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Historisches ZiegelwerkSein Lebenswerk

Im Allgäu arbeitet der Bildhauer Hans Kleinschmidt seit 22 Jahren an seinem Opus magnum: Er restauriert ein historisches Ziegelwerk.

Aus Erkheim

Thomas Vogel

Etwas zu unaufmerksam, und der Abzweig ist bereits verpasst. Die unscheinbare Zufahrt zur Alten Ziegelei in Erkheim (Landkreis Unterallgäu) zu finden, ist herausfordernd, was kaum ein Zufall sein kann. Denn eigentlich war dieser Ort ja längst für ein stilles Dahindämmern bestimmt, bis alles verfallen wäre und die Natur sich ihn zurückgeholt hätte. Dass da einmal einer kommt, der den „Lost Place“ zu neuem Leben erweckt, war nicht vorgesehen.

Doch da taucht ein junger Mann auf, der im Alleingang die alte Fabrikanlage rettet. Der viele Jahre im Verborgenen schuftet, ohne dass die Idee dahinter von außen erkennbar geworden wäre. Er ist jetzt 44.

Als er diese Berufung in sich verspürte, war Hans Kleinschmidt 22 und sein Objekt seit 30 Jahren außer Dienst. Der mächtige Backstein-Kamin begann sich bedrohlich übers dreigeschossige Hauptgebäude, Baujahr 1920, zu beugen, in der Ziegel-Fachwerk-Konstruktion machte sich Fäulnis bemerkbar.

Im Haupthaus mit dem begehbaren Ringofen hat er auf einem großen Tisch Fotografien ausgebreitet, die frühere Zustände dokumentieren. Auf einer ist der Saal nebenan zu sehen, in dem ein Busch wächst. An mehreren Stellen schoss der Regen als Wasserfall aus der Decke. Die Dächer zu reparieren hieß, sich um 2.500 Quadratmeter maroder Eindeckung zu kümmern.

Als Kleinschmidt, der aus der Region stammt, sich hier erstmals umsah, war er auf der Suche nach einem Atelier. Er wollte sich als Bildhauer etablieren. Für ihn unerwartet, stimmte die Besitzerin einer Vermietung zu. „Und zwar ausdrücklich, wie sie zu erkennen gab, weil ich Künstler bin“, wundert er sich noch heute. Er durfte sogar einige Jahre kostenfrei wohnen.

Entwaldung und Entschuttung

War dies eine glückliche Fügung oder eine fatale Verlockung? Kleinschmidt richtet sich erst mal notdürftig ein in einem Nebengebäude, einer trostlos schäbigen Maschinenhalle, die er bewohnbar macht. Das Wasser stammt aus einem Brunnen, die Toilette ist ein Lost Place für sich. Die ersten Aufgaben, die sich über Jahre hinziehen, lauten Entwaldung und Entschuttung. Erste bauliche Maßnahmen betreffen die Dächer und die einsturzgefährdeten Mauern. Die künstlerische Produktion tritt ganz nach hinten.

Voran geht es wie in Zeitlupe. Kleinschmidt ist handwerklich Autodidakt und größtenteils auf sich allein gestellt. Die Investitionen schultert er durch Jobs auf dem Bau. Um zu sparen, kündigt er seine Krankenkasse. Jahre später reicht das Geld aus, um das komplette Areal zu kaufen. Ab und an erreichen ihn eingeworbene Materialspenden. Vieles hat er sich aus Abbruch gesichert, aus finanziellen Gründen und aus Prinzip.

Mit der Zeit legt er sich einen Maschinenpark zu, der die mühevolle Handarbeit wenigstens ein Stück weit überflüssig macht. Die drei Kräne, der Bagger, der Traktor, der Raupenkran sind teils vor der Verschrottung gerettete Oldtimer, die ihrerseits teils monatelange Restaurierungsarbeiten erfordern.

Kleinschmidt erzählt: Wer sich auf so ein Projekt einlässt, gerät in einen Sog. Die nie ausgehenden Aufgaben bemächtigten sich der Träume und der Gedanken: „Manche Probleme gingen mir monatelang im Kopf um, bis ich eine Lösung fand.“

Wobei er immer davon ausging, dass er eine Lösung finden würde. Die Beweise stellt er beim Rundgang vor: die neue Balkendecke in einem der Säle, den neu armierten und gekürzten Kamin, die neuen Partien im Mauerwerk, die verbauten Tore und Fenster, an die er günstig kam. Abgetragen ist der Hang, durch den Wasser ins Haupthaus drückte, trocken gelegt der Sumpf außen herum.

2022 öffnet er die Alte Ziegelei erstmals für ein größeres Publikum, mit einer Ausstellung regionaler Künstler. Weitere Veranstaltungen folgen, der Zuspruch ist phänomenal. Noch steckt der Ansatz, Ziegelei und Kunst zusammenzubringen, in den Kinderschuhen, doch auf den Erfolg ließe sich aufbauen, sagt Kleinschmidt.

Die Aufstellung von 28 Verkehrsschildern

Doch bevor es Genehmigungen dafür gibt, sind Auflagen zu erfüllen, darunter die Aufstellung von 28 Verkehrsschildern. Jüngste Auflage, die ihn am Tag des Besuchs der taz beschäftigt, ist die Pflasterung der Ein- und Ausfahrt zu einem temporären Parkplatz. Damit keine Steinchen auf die Fahrbahn geraten.

