Sex im Alter: Aphrodisiakum Rentenalter

Eine Studie sagt, dass die Lust auf Sex im Alter bleibt. Das sind gute Nachrichten, denn vieles spricht dafür, dass der Sex immer besser wird.

Nahaufnahme Haut der Hand eines älteren Mannes

Wird über das Älter werden gesprochen, werden meist nur die negativen Aspekte benannt Foto: blickwinkel/imago

Ich denke sehr ungern an das Älterwerden. Was ich bisher vom Alter gesehen habe, gefällt mir nicht. Der Körper baut ab, der Geist gleich mit, man lebt im Heim oder versauert zu Hause, ist permanente Risikogruppe, in der Pandemie wird einem vielleicht nicht mal mehr das Leben gerettet, weil so mancher Tübinger Politiker denkt, in einem halben Jahr sei man sowieso tot. Worauf soll man sich da noch freuen?

Auf den Sex, ist die Antwort. Diese Erkenntnis habe ich durch aufmerksames Lesen einer gerade publizierten Studie des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf gefunden: „Gesundheit und Sexualität in Deutschland“. Es geht nicht speziell um Sex im Alter. Aber die Zahlen zeigen, dass die Lust auf Sex im Alter bleibt. Bei Frauen sogar zunimmt. Frauen zwischen 66 und 75 Jahren haben nur etwa halb so oft ein reduziertes Verlangen nach Sex wie Frauen zwischen 26 und 35. Es ist also wahrscheinlicher, dass die 26-jährige Enkelin keine Lust auf Sex hat, als dass es ihrer 75-jährigen Großmutter an Libido mangelt. Die Enkelin hat übrigens trotzdem öfter Sex, obwohl sie seltener Lust hat. Ach, die Fesseln der Jugend.

Das leidige Kondom braucht man im Alter auch nicht mehr, zumindest nicht zur Verhütung – das könnte aber auch der Grund dafür sein, dass sexuell übertragbare Krankheiten im Senior*innenalter auf dem Vormarsch sind. Eine britische Studie fand 2012 heraus, dass sich die Zahl der Geschlechtskrankheiten unter den 50- bis 90-Jährigen innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt hatte.

Männer mit Erektionsstörungen

Männer und Frauen, die älter als 66 sind, sind zwar seltener sexuell aktiv als jüngere. Aber an der Lust scheint es nicht zu liegen. Laut Studie gibt es außerdem keinen klaren Zusammenhang zwischen Zufriedenheit mit der eigenen Sexualität und dem Alter. Das heißt, dass ich mit hängender Haut und Dritten Zähnen genauso zufrieden mit meiner Sexualität sein kann wie ein Dreißigjähriger mit Waschbrett.

Warum auch nicht? Eigentlich muss man sich nur mal die Vorteile von Sex im Alter überlegen. Männer haben keine Angst vor Erek­tions­stö­rungen, weil sie die eh haben. Niemand erwartet, dass es beim ersten, zweiten oder auch dritten Anlauf funktioniert. Verfrühte Ejakulation ist auch kein Problem mehr. Frauen ist es egal, ob sie „Orangenhaut“ haben oder irgendwas nicht „richtig“ sitzt. Mit 80 sitzt meistens sowieso nicht mehr viel „richtig“.

Nur 12 Prozent der Frauen über 66 haben laut der Studie Probleme, einen Orgasmus zu bekommen. Bei Frauen zwischen 26 und 35 klappt es mehr als doppelt so oft nicht richtig. Hallo Alter, goodbye, Performancedruck.

Will heißen: Viele von uns schauen mit Vorurteilen auf das Alter. Vielleicht könnten wir mehr über die schönen Seiten des Alters sprechen und nicht nur junge, schöne, straffe Menschen mit ihrer Sexualität zeigen. Alte Menschen sind nicht nur Risikogruppe. Und sollten auch nicht nur so behandelt werden.

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