Schwuler Rapper Baran Kok: „Wenn einer rappen darf, dann ich!“
Der Berliner Rapper stellt die minderheitenfeindliche Deutschrapszene auf den Kopf – und wird dafür gefeiert, aber auch mit Hass konfrontiert.
Er wollte immer der Erste sein, der etwas wagt. Jetzt ist er es: „Der erste offen schwule Kanake, der in Deutschland rappt“, sagt Baran Kok strahlend.
Kok sitzt vor einem Café im queeren Nollendorfkiez. Er nimmt einen letzten Zug von seiner Zigarette, bevor er sie ausdrückt. Meist trägt Kok Shirts mit provokanten Aufschriften, wie „Blow Job Queen“ oder „I love Kok“. An diesem grauen Novembertag taucht er fast brav in Bomberjacke, Adidas-Hose und schwarzen Raverschuhen auf. Auf seinen Lippen glänzt Lipgloss, an seiner Nase ein Nasenring.
„Ich wollte schon immer Musik machen“, erzählt Kok später bei einem Cappuccino im Café. „Ich hatte nur nie das Privileg dazu. Musik machen ist so teuer.“ Der Rapper mit kurdischen Wurzeln wurde in Istanbul geboren und wuchs in Freiburg im Breisgau auf. Über das Aufwachsen dort spricht er nicht, auch über seine Familie nicht. Seine Texte lassen erahnen, dass es nicht leicht gewesen sein muss, als schwuler Mann in einer kurdischen Familie in Baden-Württemberg groß zu werden.
Nach der Pandemie zog Kok in die Hauptstadt. Zunächst machte er sich einen Namen als DJ in der Clubszene und wurde zum Live-DJ der Hyperpop-Künstlerin Domiziana. Es folgten Auftritte bei bekannten Streamern, in der Kantine am Berghain sowie im inzwischen geschlossenen SchwuZ. Im März 2024 erschien seine erste offiziell veröffentlichte Single: „Herr Officer“. 2025 war er der erste schwule Rapper auf der Mainstage des Splash!-Festivals.
Im Internet zu Hause
Mit den sozialen Medien weiß der Rapper umzugehen, oder, um es mit seinen Worten zu sagen: „Ich bin im Internet aufgewachsen und habe Social Media schon immer totgefickt.“ Kok landet bundesweit auf den For-You-Pages, seine Videos gehen viral. Inzwischen zählt der Wahlberliner auf Tiktok über 60.000 Follower, auf Spotify mehr als 130.000 monatliche Hörer*innen.
Seinen Erfolg erklärt er schlicht: „Weil es so etwas im Deutschrap noch nie gab – jedenfalls nicht im Mainstream.“ Aufgewachsen sei er mit Rap-Legenden, wie Haftbefehl, Ćelo & Abdï, MoTrip, erzählt Kok. „Die waren für mich Vorbilder, weil die so real waren.“ Obwohl ihre Texte vor diskriminierenden Lines triefen, habe er sich schon früh gedacht: „Entweder heulst du darüber oder du hörst es einfach und machst dein eigenes Ding daraus.“
Das tut er jetzt. Statt Pussys und Bitches rappt Kok über Schwänze und Cockrings. „Ich umschreibe nicht viel, da gibt’s wenig Verstecktes zwischen den Zeilen“, sagt Kok. „Es ist sehr roh und real.“ Er untertreibt nicht: „Splish Splash / Geh aufs Klo und fick ihn fast“, singt er, oder „Der Beat ist sick/Dein Glied ist dick.“
Seine expliziten Texte scheinen auf den ersten Blick nicht besonders politisch. Doch er verpackt darin geschickt Homophobie-, Rassismus- und Sexismuskritik, ohne belehrend zu wirken. In „Hey Alexa“ singt er etwa: „Hey Alexa: Ja, ich hab ein’n Arsch für Dicks, nenn es AfD“ oder „Und ich schick’ ihn nach Hause, nenn mich AfD“. Darin heißt es auch: „Ich bin nicht he/him, Hoe, ich bin er“. Kok erklärt: „Ich hatte nie das Privileg, mir groß Gedanken um Pronomen zu machen. Für mich passt er.“
Homophobe Familie
Wenn er über Politik, Trauma und Familie rappe, dann in „seiner Art“. Diese heißt: Humor und Überspitzung. In „Traurige Hure“ singt er etwa: „Mein Vater könnt so stolz sein, er ist lieber homophob.“ Und er schiebt hinterher: „Dein Vater war es auch, bis ich ihn lutschte auf dem Klo.“
Ist die explizite Sprache ein Versuch der Aneignung, um dem trans-, homo- und frauenfeindlichen Deutschrap etwas entgegenzusetzen? Nö, sagt Kok. „Die Texte im Rap sind immer noch diskriminierend.“ Natürlich hoffe er, Deutschrap schwuler zu machen, aber er werde das Genre nicht umstrukturieren können. Und trotzdem sei es toll, wenn er Nachrichten bekomme, dass Leute sich seinetwegen geoutet hätten. „Aber ich mache mir nicht den Druck, ein Vorbild für alle schwulen Kanaken in Deutschland zu sein. Das kann ich auch gar nicht.“
Kok nimmt einen Schluck von seinem Cappuccino. Auf seinem Unterarm prangt ein Tattoo: „Traurige Hure“. Auf seinem rechten Oberarm steht „Fag Life“, gestochen in der unverkennbaren „Thug Life“-Schrift.
