Siedlergewalt: Wieder Schüsse im Westjordanland
Am Wochenende gab es in mehreren palästinensischen Dörfern Auseinandersetzungen zwischen Siedlern und Einwohnern. Teilweise wurde scharf geschossen.
Schreie in der Nacht, Männer in Steppjacken und Hoodies, die am Straßenrand stehen oder wegrennen, ein Wagen mit roter Sirene, das grelle, blaue Licht eines Scheinwerfers. Das alles dokumentieren Videoaufnahmen von der Nacht von Freitag auf Samstag aus der Ortschaft Farkha, südlich von Nablus im Westjordanland.
Fest steht, dass in dem palästinensischen Dorf Schüsse gefallen sind. Israelische Staatsbürger haben sie abgefeuert, das ist ebenfalls klar. Die Videos können nicht unabhängig überprüft werden, die palästinensische Nachrichtenagentur Wafa schreibt jedoch, über 50 israelische Siedler hätten am Abend das Gebiet am nördlichen Rand von Farkha gestürmt. Laut dem Dorfvorsteher Mustafa Hammad seien die Siedler in das ländliche Gebiet eingefallen und hätten auf Jugendliche scharf geschossen. Verletzte gab es keine.
Auf Nachfrage der taz schreibt das israelische Militär, eine Auseinandersetzung zwischen Israelis und Palästinensern sei ausgebrochen, bei der Steine geworfen wurden. Dabei habe ein israelischer Zivilist einen Schuss in die Luft abgegeben, zur Abschreckung. Soldat*innen hätten die Israelis dann aus der Gegend vertrieben.
Weitere arabische Medien haben über den Vorfall berichtet, etwa das Nachrichtenportal Middle East Eye. Obwohl es keine direkte, physische Konfrontation gab, werten die Einwohner*innen den Angriff als Einschüchterungsversuch, um die israelischen Siedlungen in der Region auszuweiten. Das 1.800-Seelen-Dorf befindet sich an einem Knotenpunkt zwischen den Gebieten A, B und C, den verschiedenen Sektoren der von Israel besetzten Gebiete.
Neue Siedlung soll nebenan entstehen
Gebiet A des Westjordanlands ist seit den Oslo-Abkommen unter palästinensischer Kontrolle, im Gebiet B teilen sich die palästinensische Autonomiebehörde und das israelische Militär die Sicherheitsverwaltung, Gebiet C steht völlig unter israelischer Kontrolle. Siedlungen sind unter internationalem Recht illegal, ebenso die israelische Besatzung des Gebiets.
Farkha ist für sein demokratisches, gendergerechtes Verwaltungsmodell bekannt. Und für ein innovatives Projekt, um das Dorf unabhängig zu machen, was Energie, Nahrung und Infrastruktur betrifft. Die Gemeinde stand indes mehrfach wegen Siedlergewalt in den Schlagzeilen, eine neue Siedlung soll auf konfisziertem Land nebenan entstehen.
Der Angriff in Farkha war nicht der einzige Zwischenfall mit Feuerwaffen am Wochenende. In dem Dorf Kisan nahe Bethlehem hat ein israelischer Mann das Feuer auf einen palästinensischen Teenager eröffnet und ihn am Becken verletzt. Laut Wafa hatten am Samstag Dutzende Siedler das Dorf gestürmt, Felder verwüstet, Razzien in Häusern durchgeführt und dabei scharf geschossen.
Tägliche Angriffe
Younes Arar, Mediendirektor der palästinensischen Kommission für Widerstand gegen die Kolonisierung, einem Organ der Palästinensischen Autonomiebehörde, sagt, die Einwohner*innen hätten sich ohne Schusswaffen verteidigt und seien unter Beschuss geraten. Tagtäglich passierten seit dem 7. Oktober Angriffe, man wolle die Menschen aus dem Dorf vertreiben, jetzt sogar mit Schusswaffen. „Und wenn sich Palästinenser*innen wehren, werden sie verhaftet“, so Arar. Eine gesamte Familie wurde am Samstag festgenommen.
Das israelische Militär schrieb hingegen, die Palästinenser hätten israelische Hirten mit Steinen attackiert, drei Reservist*innen hätten interveniert und seien ebenfalls mit Steinen beworfen worden, daraufhin hätten sie das Feuer eröffnet. Zwei Israelis und ein Palästinenser wurden verletzt.
Im Jahr 2025 sind laut Vereinten Nationen etwa 240 Palästinenser*innen im Westjordanland von Israelis getötet worden, die große Mehrheit von Streitkräften. Ein Viertel davon waren noch Kinder. Fast 1.800 Siedlerangriffe gab es demnach vergangenes Jahr, eine deutliche Steigerung im Vergleich zu noch vor drei Jahren. Zehn palästinensische Gemeinden sind jetzt komplett verwaist, mehr als 1.600 Palästinser*innen wurden durch Siedlergewalt vertrieben.
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