: So gefragt wie kosten-günstig
Die „Platte“ steht als Symbol für Ostdeutschland. Dabei war die Vorfertigung von standardisierten Modulen auch im Westen verbreitet, wie in einer Ausstellung in Dresden zu sehen ist
Foto: xy
Von Joachim Göres
Nach Stalins Tod war ihre Stunde gekommen: Statt aufwändigem und teurem „sozialistischem Klassizismus“ war auf einmal günstiger Wohnraum gefragt und die „Großtafelbauweise“ erlebte in der DDR den Durchbruch. Die kurz „Platte“ genannte Bauweise hat oft einen schlechten Ruf. Doch warum man so baute, was ihre Vor- und Nachteile waren – darum geht es in der Ausstellung „Platte Ost/West. Wohnen und Bauen in Großtafelbauweise“ im Stadtmuseum Dresden.
In der DDR entstanden ab 1970 über 600.000 WBS-70-Wohnungen in Großtafelbauweise mit industriell vorgefertigten Elementen. Bei dieser Wohnungsbauserie wurden durch die Reduzierung auf wenige Typen Dreiraumwohnungen kostengünstig geschaffen – unter anderem durch geringeren Materialverbrauch und Massenfertigung. Sie waren angesichts großer Wohnungsnot stark gefragt. Zugleich klagten Bewohner über fehlende Läden, Kitas und Treffpunkte sowie über architektonische Monotonie.
Für diese Kritik steht in der Ausstellung der Roman „Franziska Linkerhand“ der Schriftstellerin Brigitte Reimann, der sich auf den Aufbau von Hoyerswerda bezieht. Die junge Architektin Linkerhand muss bei der Planung einer Großsiedlung immer wieder aus Kostengründen Abstriche von einer menschenfreundlichen Gestaltung machen. Linkerhand spricht von „architektonischen Verbrechen“.
Der Architekt Hansgeorg Richter, der in der Cottbuser Altstadt Plattenbauten plante, entwirft im eingespielten Interview ein anderes Bild. „Es gab Freiheiten für die Gestaltung der Fassaden“, sagt er und verweist auf Keramiksteine in unterschiedlichen Farbtönen oder Wandbilder wie die „Sorbische Hochzeit“ im Wendischen Viertel. „Wir haben davon profitiert, dass im Bezirk Cottbus pro Jahr 1 Million Mark für Baukultur bereitgestellt wurde“, sagt er. Laut Ausstellungskuratorin Claudia Quring gab es in der DDR einen Etat von 45 Mark pro neuer Wohneinheit für Kunst am Bau. Bis heute sind Wandbilder und Skulpturen an vielen Gebäuden zu finden.
Richter betont, dass es möglich gewesen sei, Lösungen abseits der Normen zu realisieren. „Wir haben mit 60 Zentimeter breiten Sonderplatten gearbeitet, um Baulücken zu schließen. Außerdem konnten wir eine neu entwickelte Mansardenplatte mit Schrägen und kleinem Balkon auf das oberste Geschoss setzen und so 20 Prozent mehr Wohnraum schaffen“, sagt er und fügt hinzu: „Ich lebe in Cottbus in einem innerstädtischen Plattenbau und fühle mich wohl.“
Auch Bewohner:innen der Siedlung Dresden-Prohlis berichten in Interviews von positiven Seiten des Zusammenlebens. In Endlosschleife läuft ein Musikvideo des Rappers T. Wonder von 2008 mit dem Refrain „Plattenbau, Plattenbau, Plattenbau, du bist meine Heimat, ich lebe hier, du bist meine Heimat, ich steh zu dir.“
Nicht verschwiegen wird die Vernachlässigung der historischen Bausubstanz. Stellvertretend dafür steht ein Transparent, das im Herbst 1989 an einem Altbau in der Dresdner Neustadt mit der Aufschrift hing: „Hilfe! Unser Haus bricht ein!“ Letztlich scheiterte die DDR auch an gebrochenen Versprechungen – statt der 1971 auf dem SED-Parteitag beschlossenen Lösung der „Wohnungsfrage als soziales Problem bis 1990“ mit 3 Millionen Neubauwohnungen wurden in diesem Zeitraum nur 1,8 Millionen errichtet.
