Schließung von Kitas und Schulen: „Das Land muss jetzt Vorbild sein“

Berlin schließt Schulen und Kitas zum Schutz vor dem Coronavirus. SPD-Bildungspolitikerin Maja Lasić erklärt, wie der Schul-Shutdown läuft.

Ein leerer Klassenraum

Ein leerer Klassenraum Foto: Norbert Schmidt/imago

taz: Frau Lasić, warum hat Berlin die Schulen und Kitas nicht alle sofort geschlossen, warum montags die Oberstufenzentren und erst Dienstag der Rest?

Maja Lasić: Es ist bei Oberstufenzentren einfach leichter, zu sagen, kommt ab Montag nicht; bei den älteren Schüler*innen braucht man sich nicht um Betreuung zu kümmern. Bei Grundschulen und Kitas haben wir einen enormen logistischen Aufwand, um zu klären, welche Gruppen es gibt, die eine Notfallbetreuung brauchen. Die Lehrkräfte müssen sich abstimmen, die ganzen Regelungen vor Ort brauchen einen Tag. Darum bin ich eigentlich froh, dass wir schon Dienstag so weit sind.

Steht denn inzwischen fest, wer eine Notfallbetreuung für seine Kinder bekommt?

Ja. Die Liste der Berufe ist seit Sonntag raus. Darauf stehen alle, die die Versorgung der Stadt sicherstellen sollen.

Diese Berufsgruppen bekommen ab Dienstag in ihrer Schule oder Kita eine Betreuung?

Genau. Die Notfallbetreuung findet am gewohnten Ort statt. Was aber, glaube ich, nicht jeder Familie klar ist, ist, dass beide Eltern, wenn sie erziehungsberechtigt sind, zu der Gruppe dazugehören müssen. Es reicht nicht, dass ein Elternteil auf der Liste der Notfallberufe steht.

Maja Lasic, geboren 1979, ist Abgeordnete der SPD und Sprecherin ihrer Fraktion für Bildung

Aber wie soll etwa eine alleinstehende Mutter im Homeoffice arbeiten und gleichzeitig ihre Schulkinder beaufsichtigen?

Diese Frage werden wir uns alle stellen müssen. Ich habe auch ein kleines Kind zu Hause. Das wird für die Familien nicht einfach, wenn man im Homeoffice ist mit den Kindern. Aber niemand macht einen Shutdown aus Spaß! Wir machen das, weil es zwingend notwendig ist, eine Verlangsamung der Ansteckung zu erreichen. Alle Betroffenen müssen jetzt mit ihren Arbeitgebern besprechen, welche Form der Arbeit geht. Wo Homeoffice geht, wird das die Lösung sein. Ansonsten wird man Sonderurlaub vereinbaren oder andere Sonderregelungen treffen.

In Berlin werden ab dem 17. März alle Kitas und allgemeinbildenden Schulen geschlossen. Damit stehen rund 151.000 Kinder zwischen einem und 16 Jahren ohne Betreuung da – bei ihnen gehen beide Elternteile oder das alleinerziehende Elternteil Vollzeit arbeiten.

Für die Kita-Kinder und Schulkinder der Grundstufen 1 bis 6 wird es eine Notbetreuung geben. Die kann jedoch nur von Eltern in Anspruch genommen werden, die in „systemrelevanten“ Berufen arbeiten und keine andere Möglichkeit einer Kinderbetreuung organisieren können. Welche Berufe das sind, hat der Senat am Samstag festgelegt. Darunter fallen demnach: Polizei, Feuerwehr und Hilfsorganisationen, Justizvollzug, Krisenstabspersonal, betriebsnotwendiges Personal von BVG, S-Bahn, BWB, BSR, Energieversorgung (Strom, Gas), im Gesundheitsbereich (insbesondere ärztliches Personal, Pflegepersonal und medizinische Fachangestellte, Reinigungspersonal, sonstiges Personal in Krankenhäusern, Arztpraxen, Laboren, Beschaffung, Apotheken), betriebsnotwendiges Personal im Pflegebereich, in öffentlichen Einrichtungen und Behörden von Bund und Ländern, Senatsverwaltungen, Bezirksämtern, Landesämtern und nachgeordneten Behörden, Jobcentern und öffentlichen Hilfeangeboten und Notdienste, Personal, das die Notversorgung in Kita und Schule sichert, sonstiges betriebsnotwendiges Personal der kritischen Infrastruktur und der Grundversorgung. (taz, dpa)

Sind die Arbeitgeber also angehalten, kulant zu sein?

