: Sei kein Durak
Rund um ein Kartenspiel aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion treffen sich Menschen der Post-Ost-Communitys regelmäßig in Berlin. Sie finden hier eine Gemeinschaft. Ein Besuch mit Spielanleitung
Aus Berlin Uta Schleiermacher
Auf den Tischen liegen Kartenspiele bereit, hier und da steht daneben auch eine Schale mit gerösteten Sonnenblumenkernen. Zwei, drei Stühle oder Sessel sind meist noch frei. „Klar, spielt gern mit“, nickt eigentlich immer jemand. Wer neu rein kommt, kann sich also einfach dazu setzen. Und, falls ein Spiel schon im Gange ist, kurz abwarten, bis die Gruppe die Runde zu Ende gespielt hat. Es ist ein Donnerstagabend in einer linken Kneipe in Berlin-Friedrichshain, das Licht ist schummrig, die Getränke günstig. An fünf Tischen spielen Kneipengäste hier parallel Durak: ein im osteuropäischen und postsowjetischen Raum extrem beliebtes Kartenspiel.
Ein Durak-Spiel beginnt oft damit, dass jemand ein Kartenspiel durchsortiert. Dabei fliegen dann alle Spielkarten raus, die niedriger als 5 oder 6 sind, jedenfalls wenn die Spieler*innen ein handelsübliches Skat- oder Poker-Kartenspiel nutzen.
Mascha W. ist zum ersten Mal zum Durak-Abend gekommen, gehört hat sie davon über einen Freund ihres Mitbewohners. Ein „russlanddeutsches Kind“ sei sie, sagt sie von sich selbst. „Als ich in der ersten Klasse war, habe ich Sätze gesagt, von denen ich dachte, sie sind deutsch. Aber ein paar der Wörter, die ich benutzt habe, waren russische Wörter, das habe ich da erst gemerkt.“ Ein unangenehmer Moment, erinnert sie. „So etwas macht dich schüchtern.“
Mit so einer Erfahrung ist Mascha nicht allein. Von einer „Neigung zum Rückzug“ schreibt Ira Peter in ihrem Buch über Russlanddeutsche „Deutsch genug?“ Das öffentliche Bild dieser Gruppe sei oft von Abwertung und Vorurteilen geprägt gewesen. Peter, die selbst als Neunjährige aus Kasachstan nach Deutschland kam, erzählt von Scham und davon, wie eine der größten Migrant*innen-Communitys in Deutschland heute noch nahezu unsichtbar ist.
„Ich komme aus einer Großfamilie, in der Onkel, Tanten, Großeltern und Eltern viele Erwartungen an mich herangetragen haben“, sagt Mascha W. „In akademischen, eher gutbürgerlichen Kreisen fehlt mir häufig das Verständnis, was Migration und das Aufwachsen in einer oft unsichtbaren Parallelgesellschaft bedeutet“, sagt sie. „Dadurch fühle ich mich häufig nicht verbunden.“ Sie würde sich gern mit Menschen austauschen, die auch solche Erfahrungen gemacht haben, und suche einen Raum, „Sachen zu sagen, ohne vorher groß darüber nachzudenken“. Hier beim Durak hofft sie auf eine ähnliche Gestimmtheit.
Eine Person in der Runde teilt sechs Karten an jede*n Mitspieler*in aus und deckt die folgende Karte auf: Sie zeigt die Trumpffarbe für die kommende Runde an. Die restlichen Karten kommen als verdeckter Nachziehstapel in die Mitte. Die Person mit der niedrigsten Trumpfkarte beginnt. Sie greift die links neben ihr sitzende Spielerin an. Dafür legt sie der Person eine Karte hin, bestenfalls eine niedrige, zum Beispiel die Kreuz sechs, oder, wenn sie hat, gleich mehrere Sechsen in unterschiedlichen Farben. Die angegriffene Spielerin muss nun jede einzelne dieser Karten abwehren. Dazu legt sie Karten in derselben Farbe mit höherem Wert auf die Sechsen. Auch mit Trumpfkarten kann sie die Angriffe stoppen.
Daniel Heinz hat das Durak-Kollektiv mitbegründet, seine Familie ist aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. „2022, mit Russlands Vollangriff auf die Ukraine, das war ein Moment, wo die Community plötzlich in Erscheinung getreten ist“, sagt er. „An den Bahnhöfen in Berlin haben wahnsinnig viele ankommenden Menschen geholfen, viele junge Menschen, die Russisch oder Ukrainisch sprechen.“ Heinz arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Sonderforschungsbereich Produktion von Migration an der Universität Osnabrück. Dort schreibt er seine Doktorarbeit über russischsprachige Lkw-Fahrer, die er dafür auch an Autobahnraststätten über ihre Arbeitsbedingungen interviewt. Manchmal überlegt er, wie sein Leben wohl in Kasachstan abgelaufen wäre. „Ich habe hier so viele Möglichkeiten“, sagt er.
