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Mit staatlichem Millionenetat produziert die Bundeswehr eine Propaganda-Serie. Das Ergebnis ist geeignet, junge Menschen vom Militär abzuschrecken
Foto: Bundeswehr
Von Valérie Catil
Es ist ein miserabler Alltag: frühmorgens von aggressiven Männern mit geleckten Nazi-Frisuren aufgeweckt werden. Sie kontrollieren, ob das Bett makellos gemacht ist. Auch die Rasur wird überprüft. Dann Maßregelung, wenn die Decke Falten wirft oder ein Stoppel am Hals übersehen wurde. Fades Kantinenessen, das die Rekruten auch noch selbst zahlen müssen. Sport auf dem trostlosen Kasernengelände. Schießtraining mit schweren Tötungsmaschinen.
Am Ende des Tages bleibt lediglich der Stolz darauf, ihn überstanden zu haben. Aber der Schmerz soll es wert sein. Dabei werden diejenigen, die durchhalten, hier im Kern auf eines vorbereitet: für ihren Staat zu sterben oder zu töten.
Den Militäralltag nachsehen kann man nicht etwa in einem Investigativformat, das abschreckend zeigen will, was bei den deutschen Streitkräften vor sich geht. Sondern in der neuen Bundeswehrserie „Generation Wehrdienst“: Sie besteht aus acht Folgen, die fünf Rekrut:innen bei ihrer Grundausbildung begleiten.
Der Werbeetat der Bundeswehr liegt 2026 bei 70,6 Millionen Euro, ungefähr doppelt so viel wie noch 2022 – eine Menge Geld für staatliche Propaganda. Umso beeindruckender ist es, dass damit ausgerechnet ein Produkt entstanden ist, das eigentlich jede Person, die nicht völlig untertan ist, von der Grundausbildung abschrecken und zum lokalen Schulstreik gegen die Wehrpflicht treiben sollte.
„Ich will Disziplin lernen“, sagt David, ein Rekrut, den die Serie begleitet. Dieser Wunsch wird bei der Bundeswehr erfüllt, denn es gibt im Grunde für alles eine Regel: wie man zu stehen hat, wie man zu sprechen hat – etwa, indem man „ja“ durch „jawohl“ und „zwei“ durch „zwo“ ersetzt –, wie das Zimmer auszusehen hat, wie man sich zu rasieren, wie man zu blicken und die Hände hinter dem Rücken zu halten hat. Auch, dass man nichts zu lachen hat.
Zusammenhalt, mehr Selbstbewusstsein und Kameradschaft, erhoffen sich andere Rekrut:innen von ihrer Grundausbildung. Ahmad erklärt, dass ihm der Zugang zu dem Beruf, den er erlernen wollte, mit seinem Abschluss verschlossen blieb. Deswegen ging er den Weg über die Bundeswehr. Auch David sei schulisch nicht begabt gewesen, sagt er. Natürlich wirkt die Bundeswehr da wie eine Chance.
Dass ein stärker werdender ökonomischer Druck junge Menschen zukünftig an die Waffe drängen wird, ist offensichtlich. Und selbst wenn die Rekrut:innen in der Serie freiwillig da sind: Auch sie nennen gute Vergütung und kostenloses Bahnfahren als Gründe für die Bundeswehr.
Wie sich die Zeit gewendet hat
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Doch dieses eine Wort, die Sehnsucht nach dem einen Wesenszug, hört man über die Episode hinweg immer wieder: Disziplin. Es fällt schwer, dabei nicht an Erich Fromm zu denken, der 1941 in „Die Furcht vor der Freiheit“ zu erklären versuchte, warum eine Gesellschaft dem Autoritarismus und dem Faschismus verfällt. Darin kommt er zu dem Schluss, dass all die „Freiheiten zu“, die dem Individuum in einer modernen Gesellschaft offenstehen, es überfordern und ohnmächtig fühlen lassen – bis „Freiheiten von“ als Fluchtmechanismen an deren Stelle treten wollen.
Ja, die Rekrut:innen sind frei: frei davon, eigenständige Entscheidungen zu treffen. Frei davon, auf Augenhöhe mit ihren Vorgesetzten zu sprechen. „Ich hab’ Angst vor dem“, sagt Ahmad über einen Offizier – der Mann hat weite, eisblaue Augen und kurzgeschorene Seiten. Er raunt Ahmad an, obwohl er nur höflich gefragt hatte, ob er sein Handy im Spind einschließen solle. Sie sind frei davon, ihren Tag zu gestalten, wie es ihnen beliebt. Frei davon, infrage zu stellen, was ihnen dort beigebracht und befohlen wird.
Ganz stimmt der letzte Satz nicht: Es gibt immer wieder beeindruckende Momente in der Serie, die zeigen, dass die jungen Menschen dort vernünftig und ihre Gedanken noch nicht ganz von der militaristischen Ideologie eingenommen sind. „Warum mache ich das?“, fragen sie dann zum Beispiel. Oder sie sagen, dass sie hätten weinen können, als ihnen befohlen wurde, ihren mickrigen Bart vollständig abzurasieren. Oder dass der Alltag und die Vorgesetzten eigentlich nur schlimm seien, dass es schlimmer kaum mehr werden könne. Dass sie aufgeben und nach Hause wollen.
Doch solche Fünkchen Vernunft sind genauso schnell erlöscht, wie sie aufleuchten. Die Offiziere hätten recht, wenn sie herumbrüllen, heißt es, schließlich ginge es nicht immer auf die bequem Art: „Die machen das, damit wir das lernen.“ Diese Rechtfertigungen beweisen, dass die Ausbildung Früchte trägt.
Abgesehen von geschmeidigen Kamerafahrten über Gewehre, die wie deplatzierte Werbespots ins Schießtraining geschnitten sind, ist der Kasernenalltag auch ästhetisch vor allem lieblos, grau und kühl. Dankenswerterweise wird in keiner Episode auch nur im Geringsten zu verheimlichen versucht, welche Erniedrigung die Rekrut:innen erleben, sodass junge Zuschauer_innen hoffentlich nicht auf die Idee kommen, es ihnen freiwillig gleichzutun.
„Generation Wehrdienst“ zeigt erstaunlich ehrlich, dass die Bundeswehr kein gewöhnlicher Arbeitsplatz ist. Noch mehr als jeder andere bringt er Unterordnung und Hierarchien bei. Wenn es darum geht, den Staat zu verteidigen, sind und bleiben kritische Gedanken unnütz – also, für den Staat.
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