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Sozialarbeit am Kottbusser TorDer Senat kürzt, wo das Geld wirklich gebraucht wird

Der Berliner Senat stellt die Finanzierung eines Hilfsprojektes für konsumierende Jugendliche am Kottbusser Tor ein. Der Verein Gangway ist empört.

Statt Sozialarbeit lieber Repression Polizisten der „Brennpunkt- und Präsenzeinheit“ am Kottbusser Tor (Archivbild) Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Aus Berlin

Nathan Pulver

Der Berliner Senat beendet die Finanzierung eines Projekts für mobile Sozialarbeit der Organisation Gangway. Der gemeinnützige Verein für Straßensozialarbeit in Berlin bietet seit April 2025 Hilfe für Jugendliche am Kottbusser Tor in Kreuzberg an – eine Gegend, die für ihren Problemcharakter bekannt ist. Nun streicht die schwarz-rote Landesregierung wohl die Mittel zur Weiterführung und Verstetigung des Projekts am Kotti in Höhe von 100.000 Euro.

Das Angebot richtet sich gezielt an substanzkonsumierende Jugendliche. Gangway habe eine „umfangreiche Feldanalyse“ gemacht und am Kottbusser Tor eine Zunahme von Drogenkonsum festgestellt, erklärt Hanna Lauter. Sie koordiniert bei Gangway die Arbeit in Friedrichshain-Kreuzberg und kennt die Lage vor Ort. „Hauptsächlich greifen die Jugendlichen dabei zu Amphetaminen, Kokain und Crack“, berichtet Lauter.

Die Gegend um den Kotti brauche dringend Unterstützung und Vor-Ort-Präsenz, fordert die Sozialarbeiterin. Die wenigen Angebote, die es für konsumierende Jugendliche gibt, seien für die Zielgruppe zu hochschwellig: Teils hätten Kol­le­g:in­nen von Gangway Jugendliche in die nächste Notschlafstelle tragen müssen, da diese nicht im Stand gewesen seien, selbst dorthin zu gehen, so Lauter.

Das Team verfügt über einen mobilen Bus, mit dem die So­zi­al­ar­bei­te­r:in­nen Erstversorgungen leisten und Hilfe vermitteln können. Außerdem ist der Bus mit Infomaterial über Hilfsangebote für sicheren Drogengebrauch ausgestattet.

Doch Gangway müsse das Projekt aufgrund der ausbleibenden Finanzierung mit sofortiger Wirkung einstellen, beklagt der Verein. Sie sei über die Entscheidung des Senats irritiert, sagt Hanna Lauter: „Das Projekt hatte eine ausgesprochen positive Resonanz und der Bedarf ist hoch.“ Durch die Einstellung des Kotti-Projekts müsse man auch Stellen streichen.

Verlorene Vertrauensarbeit

Die rund 100.000 Euro für das Kotti-Projekt waren Teil des umfassenden Maßnahmenpakets, das aus dem sogenannten Sicherheitsgipfel von 2023 hervorgegangen war. Mit rund 30 Millionen Euro wollte der Senat Problemen mit Drogenkonsum, Verwahrlosung und Kriminalität in Berlin bekämpfen. Laut Clara Herrmann (Grüne), Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, hat sich das Verfahren zur Beantragung der Gelder verändert.

Bisher sei ein sogenanntes Lenkungsgremium für die Verteilung verantwortlich gewesen, das dem Gangway-Projekt die Gelder zugesprochen hatte. Nun müssten Anträge direkt bei der Senatsumweltverwaltung eingereicht werden – und die erteilte offenbar eine Absage. Und das, obwohl „Gangway dringend fortgesetzt werden muss“, wie Herrmann fordert. Eine Begründung für die Entscheidung ließ der Senat ihr gegenüber vermissen.

Ob die Entscheidung politisch motiviert war oder ob die Akteure „einfach kein Bewusstsein“ für die prekäre Situation am Kotti hätten, könne sie nicht beurteilen, sagt Herrmann. Die Bezirksbürgermeisterin appelliere daran, das Projekt weiterzufördern. Es gehe dabei auch um Vertrauensarbeit, stellt sie klar.

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