Ja. Unser Job ist vor allem, dafür zu sorgen, dass das Land als Arbeitgeber als Vorbild dient. Dann geht es darum, sicherzustellen, dass sich auch andere Arbeitgeber an den Rahmen halten. Dass wir eine Ausnahmesituation haben, das muss jetzt jedem klar sein.

Manche Entscheidungen des Senats wirken planlos: Erst sollen die Notfallkitas in der Nähe großer Arbeitgeber stattfinden, jetzt doch am gewohnten Ort. Wie ist das zu erklären?

Ich glaube, dass man nachvollziehen muss, dass auch auf der Seite der Verwaltung diese Herausforderung einmalig ist. Da kann man nur um Verständnis bitten, dass manche Entscheidungen einen Tag brauchen. Dass wir zum Beispiel nach dem Treffen der Kultusminister der Länder am Donnerstag bis Freitag gebraucht haben, um uns klar zu Schulschließungen zu bekennen, dass es von Freitag bis Samstag gebraucht hat, bis klar war, dass Notbetreuung außerhalb der gewohnten Kitas und Schulen nicht sinnvoll ist. Zeitgleich haben wir das Bedürfnis der Bevölkerung, informiert zu werden. So kommen wir dazu, dass es widersprüchlich aussieht, weil gleichzeitig ein Bedürfnis nach Kommunikation bedient wird, aber manche Entscheidungen Zeit brauchen, um richtig zu sein. Ich kann nur um ein bisschen Geduld bitten!

Was ist mit dem Lernstoff, bekommen Schüler*innen ihre Aufgaben jetzt online zugeschickt? Sind die Schulen darauf vorbereitet?

Unterschiedlich, da mache ich keinen Hehl draus. An manchen Schulen wird es mehr hapern als bei anderen. In der Einrichtung meines Sohnes habe ich schon die Information erhalten, dass wir ab Dienstag alle Aufgaben per Mail bekommen werden. Dort, wo die Lehrkräfte schon vertraut sind mit digitalem Arbeiten, wird die Versorgung hervorragend laufen. In anderen Einrichtungen, wo die Lehrer*innen bisher auch mit dem Computer gehadert haben, wird es wohl nicht so einfach sein. Wir haben aber Plattformen, die das Land jetzt mit Hochdruck erweitert wie lernraum-berlin.de, damit sie genutzt werden können.

Und Klassenarbeiten, MSA, Abitur werden verschoben?

Aktuell ist der Stand, dass alle abschlussrelevanten Prüfungen wie Abitur und MSA zum vorgesehenen Zeitpunkt abgehalten werden. Es wird dafür gesorgt, dass das Risiko der Ansteckung minimiert wird in dieser Zeit. Prüfungen, die nicht zwingend vorgeschrieben sind, werden wahrscheinlich anders geregelt.

Was kommt nach den Osterferien? Kann es sein, dass die Schulen geschlossen bleiben?

Das ist durchaus möglich. Darüber müssen wir in den nächsten drei Wochen sprechen. Wir sind jetzt innerhalb von fünf Tagen in den kompletten Epidemie-Modus übergegangen. Prognosen zu treffen, was wir in drei Wochen machen, würde ich mir heute nicht anmaßen.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes wurde ein Bild verwandt, in dem auch die Buchstabenfolgewwg1wga“ zu sehen war. Laut Auskunft der Fotoagentur handelt es sich dabei um ein „Zitat aus dem Film White Squall von Ridley Scott; es steht auf der Glocke eines Schiffs und heißt: ‚where we go one we go all‘.“ Allerdings wird diese Buchstabenfolge auch von Verschwörungstheoretikern genutzt. Wir haben das Bild deswegen getauscht und entsprechende Verlinkungen in den Kommentaren gelöscht.

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