Mit den Durak-Abenden wollten sie ein niedrigschwelliges Angebot schaffen, das gerade junge Menschen anspricht und auch diejenigen, „die nicht studiert haben oder die keinen Antrieb haben, sich nach der Arbeit noch in einen Vortrag zu setzen“, sagt Daniel Heinz. „Wir wollen politische Bildung dahin bringen, wo die Leute eh in ihrer Freizeit sind.“ Die Idee sei, über das Kartenspielen Mitbestimmungsmöglichkeiten aufzuzeigen und zu vermitteln, wie cool Politik sein kann. So könnten sie auch Menschen erreichen, die vielleicht empfänglich für Propaganda seien. „Mit Durak haben wir etwas Gemeinsames, ein bisschen vergleichbar vielleicht mit Fußball“, sagt er.
Mit jeder Karte, die die angegriffene Spieler*in als Verteidigung legt, öffnet sie möglicherweise die Tür für neue Angriffe. Denn die angreifende Person darf weitere Karten nachlegen, allerdings nur Werte, die bereits auf dem Tisch liegen. Wer also mit einer 7 und 8 abwehrt, kann nun auch mit diesen Karten angegriffen werden. Eine gute Strategie ist es daher, wenn möglich, Angriffe mit dem gleichen Kartenwert zu stoppen. Auch die Person links von der angegriffenen Spielerin kommt nun mit ins Spiel. Sie darf ebenfalls angreifen, aber auch hier nur mit Kartenwerten, die bereits auf dem Tisch liegen. Eine Variante ist die Regel, dass Spieler*innen mit maximal sechs Karten angreifen dürfen.
Russlanddeutsche und Menschen mit russlanddeutschen Familiengeschichten sind zahlenmäßig eine der größten migrantischen Communitys in Deutschland. Wissenschaftler*innen gehen von rund 3 Millionen Menschen aus, wozu sie die tatsächlichen Spätaussiedler*innen und ihre Kinder zählen. Sie gelten als „gut integriert und unauffällig“. Wer darüber hinaus den Blick weitet und auch Menschen mit familiärem Bezug zum postsowjetischen Raum berücksichtigt, kommt auf rund 5 Millionen. Allerdings werden sie kaum als eigenständige Community wahrgenommen, und das hat Konsequenzen.
Ira Peters zeichnet in ihrem Buch nach, dass viele sich nicht als „echte Deutsche“ anerkannt fühlten – obwohl dies in der Sowjetunion ein wichtiger Teil ihrer Identität und ihres Selbstverständnisses gewesen war. Eine emotionale Aufgehobenheit blieb so aus. Auch Brüche in Erwerbsbiografien verstärkten für viele wohl letztlich das Gefühl, sich nicht wirklich als Teil der deutschen Gesellschaft zu begreifen.
Mit Quizfragen
Die Post-Ost-Community ist auch beim diesjährigen taz lab am 25. April vertreten. Gleich am Morgen zeigen Yuriy Krotov und Max Gede, wie „Noch besser streiten mit Quizfragen“ geht. Nach dem Mitraten darf das Publikum sie zu ihren Erfahrungen mit spielerischen Formaten in der politischen Bildung befragen.
Deutsch genug?
Um 14 Uhr liest Ira Peter aus ihrem Buch „Deutsch genug? Warum wir endlich über Russlanddeutsche sprechen müssen“. Am Abend diskutieren die Journalisten Anastasia Tikhomirova und Daniel Sagradov über Unterstützung der Ukraine in Deutschland, aber auch über die Verweigerung von Solidarität mit dem von Russland angegriffenen Staat. Mehr zum taz lab auf Seite 37.
Masha E., ebenfalls aus dem engeren Orga-Team des Durak-Kollektivs, unterrichtet Mathe und Biologie in Berlin-Marzahn. Auch ukrainische und russlanddeutsche Schüler*innen, erzählt sie. Sie sei selbst in Berlin-Hellersdorf aufgewachsen. „Ich kenne viele Schulen dort, und es gibt viele russlanddeutsche Schüler*innen.“ Doch als sie selbst dort zur Schule gegangen sei, habe sie nie das Gefühl von Gemeinsamkeiten in dieser Gruppe gehabt. „Meine Eltern wollten, dass ich gute Noten schreibe und dass ich Akademikerin werde.“ Es habe auch im Schulalltag keinen Raum gegeben, um über ihre Herkunft und gemeinsame Erfahrungen nachzudenken oder sich auszutauschen.
