Schwurbelnde Musikclubs auf St. Pauli: Veranstalter ziehen Reißleine

Die Clubs „Docks“ und „Große Freiheit 36“ verbreiten Corona-Leugnungen. Nun haben etliche Konzertveranstalter die Zusammenarbeit gekündigt.

Eine Wandzeitung mit Propaganda auf der Fassade des Docks.

Das Docks auf der Reeperbahn bezweifelt die Wirksamkeit der Maskenpflicht Foto: Miguel Ferraz

HAMBURG taz | Die Botschaften sind unmissverständlich. „Ist die Corona-Pandemie eine gigantische Lüge?“ steht da. Es wird zum „Sicherheitsabstand“ von mindestens 100 Metern zur „gleichgeschalteten Presse“ geraten, zu den „angeblichen Corona-‚Experten‘“, zu „selbsternannten Meldeblockwarten“ und „zu allen Politikern“. „Bewaffnet euch mit Wissen“ steht da weiter an der Wand, gefolgt von Verweisen auf verschwörungstheoretische Plattformen wie „KenFM“ und „Rubikon“.

Es geht um die Hamburger Veranstaltungsstätten „Große Freiheit 36“ und „Docks“. Relativierungen und Leugnungen der Coronapandemie werden dort in Wandzeitungen platziert. Man wolle anderen Stimmen Gehör verleihen, sagt die Große Freiheit 36 dazu an ihrer Fassade zur „Anregung der Diskussion“. Ob alle Inhalte von den Betreibern der Locations selbst stammen, ist unklar. Aber sie hängen dort seit Monaten.

Seit ein paar Tagen kocht die Kritik daran hoch, auch in den sozialen Medien. „Wollt ihr nicht lieber Xavier Naidoo und den Wendler auftreten lassen?“, fragt etwa der User Dennis Trepka, Profilbild „Gib Nazis keine Chance“, auf der Facebook-Seite der Großen Freiheit 36. „Die passen besser in euer Schwurblerweltbild.“

Dem Veranstaltungsunternehmen FKP Scorpio reicht es jetzt – es hat den beiden Klubs die Zusammenarbeit aufgekündigt. Am Mittwoch veröffentlichte FKP Scorpio einen offenen Brief und erklärte den Schritt: „Mit großer und wachsender Enttäuschung haben wir in den vergangenen Monaten beobachten müssen, dass ihr zunehmend gefährlichem und demokratiefeindlichem Gedankengut ein Forum bietet“, schreibt das Unternehmen. „Spätestens mit indirekten Aufrufen zur Gewalt und dem Verweis auf rechtspopulistische und verschwörerische ‚Medien‘, die diesen Namen nicht verdienen, hat unsere Geduld ihr Ende gefunden.“

Audiolith Records, Musiklabel

„Das ist, wie wenn ein enger Freund von früher auf einmal in eine Wahnwelt abdriftet“

Die Unterzeichner sind namhaft und zahlreich, von Inferno Events/Reeperbahn Festival bis zur Interessengemeinschaft Hamburger Musikwirtschaft, von River Concerts bis Kingstar Music, STP Hamburg Konzerte, Neuland Concerts, Buback Tonträger bis OHA! Music.

Sie alle fordern die beiden Klubs auf, „diese Wände umgehend abzubauen und künftig persönliche Meinungsäußerungen klar erkennbar als solche darzustellen, anstatt wie bisher aus der Deckung des Gesamtkonstrukts eurer Spielstätten zu agieren“.

Ihr Druckmittel: Viele Künstler*innen, „die maßgeblich zu eurem vormals guten Namen beigetragen haben“, seien nicht länger bereit, auf den Bühnen der beiden Musik zu machen. Dasselbe gelte für die eigenen Mit­ar­bei­te­r*in­nen und Tourneepartner*innen. Den „Schulterschluss mit Schwurblern, Verschwörern und jenen, die keinen Widerspruch darin sehen, neben Nazis für Demokratie zu demonstrieren“, werde man nicht länger akzeptieren. „Veranstaltungen unter eurem Dach kommen unter diesen Bedingungen für uns nicht infrage.“

Die Hamburger Plattenfirma Audiolith Records sieht das ähnlich: Beide Klubs seien schon seit Beginn der Pandemie komplett auf Schwurbler-Kurs, schreibt das Label auf seiner Facebook-Seite. Ihre Wände wirkten wie ein Sammelsurium von wahnhaften Verschwörungstheorien rund um Corona. Audiolith fürchtet: „Die Schwurbler ebnen den Nazis und Faschisten den Weg noch weiter in die Mitte der Gesellschaft.“

Für Audiolith sei klar, dass das Label unter diesen Umständen keine Konzerte mehr in den Klubs veranstalten werde – „so sehr es weh tut und uns und unseren Bands schadet“. Es sei, „wie wenn ein enger Freund von früher auf einmal in eine Wahnwelt abdriftet“. Ignorieren, so Audiolith, „bringt aber nichts.“

Dass die Pandemie-Lockdowns, unter denen gerade die Klubsszene und mit ihr die gesamte Musikveranstaltungsbranche bis zur Existenznot leidet, zu Verzweiflungsakten führen, zu selbstbefreiendem Sich-Gehör-Verschaffen, sei verständlich. Aber was das Docks und die Große Freiheit 36 anböten, sei krudes Querdenken.

Warum die beiden Klubs das machen? Was sie zum offenen Brief von FKP Scorpio sagen? Docks und Große Freiheit 36, von der taz um Kommentierung gebeten, schweigen. Aber auch das ist ja ziemlich beredt.

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