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Schneesturm „Elli“Wie die Deutsche Bahn winterfest werden kann

Heftige Schneefälle sorgten am Wochenende für Zugchaos, vor allem in Norddeutschland. Probleme machten dabei nicht nur vereiste Gleise.

Im Winter sind vereiste Schienen nicht das einzigste Problem der Bahn Foto: Stefan Ziese/imago

Wenn Schnee und Eis die Bahn lahmlegen, wird gerne eine alte Werbekampagne der damaligen Deutschen Bundesbahn herausgekramt. „Alle reden vom Wetter. Wir nicht.“ So selbstbewusst warb die Bahn 1966 für ihre Wetterfestigkeit. Nach diesem Wochenende, an dem Sturmtief „Elli“ vor allem über Norddeutschland wütete, redet die Deutsche Bahn nun sehr wohl vom Wetter. „Schneeverwehungen und vereiste Weichen haben uns immer wieder vor neue Herausforderungen gestellt“, gesteht DB-Chefin Evelyn Palla.

Am Sonntag lief ein Drittel des Zugverkehrs in Norddeutschland noch immer nicht rund. Am Freitag konnten dort gar keine Fernzüge fahren. In anderen Regionen Deutschlands hakte es ebenfalls: Im Nordschwarzwald mussten die Bahnen wegen starken Windes ihre Geschwindigkeit drosseln, in Ostdeutschland kam es zu Ausfällen und Verspätungen.

„Den Fernverkehr ganz einzustellen ist erbärmlich“, sagt Eisenbahningenieur Markus Hecht der taz. Am Sonntag seien viele Regionalbahnen schon längst wieder auf der Schiene gewesen, als die DB ihre Fernzüge noch stillhielt. Ein Grund, laut Hecht: Wenn ein voller Zug im Schneechaos liegen bleibt, sei das für die Bahn schlimmer als einer, der gar nicht erst losfährt. Wenn hingegen eine Regionalbahn ausfällt, werde Strafe fällig.

„Die Deutsche Bahn ist schlecht gerüstet“, sagt Hecht. Früher fuhren Züge mit schwerer Lok, robuster als die modernen Triebzüge mit sensibler Technik. Viele deutsche Triebzüge seien so konzipiert, dass sich eine Eisschicht am Fahrzeug bildet. Herabfallende Eisbrocken können dann Gleise oder Weichen stören. Österreich mache das besser, sagt Hecht. Dort würden die Triebwagen viel weniger vereisen.

Zu wenige Reserveloks und Re­ser­ve­fah­re­r:in­nen

Außerdem könnten sich dort viele Züge gleich selbst die Schienen freiräumen während des regulären Bahnbetriebs. Hierzulande müssen extra Räumfahrzeuge eingesetzt werden. Die Deutsche Bahn winterfest zu machen, das koste natürlich Geld, sagt Hecht. Und in Deutschland fehle der Wille, es auszugeben.

Gleichzeitig hätten viele Länder an der Bestellung von Reserveloks und Re­ser­ve­lok­füh­re­r:in­nen gespart, sagt Christian Böttger, Bahnprofessor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Die Personalstruktur der DB sei generell ganz anders als vor einigen Jahrzehnten. „Es gibt in den Bahnhöfen nicht mehr die Mitarbeiter, die ein paar Weichen umlegen, Fahrkarten verkaufen und eben auch mal Schnee schippen können“, sagt er.

Trotzdem beschwichtigt Böttger. „Es ist natürlich nicht so, dass früher alles besser war.“ Die Deutsche Bahn habe schon immer „erhebliche Zusammenbrüche“ bei extremem Wetter erlitten. Auch die Niederlande hätten den Zugbetrieb am Wochenende zwei Tage lang eingestellt.

Den Fernverkehr ganz einzustellen ist erbärmlich

Markus Hecht, Eisenbahningenieur

Der Verband der Güterbahnen ist weniger gnädig. „Zu viele Menschen sind gar nicht mehr überrascht, wenn der Betrieb der Eisenbahn großflächig eingestellt wird“, sagt Peter Westenberger, Geschäftsführer des Verbands. Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) müsse das Schienennetz der DB auf seine Krisenfestigkeit überprüfen.

Klimakrise macht Kälte seltener

Dass die Bahn schon mal besser mit schwierigen Wetterlagen klarkam, sieht auch Matthias Gastel so, bahnpolitischer Sprecher der Grünen. „Ein Grund ist, dass solche winterlichen Situationen inzwischen immer seltener auftreten“, sagte er. Die DB könne nicht mehr so schnell mit eingespielten Abläufen reagieren.

Tatsächlich sorgt die Klimakrise für höhere Durchschnittstemperaturen, extreme Kälte wird seltener. Niederschlagsmengen nehmen tendenziell zu – aber ob das auch für heftige Schneefälle gilt, ist umstritten.

Derweil machten Schnee und Eis am Wochenende auch Au­to­fah­re­r:in­nen zu schaffen. In Baden-Württemberg etwa überschlug sich ein Räumfahrzeug, nahe Dresden krachten drei Lkw und zwei Pkw zusammen, in Niedersachen zählte die Polizei allein in der Nacht von Freitag auf Samstag 21 witterungsbedingte Unfälle, in Nordhessen starb ein Fahrer, der auf die Gegenfahrbahn geraten war.

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