Vor Kurzem habe ihr um einiges jüngerer Bruder von einem Problem in der Schule erzählt. „Im Nebensatz sagte er, dass er dort mit seinen Freund*innen Durak spielt. Da habe ich direkt aufgehorcht“, sagt Mascha. „Jetzt ist meine Idee, auch an den Schulen mal anzuklopfen und anzubieten, mit Schüler*innen dort Durak zu spielen und politische Bildungsarbeit zu machen.“
Das Durak-Kollektiv sei schon mehrfach von Schulen kontaktiert worden, erzählt Heinz. „Sie hatten plötzlich einen Konflikt, an dem etwa Schüler*innen aus der Ukraine oder Tschetschenien beteiligt waren, und ihre Vorstellung ist, dass wir mit denen über Diskriminierung und Rassismus sprechen und da Frieden stiften“, sagt er. Das Kollektiv hätte durchaus Interesse, auch längerfristig an Schulen Angebote zu machen. Da es jetzt für zwei Jahre vom Berliner Senat im Rahmen eines Partizipations- und Integrationsprogramms gefördert werde, sei das nun auch planbarer.
Hat die Spielerin alle Angriffe erfolgreich abgewehrt, kommen die Karten aus dem Spiel und die Spieler*innen ziehen Karten vom Nachziehstapel nach, bis sie wieder sechs auf der Hand haben. Dabei zieht als Erstes die erste Angreifer*in, und als Letztes die Verteidiger*in. Für den Fall, dass die angegriffene Spielerin es nicht schafft, alle Karten zu übertrumpfen, nimmt sie die Karten, die offen auf dem Tisch liegen, in die eigene Hand auf. Sie darf in dieser Runde dann auch nicht selbst als Nächste angreifen, stattdessen ist die Person neben ihr mit dem Angreifen dran.
Der Durak-Stammtisch im Januar. „In Berlin ist es gerade sehr kalt, es liegt Schnee und die Flüsse und Seen sind zugefroren“, schreibt eine Teilnehmerin. Neben ihr liegt ihr Smartphone, eine App übersetzt den Text ins Russische. Sorgfältig malt sie die kyrillischen Buchstaben auf eine Postkarte. Die Karte ist für eine politische Gefangene in einem Gefängnis in Russland. An diesem Abend ist Isabella Hoyer zu Gast beim Durak-Kollektiv. Hoyer informiert in den sozialen Medien über russische Desinformation und politische Repressionen. Seitdem zwei ihrer Freunde in Russland verhaftet wurden, schreibt sie selbst regelmäßig Briefe an politische Gefangene dort. Zum Durak-Stammtisch hat sie Postkarten mit Blumenmotiven und Briefmarken mitgebracht. Sie erklärt, wo Namen und Adressen zu finden sind und worauf es beim Schreiben ankommt: etwa, dass der Inhalt möglichst unverfänglich sein sollte, um die Zensur zu überstehen. Und sie betont, wie wichtig es für die teils sehr jungen und für Lappalien zu absurd langen Haftstrafen Verurteilten ist, zu merken, dass jemand an sie denkt.
An anderen Abenden singen die „Durachki“ Karaoke, schmettern Lieder auf Russisch, Ukrainisch, Englisch und Hebräisch. Mal stellt sich Radical Aid Force vor, ein Projekt, das die Ukraine aktuell unterstützt. Auch Konflikte mit der Elterngeneration waren schon Thema: Denn Teile der jüngeren Generation erleben, wie sie sich über politische Ansichten entfremden. Andere erfahren Ablehnung in der Familie, wenn sie sich als queer outen. Auch jüdische Feste wie etwa Purim oder Chanukka haben sie bei ihren Stammtischen schon gemeinsam gefeiert.
Wenn der Kartenstapel in der Mitte aufgebraucht ist, geht es darum, die eigenen Karten komplett loszuwerden. Nach und nach scheiden so immer mehr Spieler*innen aus dem Spiel aus. Spieler*innen dürfen dabei nur mit so vielen Karten angreifen, wie die angegriffene Person noch auf der Hand hat. Wer am Ende die letzte Person mit Karten auf der Hand ist, ist der Durak und damit der*die Verlierer*in der Runde.