Weniger bekannt ist, dass man auch in der Bundesrepublik auf die industrielle Vorfertigung von standardisierten Modulen setzte. In München-Neuperlach entstanden so 25.000 neue Plattenbauwohnungen bis 1975 – die aber nicht als Plattenbauten wahrgenommen werden. „In der BRD wurden die Fugen zum Teil verputzt. Außerdem gab es mehr Varianten als in der DDR. Die Kritik richtete sich im Westen gegen die mangelnde Beteiligung der Mieter an der Planung, nicht gegen die Produktionsweise“, sagt Co-Kurator Jonas Malzahn.
Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich beklagte 1965 „die Unwirtlichkeit unserer Städte“ und warf Planern vor, die Bedürfnisse der Menschen außer Acht zu lassen. Sein Buch inspirierte viele Initiativen. Symbol dafür ist die Neubausiedlung Darmstadt-Kranichstein, die ab 1968 für 15.000 Menschen nach Plänen des Architekten Ernst May entstand. Wegen wachsender Kritik an der Gestaltung wurde in Darmstadt Anfang der 70er Jahre erstmals nach US-Vorbild die sogenannte Advokatenplanung erprobt.
In der Ausstellung findet sich folgende Stellenanzeige: „Gesucht wird ein/e Kranichsteiner Bürger(in), der/die Interessen und Forderungen der Einwohner kennt und gegenüber den planenden Instanzen (Stadt und Land) sowie privaten Investoren wirksam vertreten kann.“ Ein erfolgreiches Modell: Die Bauarbeiten wurden unterbrochen und die meisten Abschnitte neu geplant und realisiert.
Baukonzerne wie die Neue Heimat errichteten bis zu 30 Prozent ihrer Gebäude in Großtafelbauweise. Gab es bei der Qualität Unterschiede zwischen Ost und West? „Bei der Umsetzung in der Praxis sind die Unterschiede nicht gravierend. Aufgrund von zeitweiser Materialknappheit ist die Qualität der Großtafeln in der DDR aber nicht immer durchgehend gleich“, sagt Malzahn. Nach der Wende wuchs der Leerstand in der Platte im Osten Deutschlands. Zu sehen ist ein Modell von Dresden-Gorbitz, wo 40 Prozent der Plattenbauten in der Kräutersiedlung im Jahr 2000 unbewohnt waren – aus 828 Wohneinheiten wurden durch „Rückbau“ 131 Wohnungen. Bis 2010 wurden im Osten 300.000 Wohnungen abgerissen.
Was müsste passieren, damit du dich im Plattenbau wohlfühlst? Diese Frage beantworten Besucher mit besserem Schallschutz, gefolgt von mehr Grün und größerer Barrierefreiheit. Einiges ist besser geworden – andere Veränderungen werden dagegen kritisch gesehen. So merkt ein Besucher an: „Zu DDR-Zeiten hatten wir in unserer Platte einen Wäschetrockenraum. Heute muss man Wäsche in der Wohnung trocknen.“
Bis 29. November im Stadtmuseum Dresden, ab 2027 im Potsdam Museum und 2028 im Baukunstarchiv NRW in Dortmund. Mehr zu Plattenbauten im Westen unter www.westplatte.de
Die taz gehört zu 100 Prozent ihren Leser:innen und ist damit nicht nur konzernfrei, sondern auch kostenfrei zugänglich. Alle Artikel stellen wir frei zur Verfügung, ohne Paywall. Gerade in diesen Zeiten müssen Einordnungen und Informationen allen zugänglich sein. Unsere Leser:innen müssen nichts bezahlen, wissen aber, dass kritischer, unabhängiger Journalismus nicht aus dem Nichts entsteht. Dafür sind wir sehr dankbar. Damit wir auch morgen noch unseren Journalismus machen können, brauchen wir mehr Unterstützung für taz zahl ich. Dank Ihnen haben wir nun die 50.000 erreicht. So viele unterstützen freiwillig und regelmäßig. Noch nicht dabei? Werden Sie jetzt Teil der Community! Jetzt unterstützen