Schulproteste auch in Belgien: „Wir haben unsere eigenen Forderungen“
Schon seit Monaten hält eine Streikbewegung Belgiens Schulen in Atem. Doch dort sind die Probleme anders als in Frankreich.
Foto: Stephanie Lecocq/reuters
Die weiterführende Schule Athénée Charles Janssens im Stadtteil Ixelles ist nur einen Steinwurf vom Brüsseler Europaviertel entfernt – und wird bestreikt. Doch die EU-Beamten und Diplomaten, die das belebte Viertel im Stadtzentrum frequentieren, dürften vom Schülerstreik in Belgien bisher wenig mitbekommen haben.
Alle Blicke richten sich auf Frankreich, wo schon Barrikaden brennen. Aber Belgien? Das war bisher kein Thema. Dabei wird das Athénée Charles Janssens bereits seit dem 1. Oktober bestreikt. „Toujours en colère – immer noch wütend“ steht auf einem Transparent am Haupteingang.
Immer noch: Das bezieht sich auf die Streikbewegung, die Belgiens Schulen – weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit – seit Monaten in Atem hält. Angefangen hatten die Lehrer, die gegen Mehrarbeit und Budgetkürzungen von 500 Millionen Euro (bis 2029) protestiert haben.
Nun gehen auch die Schüler auf die Straße. Neben dem Athénée wurden am Mittwoch schon zehn weitere Schulen in Brüssel bestreikt. Bis Freitag dürfte sich die Bewegung noch ausweiten, denn dann haben die belgischen Gewerkschaften zu einem landesweiten Protesttag aufgerufen.
Ist die Streikwelle von Frankreich auf Belgien übergesprungen? Nein, heißt es in Brüssel. „Wir verfolgen genau, was in Frankreich passiert“, sagt ein Schüler. „Aber wir haben unsere eigenen Forderungen“. Außerdem seien die Probleme nicht gleich gelagert.
Protest gegen Erhöhung der Uni-Einschreibgebühren
In Belgien geht es vor allem um die harten Reformen, die Bildungsministerin Valérie Glatigny den Schulen und Universitäten verordnet hat. Auf Widerstand stößt insbesondere die Erhöhung der Einschreibegebühren für die Universitäten und Hochschulen auf 1.194 Euro im Jahr.
Das könne sich kaum noch ein Student leisten, heißt es bei den Protestierenden, damit werde ihnen die Zukunft verbaut. Für Frust sorgen auch überfüllte Klassen, überforderte Lehrer (sie müssen länger arbeiten) und der Lehrermangel, der zu Unterrichtsausfall führt.
Einige Reformen werden seit Beginn des neuen Schuljahres Ende August umgesetzt, sodass Lehrer und Schüler erst jetzt mit den Auswirkungen konfrontiert werden. Viele bittere Pillen sind aber noch in der „Pipeline“ – denn Belgien ist hoch verschuldet und muss massiv sparen. Dass gleichzeitig die Renten gekürzt, das Arbeitslosengeld umgekrempelt und das Bildungssystem „verschlankt“ wird, hat schon zu mehreren großen Streikbewegungen im Land geführt – ohne Ergebnis: Die liberalkonservative Regierung und Premier Bart De Wever stellen sich taub.
Die rechtsliberale Bildungsministerin schürt die Wut
Nun wächst die Gefahr, dass der Frust in Gewalt umschlägt – wie am Dienstag in Lüttich, wo es nach Krawallen zu mehr als 50 Festnahmen durch die Polizei kam. „Wir wollen keine Gewalt“, heißt es zwar in Brüssel. Doch Bildungsministerin Glatigny schürt die Wut.
Die Schüler sollten die Streiks sofort beenden und in die Klassenräume zurückkehren, fordert die rechtsliberale Ministerin. Zugleich beschuldigt sie die Lehrer, die Schüler mit falschen Informationen zur Gewalt aufzustacheln. „Einige Akteure des Bildungssektors betätigen sich als Brandstifter“, behauptete Glatigny. Dies sei „inakzeptabel“.
Beruhigend wirkt das nicht. Immerhin erklärte sich die Ministerin am Mittwoch zu Gesprächen mit Schüler:innen bereit. Von ihren umstrittenen Reformen will sie aber nicht abrücken. Auch Premier De Wever bleibt hart: Bisher ist er mit keinem Wort auf die Protestwelle eingegangen; seine Regierung will die Krise offenbar aussitzen.
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