„Rap wird nicht unbedingt schwuler“, meint Kok, „aber offener.“ Das geschehe etwa durch New-Wave-Rapper und Trap-Künstler, die Croptops und Nagellack tragen. „Das hilft schon viel, es wird nur gefährlich, wenn es performativ wird“, sagt er. Man dürfe nicht jedem Mann, der Nagellack trägt, einen Pokal geben. Lachend fügt er hinzu: „Sei nicht schwuler als ich, wenn du nicht schwul bist.“
Kein Blatt vor dem Mund
Mit seiner expliziten Sprache und kompromisslosen Art provoziert und polarisiert der Rapper. „Viele sagen, ich darf nicht rappen, weil ich schwul und Kurde bin“, erzählt er. Seine Antwort sind Tiktok-Videos mit dem Kommentar: „Hafti und ich sind Kurde und Rapper“ oder „Kurdo und ich sind Kurde und Rapper“. „Rap ist in Deutschland so dominiert von Kanaken. Wenn einer rappen darf, dann ich!“, sagt Kok. „Ich bin erst einmal Kanake und Rapper. Zufällig auch schwul.“
Unter seinen Tiktok-Videos fällt auch häufig der Kommentar: „2–3 Jahre Dagestan“. Dabei handelt es sich um einen queerfeindlichen Trend, der ein toxisches Männlichkeitsbild glorifiziert. Dagestan – eine autonome Republik im russischen Nordkaukasus – gilt als Hochburg des Mixed Martial Arts. Der Kommentar meint, jemand solle dorthin geschickt werden, um Disziplin, Härte und Gewalt zu lernen. Kok greift die Beleidigung auf und spielt in seinem Lied „Dagestan“ humorvoll damit: „Ich mach Urlaub in Dagestan, ich war noch da gestern / Ich war nur kurz weg, komm zurück und ich habe gar nichts an.“
Der Hass pralle an ihm ab, sagt Kok. „Wenn du Kanake bist und dann noch schwul, hast du schon mit so viel Scheiße zu kämpfen gehabt, dass dich nicht juckt, was irgendein Moritz auf Tiktok schreibt.“
In den Kommentarspalten tauchen auch viele rechte Parolen von Nutzer*innen mit Deutschlandflagge in der Biografie auf sowie blaue Herzen – das Symbol für die AfD. „Diese rechte Bubble ist schlimm“, sagt Kok. „Vor allem erschreckt mich, wie jung die sind.“ Doch er nimmt es wie immer mit Humor: „Wenn ich andere trigger, dann ist geil. Je sichtbarer ich die AfD beleidigen kann, desto besser!“
Bedrohlicher Rechtsruck
Aber im Ernst: „Natürlich macht mir das Angst.“ Es fühle sich an, als würde sich alles rückwärtsdrehen, sagt er. Rassismus nimmt zu, rechte Parteien erstarken, Queerfeindlichkeit wächst. Gleichzeitig müssen queere Orte schließen – erst Anfang November das SchwuZ, einer der ersten Clubs, in denen Kok auflegte.
Viele würden von ihm erwarten, dass seine Musik einen Bildungsauftrag verfolge, erzählt er. „Natürlich ist Politik ein riesengroßes Thema bei mir, aber Songs müssen für mich auch eine gewisse Leichtigkeit haben, damit ich sie immer wieder hören kann“, sagt Kok lachend. „Allein, dass ich als Kurde schwul bin und auf Bühnen stehe, ist genug Politik.“
Ernsthaft fügt er hinzu: „Es ist nie Politik genug.“ Sein Appell: „Es ist wichtig, dass Leute ihr Ding durchziehen und sich nicht von Kommentaren runtermachen lassen.“ Denn die Kommentare werde es immer geben. Irgendjemand werde immer nicht mögen, was man tut. „Und dann was? Die Welt dreht sich weiter.“
Im April startet seine Tour. Bis auf Wien und Leipzig sind alle Shows der „Free Baran Kok“-Tour ausverkauft. Wann er frei ist? „Ich bin erst free, wenn Deutschland schwul ist“, scherzt Kok – und verschwindet, um sich schminken zu gehen für ein Fotoshoot.
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