Entstanden ist das Durak-Kollektiv vor zwei Jahren, im März 2024. Im Kern umfasst es 12 Personen, zusammengefunden haben sie über den Spaß am Kartenspiel und ein gemeinsames politisches Grundverständnis. „Was uns verbindet, sind familiäre Bezüge auf dem postsowjetischen Raum und die russische Sprache“, sagt Anton L. „Die meisten Begriffe für uns als Community haben das Problem, sehr auf Russland und die Sowjetunion zentriert zu sein, und das schließt einige Erfahrungen wieder aus. Post-Ost hat sich ein bisschen etabliert“, sagt er.
„Trotz der Gemeinsamkeiten sind die Erfahrungen aber teils sehr unterschiedlich, Jüdinnen und Juden haben die Sowjetunion ganz anders erlebt als Russlanddeutsche“, sagt er. „Diese Spannung müssen wir aber gar nicht auflösen.“ Gemeinsam ist ihnen auch, dass sie gegen eine in der Gesellschaft teils immer noch stark präsente Russophilie eintreten und Russland klar als imperialistischen Staat sehen. „Es ist die Kultur und Sprache, die uns prägt, und in die wir verstrickt sind, aber dabei reflektieren wir auch die Schattenseiten“, sagt L.
Bei den Durak-Abenden sitzt schnell mal jemand mit Familie aus Kasachstan neben einer Russin, eine Georgierin neben einem Juden aus der Ukraine. Zwei Geschwister sind über Instagram auf den Durak-Stammtisch aufmerksam geworden. „Wir haben früher mit unseren Großeltern Durak gespielt“, sagt die Schwester. „Ich auch“, sagt ein Mitspieler, kurz sprechen sie über Regelvarianten. Am Ende des Abends tauschen sie ihre Kontakte aus.
„Ich weiß eigentlich gar nicht, was alles so an den Tischen passiert und welche Beziehungen die Menschen eingehen“, sagt Daniel Heinz. Doch er weiß, dass viele sich über die Gelegenheit für Kontakte außerhalb der sozialen Medien freuten.
„Ich habe schon viel politische Arbeit gemacht, aber das Durak-Kollektiv ist mein Herzensprojekt“, sagt Mascha K. Sie ist mit 21 nach Deutschland ausgewandert, ihre Mutter lebt noch in der Schwarzmeerregion. Das Zusammensein im Kollektiv sei für sie erleichternd, nachdem sie die ersten Jahre vor allem versucht habe, sich in Deutschland anzupassen, und sogar bemüht war, sich ihren Akzent abzutrainieren. „Ich hatte in Berlin vorher keine Leute, mit denen ich Russisch gesprochen habe“, sagt K. Im gemeinsamen Grundverständnis fühle sie sich aufgehoben. „Wir kennen und singen die gleichen ukrainischen Songs, wir lachen über die Witze, die sich auf gemeinsame kulturelle Codes beziehen“, sagt sie. „Es ist für mich wie eine Familie. Hier darf ich so sein, wie ich bin, jüdisch, queer, migrantisch, ohne mich erklären zu müssen.“
Durak ist ein Spiel mit unzähligen Extraregeln und Varianten. Eine davon ist, Schummeln zuzulassen. Solange niemand es bemerkt, dürfen Spieler*innen dann mit ungültigen Karten angreifen oder abwehren oder auf andere unlautere Art versuchen, Karten loszuwerden. Wer dabei erwischt wird, wird meist auch auf die eine oder andere Art sanktioniert.
Nach dem Berliner Vorbild haben sich inzwischen auch in Hannover und Osnabrück Gruppen gefunden, die sich zum Durak-Spielen treffen. Auch Einladungen zu Festivals erhält das Kollektiv, und deren Mitglieder besuchen andere Gruppen, um ihre Erfahrungen zu teilen. Daniel Heinz sagt, dass er demnächst mit Kartenspielen auf Autobahnraststätten gehen will. Durak wäre dann ein Türöffner, um mit Lkw-Fahrern über ihre Arbeitsbedingungen ins Gespräch zu kommen.
In der Friedrichshainer Kneipe verdreht eine der unerfahreneren Spielerinnen die Augen, als sie schon wieder eine Menge Karten aufnehmen muss. Sie zeigt ihr Blatt der Freundin, die neben ihr sitzt und schon alle Karten losgeworden ist. „Ich würde dir die georgische Art empfehlen“, sagt diese. „Wie geht die georgische Art?“ Ihre Freundin lacht. „Ich denke, dass du ohne Schummeln wohl keine Chance mehr hast“, sagt sie.
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