Schwangerschaftsabbrüche: Grenzenlose Solidarität
Millionen Menschen haben keinen Zugang zu sicheren Schwangerschaftsabbrüchen. Mehrere internationale zivilgesellschaftliche Netzwerke haben da Ideen.
Einen eigenen Fonds gibt es nicht, Unterstützung für die Initiative von My Voice My Choice hat die EU-Kommission aber zugesagt. Über 1,2 Millionen Unterschriften hatte die Bürgerinitiative gesammelt, für einen sicheren Zugang zu Abtreibungen in der gesamten EU. Im Dezember hatte das EU-Parlament beschlossen, die Forderung zu unterstützen.
Die Mitgliedsstaaten sollten finanzielle Mittel bekommen, um sichere Abtreibungsbehandlungen für alle zu gewährleisten. Doch die EU-Kommission hat Ende Februar entschieden, keine Extragelder zur Verfügung zu stellen. Die Mitgliedstaaten dürfen aber Gelder aus bestehenden Sozialfonds dafür verwenden. Für die Initiatorinnen von My Voice My Choice ist das schon ein Erfolg.
Frankreich, Schweden und die Niederlande haben die liberalsten Abtreibungsgesetze in der EU. In Deutschland sind Schwangerschaftsabbrüche zwar illegal, aber unter bestimmten Voraussetzungen in den ersten drei Monaten straffrei. Vor allem Polen und Malta haben sehr restriktive Abtreibungsregelungen. Das will My Voice My Choice nicht länger hinnehmen – als Teil eines internationalen Netzwerks an Initiativen.
Von Behandlungen auf offener See …
Weltweit sind laut dem UN-Bevölkerungsfonds etwa die Hälfte aller rund 240 Millionen Schwangerschaften ungewollt. Über 60 Prozent der ungewollten Schwangerschaften enden mit einem Abbruch, und schätzungsweise 45 Prozent aller Abtreibungen sind unsicher. Bei diesen Eingriffen sterben jährlich zwischen 30.000 und 40.000 Schwangere. In den 27 EU-Ländern haben etwa 20 Millionen Menschen keinen Zugang zu sicheren Abtreibungen.
Zum feministischen Kampftag am 8. März wird die wochentaz zur feministaz. Während Rechte von Frauen, trans, inter und nichtbinären Personen weltweit angegriffen und zurückgedreht werden, fragt die Ausgabe, was gegen Ohnmacht und Ratlosigkeit helfen kann. Unsere Antwort: Solidarität. Auf 52 Seiten zeigt die feministaz, wie Solidarität im Großen wie im Kleinen gelebt wird. Auch auf taz.de wird das Thema vier Tage lang begleitet. Das ganze Editorial können Sie hier lesen.
Hier kommen die solidarischen Netzwerke ins Spiel. Neben My Voice My Choice zum Beispiel die Organisation Women on Waves. Die Gruppe wurde 1999 von der niederländischen Ärztin Rebecca Gomperts gegründet. Anfangs – daher der Name – ermöglichte Women on Waves Abtreibungen auf offener See. Menschen aus Ländern, in denen Abbrüche illegal waren, wurden auf internationalen Gewässern behandelt. Denn an Bord des niederländischen Schiffes galt niederländisches Recht, das Abtreibungen erlaubte.
Bis zu ihrem Ende 2017 dienten die Schiffstouren nicht nur der praktischen Hilfe, sondern auch als öffentlichkeitswirksame Aktionen, um das Thema in die Medien zu bringen und Druck auf Regierungen zu machen. „Wir schauen immer, welche Maßnahmen die größten Veränderungen bewirken können“, sagt Gomperts der taz.
Denn Women on Waves versteht sich in erster Linie als Advocacy-Gruppe, versucht also, politisch Einfluss zu nehmen. Zum Beispiel gegen die restriktiven Abtreibungsregelungen, die seit Donald Trumps erster Amtsperiode Einzug in den USA halten. Im Juni 2022 hatte der dank Trump von Konservativen dominierte Oberste Gerichtshof das 50 Jahre alte Grundsatzurteil Roe v. Wade kassiert. Die Entscheidung von 1973 hatte bis dahin in den gesamten USA das Recht auf Abtreibungen gesichert, in etwa bis zur 24. Schwangerschaftswoche. Die Abschaffung von Roe v. Wade bedeutet, dass die einzelnen US-Bundesstaaten seitdem Schwangerschaftsabbrüche einschränken oder gar verbieten können.
… bis zu Forschung und Onlineversand
Seit 2018 setzt Women on Waves auch auf Forschung. Ziel ist es etwa, zu zeigen, dass die Abtreibungspille Mifepriston auch als Verhütungsmittel genutzt werden kann. Anders als die Pille muss man Mifepristone nicht dauerhaft nehmen, das Medikament greift nicht in den Hormonhaushalt ein. Für die Finanzierung von klinischen Tests läuft derzeit ein Crowdfunding auf der Plattform Gofundme. „Vielleicht“, heißt es dort, „werden nicht Pharmaunternehmen, sondern Frauen – und diejenigen, die sie lieben – den Wandel herbeiführen.“
Auch wenn genug Geld zusammenkommen sollte, auch wenn die Tests das erhoffte Ergebnis liefern sollten, wird es wohl auch in Zukunft nichtstaatliche Unterstützung für Schwangerschaftsabbrüche brauchen – so lange, wie Konservative Parlamente und Regierungen dominieren.
Unterstützung, wie sie zum Beispiel die Online-Organisation Women on Web mit Sitz in Kanada leistet. Oder die polnisch-deutsche Initiative Ciocia Basia mit Sitz in Berlin. Ciocia Basia bedeutet auf Deutsch so viel wie „Tante Barbara“, die Organisation wendet sich vor allem an Menschen in Polen. Das „intersektionelle feministische Kollektiv“, wie es sich selbst nennt, vermittelt ungewollt Schwangere an Ärzt*innen in Deutschland. „Uns eint die Überzeugung, dass jede schwangere Person das Recht auf Selbstbestimmung haben sollte. Deshalb helfen wir allen Menschen, unabhängig von ihren Ansichten und Überzeugungen“, schreibt die Gruppe auf ihrer Webseite.
Das Angebot von Women on Web funktioniert ganz einfach: In einer von 14 Sprachen klickt man auf der Webseite der Organisation den Button „Abtreibungspille bestellen“ und wird dann durch ein Konsultationsformular geführt. Nach Angabe der Adresse kommt das Medikament per Post. Women on Web hat nach eigenen Angaben über 165.000 Menschen die Abtreibungspille geschickt.
Empfohlener externer Inhalt
Rebecca Gomperts, die auch Women on Web gegründet hat und vom Time Magazine als eine der 100 einflussreichsten Menschen des Jahres 2020 ausgezeichnet worden ist, sagt der taz: „Die Zivilgesellschaft wird immer gebraucht werden, um Menschenrechte voranzubringen und die Rechte, die wir errungen haben, zu schützen“.
Nach dem Jein der EU-Kommission zu zusätzlichen Geldern für einen sicheren Zugang zu Abtreibungen in der gesamten EU gilt das umso mehr.
In der aktuellen Folge des taz-Podcasts „Fernverbindung“ spricht taz-Redakteurin Anastasia Zejneli mit Korrespondentin Katharina Wojczenko über feministische Kämpfe in Kolumbien.
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