Solidarität zwischen den Generationen: „Macht ältere Frauen nicht unsichtbar. Hört ihnen zu!“
Ihr ganzes Leben hat Ann Keeling für Frauenrechte gekämpft. Jetzt tritt die 70-Jährige für die Rechte Älterer ein.
Kürzlich war Ann Keeling in Thailand unterwegs. Beruflich. Keeling hat dort eine 92-jährige Frau getroffen, die noch immer einen Friseursalon in ihrem Haus betreibt. In Rente gehen kann sie nicht, weil das Geld fehlt. Und die Frau in Thailand taucht auch in keiner Statistik auf, weil es sich um informelle Arbeit handelt. „Sie ist unsichtbar“, sagt Keeling. Wie so viele Frauen weltweit, wenn sie alt sind. Der Kampf gegen die Unsichtbarkeit, gegen die Diskriminierung alter Frauen, für bessere Lebensbedingungen – dafür hat Keeling die letzten Jahrzehnte gestritten. Sie arbeitete für die Vereinten Nationen, für die britische Regierung, lebte in Papua-Neuguinea, in Indonesien, in Pakistan, war in führenden Positionen tätig bei Organisationen, die sich um Gesundheitsvorsorge fürs Alter kümmern. „Alt zu werden in dieser Welt ist besonders für Frauen schwer“, sagt Keeling, die jetzt im südenglischen Eastbourne wohnt.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Überall auf der Welt leben Frauen im Durchschnitt länger als Männer. „Das ist in jedem Land so“, sagt Keeling. Aber: Frauen sind in diesen zusätzlichen Jahren tendenziell weniger gesund, haben mehr chronische Krankheiten, sind gebrechlicher. Und weltweit leiden Frauen häufiger an Demenz und Alzheimer. Keeling spricht von Bonusjahren, die schön sein könnten. Wenn Frauen gesund altern. „Frauen neigen in den meisten Gesellschaften dazu, nicht in ihre eigene Gesundheit zu investieren“, sagt Keeling. „Sie kümmern sich viel mehr um die Gesundheit ihrer Kinder und vielleicht auch um die ihres Mannes.“
Das Ganze hängt für sie mit einer geschlechtsspezifischen Diskriminierung in jungen Jahren zusammen. Frauen werden schlechter bezahlt. In Ländern mit niedrigem Einkommen leisten sie weitaus mehr unbezahlte Arbeit. Im Westen gibt es eine Rentenkluft und das wiederum bedeutet, dass Frauen mit Armut ins Alter gehen. Und das heißt dann: schlechtere Ernährung, weniger gute Gesundheitsversorgung, mehr Krankheiten. Natürlich gibt es von Land zu Land Unterschiede. Doch die Strukturen seien überall dieselben.
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Keeling bezeichnet sich selbst als Feministin der zweiten Welle, also der feministischen Generation, die in den 1970er Jahre politisch aktiv war. Sie hat Krisenzentren für Vergewaltigungsopfer mitgegründet, hat für Arbeitsrechte für Mütter gekämpft. Es ging ihr dabei um die eigenen Bedürfnisse und Anliegen, aber auch um die der kommenden Generationen. In Großbritannien beobachte sie immer häufiger, dass junge Frauen diese Kämpfe und Erfolge als selbstverständlich ansehen, aber nicht weiterführen. „Wir werden aus der Geschichte getilgt, weil unsere Namen nirgendwo geschrieben stehen“, sagt Keeling, nicht bitter, eher als rationale Feststellung.
Und jetzt? „Was wir wirklich brauchen, ist Solidarität zwischen den Generationen.“ So einfach wie kompliziert lautet Ann Keelings Antwort auf diese Frage. Gerade in Zeiten, in denen Frauenrechte international unter Beschuss stehen und mühsam erkämpfte Fortschritte wieder abgebaut werden. Keeling spricht gar von einem „Krieg gegen Frauen“, gegen den sich jetzt auch jüngere Generationen stellen müssten. Dass eine derart dramatische Lage heute überhaupt entstehen könnte, hätte sie nach ihrer langen Erfahrung nicht für möglich gehalten.
Im Wissen über Netzwerke liegt viel Macht. Wer weiß, wer mit wem verbunden ist, bleibt handlungs- und widerstandsfähig. Zum internationalen feministischen Kampftag wollen wir deshalb Menschen sichtbar machen, die sich für ein Leben einsetzen, dass die Rechte aller achtet. Auch sie haben Netzwerke. Wir starteten vor der Haustür und haben uns auf die Suche begeben. Wir wollten wissen: Wer lebt und kämpft solidarisch? Und haben Menschen kennengelernt, die uns bis vor kurzem völlig fremd waren.
Ein Thema treibt sie derzeit besonders um: Die Gewalt gegen Frauen. Im Krieg, aber auch zu Hause, in ihrem unmittelbaren Umfeld. „Wir sind nicht frei. Und wir sind nicht gleichberechtigt, bis wir ohne Angst in der Öffentlichkeit unterwegs sein können und auch in unseren eigenen vier Wänden ohne Angst leben können“, sagt Keeling. Und da schwingt wieder ein sanfter Vorwurf an die Jüngeren mit. „Ich glaube, in meiner Generation war uns klarer, dass diese Formen der Gewalt inakzeptabel sind“, sagt sie. Jüngere Frauen hätten bis zu einem gewissen Grad akzeptiert, dass das Leben nun einmal so sei, voller misogyner Gewalt. Und dass dies die Situation sei, mit der sie eben leben müssten.
Im März wird Ann Keeling 70 Jahre alt. Und sie wird in diesem Jahr auch Großmutter. Ihr Appell an die jüngere Generation: „Macht ältere Frauen nicht unsichtbar. Hört zu, was sie zu sagen haben. Schätzt sie für das, was sie erreicht und gelernt haben.“
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