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Solidarität im InternetVom Netz auf die Straße und zurück

Annika Reiß
Kolumne
von Annika Reiß

Das Internet kann ein wunderbarer Ort für feministische Solidarität sein. Eine Handlungsanweisung für den Kampftag.

Das Internet kann ein solidarischer, aber auch ein grausamer Ort sein. Ein feministischer Internet-Spa-Day könnte Abhilfe schaffen Illustration: getty images

H i, ich wollte dich fragen, ob du Lust auf ein Treffen hast, wo du mir in die Eier trittst und ich dir Geld dafür gebe.“ Diese Nachricht schickt mir ein fremder Mann. Als ich sie anonymisiert auf meinem Social-Media-Profil teile, erhalte ich einen ganzen Schwall von Solidaritätsbekundungen. Es sind unterstützende Nachrichten, die meine Wut, meinen Ekel und die fast zur Floskel verkommene Erkenntnis teilen: Einem Mann wäre das nicht passiert. Der Rückhalt, die feministische Solidarität, die ich bekomme, hilft. Das Internet kann ein wunderbarer Ort für feministische Gemeinschaft sein.

Doch wo feministische Solidarität das Ziel ist, ist sie nicht zwingend auch das Ergebnis – oder das einzige Ergebnis.

Wer kann sich schon die Kommentarspalte eines Beitrags – sagen wir mal – zum feministischen Kampftag vorstellen, in die sich nicht haufenweise Männer selbst einladen, um zu fragen, wann denn endlich ein Männertag eingeführt wird. Wer kann sich eine Kommentarspalte vorstellen, in der sich nicht sofort ungefragt Menschen einfinden, die Solidarität zeigen, sondern die Debatte sabotieren.

Drei Frauen strecken ihre Faust in die Höhe, dazu der Spruch: Solidarität ist unsere Superkraft
feministaz

Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.

Es gibt natürlich einen Männertag und die Opferrolle von Nicht-Feminist:innen ist selbst kreiert. Für diese Opferrolle findet man in der digitalen Welt allerdings leicht Unterstützung. Wo sich Fe­mi­nis­t:in­nen organisieren können, um gemeinsam gegen Sexismus auf die Straße zu gehen, können sich auch Se­xis­t:in­nen finden. Sie können sich gegenseitig den letzten Zweifel nehmen, ob ihre Ansichten falsch sind und sich gegenseitig noch tiefer in den Hass gegen alles Nicht-Männliche hineinziehen.

Gewaltspiralen ins Reale hinein

Das könnte uns egal sein, wenn es Gewaltspiralen ins Reale hinein nicht geben würde. Denn Hasskommentare sind ja nur die Spitze des Eisbergs und sie allein sind für die meisten FLINTA* wahrscheinlich nicht mehr das, was sie nachts wach hält.

Der Austausch über Gewaltfantasien gegen Frauen und Queers bis hin zu Tipps, wie man diese am besten umsetzen kann, ist kinderleicht im Netz. Die Journalistinnen Isabell Beer und Isabel Ströh zum Beispiel deckten in einer Investigativ-Reportage ein Vergewaltiger-Netzwerk auf der Messaging-Plattform Telegram auf. Im entsprechenden Chat sprachen Männer darüber, welche Betäubungsmittel sich eignen, um Frauen zu missbrauchen, und planten gemeinsam schwerste sexualisierte Straftaten.

Auch die Vergewaltigungen der Französin Gisèle Pelicot durch mindestens fünfzig verschiedene Männer wurden vom Haupttäter, ihrem mittlerweile geschiedenen Ehemann, über das Internet organisiert.

Wie kann man sich darüber freuen, dass man im Netz leicht und wunderbar feministische Gemeinschaft erfahren kann, wenn die männliche Gewaltbereitschaft das Ruder in gleichem Maße wieder herumreißt?

Klingt radikal, weil es das ist

Zum Glück gibt es konstruktivere Arten des Umgangs damit, als zu verzweifeln und dem Internet für immer zu entsagen. Zum Beispiel einen feministischen Internet-Spa-Day.

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Als 1910 auf der Internationalen Konferenz Sozialistischer Frauen der internationale feministische Kampftag eingeführt wurde, war die Idee, Frauen ein selbstbestimmteres Leben zu ermöglichen. Sie sollten mehr Autonomie über das eigene Leben gewinnen. In einem System zu leben, das insgesamt nach rechts rückt, macht feministisches Sein und feministische Räume auch im Internet verwundbar. Also müssen wir dort gleichzeitig Lautstärke und Selbstfürsorge üben, so wie wir es auch auf der Straße tun. Deshalb sage ich dir jetzt, was du am feministischen Kampftag machst:

1. Du schaust dir keine Videos von Männern an. Jeder Typ, egal worüber er spricht, wird heute weggescrollt. Männer hören ständig nur ihresgleichen zu. Davon können FLINTA* sich inspirieren lassen.

2. Keine Musik, keine Podcasts, keine Bücher von Männern. Klingt radikal, weil es das ist.

3. Beiträge von FLINTA*, die dir in deine Social-Media-Kanäle gespült werden, bekommen von dir Likes und Kommentare. Egal, ob explizit politisch oder nicht.

4. Am Kampftag bekommen deine Lieblingspodcasterinnen eine positive Rezension.

5. Beim kleinsten Anzeichen, dass dir dein Medienkonsum gerade nicht guttut, machst du dein Handy aus. Am feministischen Kampftag musst du dich nicht mit News beschäftigen, bis dein Nervensystem Alarm schlägt.

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Annika Reiß
Redakteur:in Klimahub
1998, schreibt, filmt und macht Social Media bei der taz zur Klimakrise Foto: Timo Knorr
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