Der Sog der Anforderungen, der von der Bürokratie ausgeht, zehre an seiner Energie, sagt Kleinschmidt. Er fühlt sich schikaniert und ausgebremst, ist andererseits selbst nicht gerade konfliktscheu. Noch hat er den Kampf um die Reduktion von Tempo 100 auf 70 vor seinem Hoftor nicht aufgegeben.

Unerschrocken, wie er ist, hat sich Kleinschmidt sogar mit der örtlichen Jagdgenossenschaft angelegt. Den Teich, der auf seinem Grund liegt, hat er vor Gericht aus dem Jagdrecht herausgekämpft, wie er später erzählt. Freunde beim dörflichen Establishment schafft man sich so gewiss nicht.

Lange sei ihm aus dem nahen Erkheim, einer in mehrere Ortsteile zergliederten 3.000-Seelen-Gemeinde, blankes Misstrauen entgegengeschlagen, sagt Kleinschmidt. Was treibt der da draußen bloß? Und dann auch noch ein Ortsfremder. „Die Allgäuer sind per se misstrauisch“, und er nehme halt nicht am dörflichen Leben teil. Hinzu kam, dass die Alte Ziegelei als „altes Glump“ angesehen wurde.

Auf Kleinschmidts Betreiben ist sie mittlerweile als Baudenkmal eingetragen. Die ältesten Teile stammen aus dem frühen 20. Jahrhundert. Am Fototisch deutet Kleinschmidt auf die Repliken historischer Aufnahmen. Eine davon, mutmaßlich aus den 1920ern, zeigt ein Gruppenbild der Belegschaft. 24 Köpfe, mehr Frauen als Männer, deren Position sich anhand ihrer Arbeitskluft zuordnen lässt. Wenige stecken im Anzug, die Frauen in Schürzen, die Männer mit Schiebermützen.

Aus Gesichtern und Posen blitzt Stolz auf. Fabrikarbeit im bäuerlich geprägten Dorf bedeutete einen gewissen sozialen Aufstieg. Industriearbeitsplätze waren in der Umgebung rar. Wer einen im Ziegelwerk ergatterte, konnte sich zumindest eine Existenz aufbauen. Wer sich als Knecht und Magd auf bäuerlichen Höfen verdingen musste, lange das übliche Los der „überzähligen“ Landbevölkerung, konnte das nicht. Doch die Sache hatte auch ihren Preis: In der Haupthalle, in der noch Teile der technischen Einrichtungen erhalten sind, ist erahnbar, was für ein Höllenlärm hier einmal geherrscht haben muss.

Ein innerer Horrorfilm

Als Kleinschmidt hier anfing, hatte er gerade als Stipendiat eine Bildhauerschule in Südtirol absolviert. „Danach suchte ich einen Ort, an dem ich auch am Sonntag hämmern und flexen kann.“ Es folgten 22 Jahre Dauereinsatz für die Ziegelei. Ob ihm angesichts der Aufgabe niemals Selbstzweifel überkommen haben? „Weltuntergangstimmung, innerer Horrorfilm“ – kamen vor, meint er mit einem Schuss Selbstironie. Aber als „aussichtslos angesehen“ habe er sein Projekt in keinem Moment. Im Gegenteil: „Ich bin mit diesem Ort gewachsen, das hat mir gut getan.“

Mit Genugtuung verspürt er, dass sich gerade etwas dreht. „Da gehen Leute rein, die den Ort bislang als ‚Schmarrn‘ abgetan haben und ihn jetzt plötzlich als ‚schön‘ empfinden.“ Einmietungen von Hochzeitsgesellschaften verstärkten diesen Effekt, das Bayerische Fernsehen drehte ein Kurzportrait und stelle die Ziegelei als Kathedrale der Kunst heraus. Ab und an bringt sein Vater, mit dem lange der Kontakt abgebrochen war, ein Essenspaket vorbei.

Endlich, sagt Kleinschmidt, sei greifbar, was er immer anstrebte: einen besonderen Ort der Kreativität zu kreieren, ihm seine Aura zurückzugeben, die von der Würde seines Alters, seiner Geschichte und der nicht alltäglichen Architektur ausgeht.

Es „denen da draußen gezeigt zu haben“, spielt eine nicht minder große Rolle. Sich voll und ganz einer lange als nutzlos betrachteten Sache verschrieben zu haben, darin drückt sich seine Form des Protests aus gegen das, was er „die Gesellschaft“ nennt. Die Absage an den Konsumismus zog er eisern durch, einen Fernseher gibt es bis heute nicht, Internet nur auf dem Handy. Aber immerhin ein Handy.

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Dafür gibt es einen kleinen Gemüsegarten in Hochbeeten, auf der zum Areal zugehörigen Wiese grasen Kühe eines Biobauern, was Kleinschmidt die Zugehörigkeit zu einer landwirtschaftlichen Krankenkasse einbrachte. Dazu kommen die Skulpturen im freien Dialog mit der Architektur. Schön ist’s hier, ländliche Pastorale.

Ob er die weitgehende Aufgabe seines eigenen Kunstschaffens bedaure? „Heißt doch Ziegelwerk“, lautet die Antwort. So, wie es inzwischen dasteht, „ist das mein Werk“. Und dann nimmt das Gespräch noch eine wundersame Wendung: Sein Eremitendasein werde wohl zu Ende gehen. Er habe eine Teilnehmerin aus dem Südtiroler Bildhauer-Kurs wiedergetroffen, die alte Liebe sei neu entflammt. Sie werde wohl bei ihm einziehen. Platz ist ja genug.

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