Schostakowitsch an der Komischen Oper: Für Stalin zu unanständig
Sex und Gewalt an der Komischen Oper: Barrie Kosky inszeniert in Berlin Dmitri Schostakowitschs „Lady Macbeth von Mzensk“.
Manchmal reicht die menschliche Stimme nicht aus. Wenn die betrogene Katerina Ismailowna ihren finalen Mord begangen hat – nicht am treulosen Liebhaber, sondern an der Rivalin –, öffnet sich der Mund der Sopranistin Ambur Braid zu einem trostlosen, langanhaltenden Schrei, der aber nicht aus ihr selbst kommt, sondern dessen ultimative Verzweiflung sich mit der geballten Klangmacht des Orchesters Bahn bricht.
Es ist ein irrsinnig starker Bühnenmoment – ein prägnanter Ausdruck des Irrsinns, in den die Titelheldin geraten ist, und zugleich ein Bild des dieser Oper zugrundeliegenden Verhältnisses von Orchester und SängerInnen, bei dem Letztere nicht vom Instrumentalklangkörper unterstützt oder begleitet, sondern im Gegenteil meist von diesem getrieben werden. In „Lady Macbeth von Mzensk“ hat Schostakowitsch das Triebhafte der menschlichen Natur in Musik gegossen.
Das wurde ihm einst zum Verhängnis, denn die satirische Absicht des Komponisten war Stalin offenbar entgangen, als er 1936 – zwei Jahre nach der umjubelten Uraufführung – eine Vorstellung besuchte, um danach die Musik als „Chaos“ und den Inhalt als unanständig zu deklarieren. Die Erfolgsoper verschwand auf Jahrzehnte in der Versenkung. Nach Stalins Ableben fertigte Schostakowitsch eine (unter anderem um eine entscheidende Sexszene) entschärfte Version an, aber erst nach seinem eigenen Tod wurde die Originalpartitur ab Ende der siebziger Jahre wieder aufgeführt – im westlichen Ausland.
In Barrie Koskys Inszenierung liegt die Bühne bar allen augenwärmenden Dekors da. Nackte graue Wände korrespondieren mit der trostlosen Kälte der dargestellten menschlichen Beziehungen. Die Titelheldin, verheiratet mit einem impotenten Langweiler, leidet unter der Lieblosigkeit ihres Daseins und den Nachstellungen ihres um so virileren, diktatorischen Schwiegervaters. Hungrig nach sinnlichen Erfahrungen, verfällt sie dem Knecht Sergei – der in dieser Bühnenversion mehr ist als nur ein Schürzenjäger, sondern ein Vergewaltiger.
Komik der Übertreibung
Die allesamt schrecklichen Männerfiguren, ohnehin satirisch angelegt, dreht Kosky noch eine Umdrehung weiter ins Unerträgliche. Im Übertriebenen steckt aber immer auch komisches Potenzial. Zwischen Schrecken und Satire ist die Sexszene zwischen Sergei und Katerina inszeniert – als halbe Vergewaltigung, gruselig zunächst, aber dann doch eine Lachnummer, weil der eigentliche Akt unter dem Bett stattfindet, dessen Matratze dabei lustig auf und ab hüpft. Gäbe es nicht immer wieder diese Momente erlösender Komik, wäre die dargestellte menschliche Rohheit schwer auszuhalten.
Herrlich drastisch auch die Szene, in der Katerinas Schwiegervater stirbt, vergiftet durch ein Pilzgericht, das sie ihm serviert hat. Dmitry Ulyanov leistet dabei ganzen Körpereinsatz, verliert auch beim Sterben rein gar nichts von seiner imposanten Bühnenpräsenz, fällt sogar vom Tisch, auf den er sich danach wieder wirft, um seinen letzten Atemzug zu tun. Und während, ganz im Bann dieses dramatischen Vorgangs, im Zuschauerraum noch gemeinschaftlich der Atem angehalten wird, kommt ein betrunkener Pope (Dimitry Ivashchenko) auf die Bühne und dreht das Geschehen radikal um ins Lächerliche.
Solche Kippmomente zwischen Entsetzen und Satire ziehen sich konsequent durch den Abend. Diese charakteristische Ambivalenz ist in Partitur und Libretto angelegt; weder Regisseur noch Dirigent müssen das Rad neu erfinden, es gilt aber, die Vorlage mit ihren ständig wechselnden Stimmungen ernst zu nehmen. James Gaffigan und das Orchester der Komischen Oper peitschen die Menschen auf der Bühne mit zirkushaften Gewaltorgien vor sich her, dass es nur so eine Art hat; aber wenn ein vertonter Koitus an sein entspanntes Ende kommt, gelten die Publikumslacher auch mal der Musik.
Die großartigen SängerInnen füllen die fast immer fast leere Bühne allein mit Gesang und beeindruckender Darstellungskunst; das gilt auch für den Chor der Komischen Oper, der Kollektivzustände zwischen gewalttätig, elend und lächerlich fulminant vorführt. Allein die überragende Hauptdarstellerin Ambur Braid, deren Stimme in sämtlichen Lagen mit dramatischer Ausdruckstiefe ausgestattet ist, darf nie komisch sein. Zu tragisch ist das Schicksal der Mehrfachmörderin Katerina Ismailowna.
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