinnung dem Austragen von Dissens vorgezogen. Unnachgiebig. Ambivalent ist das dennoch, denn: Grenzen braucht es ja wirklich. Gegen Nazis. Gegen Rassismus. Gegen Diskriminierung.

Das Problem dabei ist die Art von Grenzziehung. Denn diese Grenze verläuft nicht nur gegen solche eindeutigen Fälle. Sie hat sich zu einer Grenze gegen Zweideutiges, gegen Gerüchte, gegen den Verdacht verfestigt. Alter und neuer Liberalismus nähren sich aus derselben Quelle, aber Letzterer ist überschießend. Er kehrt als Fratze wieder.

Das Argument verkehrt sich

Diese Fratze zeigt sich am deutlichsten an ihrem Standardargument: Man wolle dem Inkriminierten keine Bühne bieten. Das Argument aber hat sich längst verkehrt. Die Keine-Bühne ist längst zur großen Bühne geworden. Die nicht gehaltene Rede, der verhinderte Auftritt, die nicht erfolgte Lesung schicken dennoch ihre Wellen, ihre Erschütterungen, ihre emotionale Beben aus. Sie sind der Wirkung des Vollzugs völlig überlegen.

Welcher Hahn hätte nach der Eröffnungsrede von XY, nach der Lesung von Z gekräht? Die Absage aber eröffnet eine große Bühne. Anderswo. Das heißt: die wahre Bühne, das wahre Spektakel ist nicht das Gecancelte, Abgewehrte, Verhinderte.

Verdrängung und Wiederkehr des Verdrängten haben heute Hochkonjunktur. Nur muss man sie neu denken. Nicht klassisch als Unterdrückung eines verbotenen Wunsches, der in veränderter Form, als Symptom, wiederkehrt. Heute ist das Nichtzulassen des Zweideutigen, der Abweichung, des vermutet Falschen nur die Verdrängung von der ersten Bühne. Dann aber kehrt es hundert Mal verstärkt auf allen medialen Bühnen wieder. Das ist die Dialektik der „Cancel Culture“.

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