: Scharping beklagt „Uran-Hysterie“
Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) hält das Strahlenrisiko durch Uranmunition für Bundeswehrsoldaten auf dem Balkan für „vernachlässigbar“. US-Streitkräfte haben Zwischenfall auf Übungsplatz in Deutschland eingeräumt
von BETTINA GAUS
Für „vernachlässigbar“ hält Rudolf Scharping das Strahlenrisiko durch die im Kosovo und in Bosnien eingesetzte Munition mit abgereichertem Uran. Den Verteidigungsminister empört und beunruhigt etwas anderes: Die „fahrlässige Berichterstattung“ von Journalisten im Zusammenhang mit dem Thema, die für eine regelrechte „Hysterie“ gesorgt habe.
Scharping blieb auch gestern bei der bisherigen Linie: Bei den im Balkan eingesetzten deutschen Soldaten gebe es keinerlei Hinweise auf Gesundheitsschäden infolge von radioaktiver Strahlung oder von Schwermetallvergiftungen, sagte der Minister gestern nach einer Beratungsrunde mit Wissenschaftlern in Berlin.
Die vom Verteidigungsministerium eingeladenen unabhängigen Experten hatten diese Einschätzung bestätigt – im Gegensatz zu anderen Epidemiologen, die Umfang und Methodik der bisherigen Untersuchungen als unzureichend bezeichnen (die taz berichtete). Auch in anderer Hinsicht weichen die Erkenntnisse des Ministeriums von denen anderer Stellen ab. In einem für die Medien bestimmten Informationspapier teilt es mit, bei der Überprüfung von 15 Verdachtsorten innerhalb des deutschen Verantwortungsbereichs im Kosovo seien zwei Flächen als kontaminiert identifiziert worden, an drei Panzerwracks habe man eine Strahlenspur festgestellt. Bis zum vergangenen Frühjahr seien im Rahmen regelmäßiger Wiederholungsmessungen die gefundenen Werte dann „unter die Nachweisgrenze abgesunken“. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep) stellte hingegen noch im November bei acht von elf untersuchten Verdachtsflächen eine erhöhte Strahlung fest.
Ungeachtet des nach seiner Einschätzung geringen Risikos blieb der Verteidigungsminister gestern bei seiner Forderung nach einem Moratorium für die Uranmunition – einer Forderung, auf die sich der Nato-Rat in Brüssel gestern nicht verständigen konnte. Man müsse auch „die Wirkung auf die Bevölkerung, die dort dauerhaft lebt“, im Auge behalten, sagte Scharping. Es sei eine Frage der „Redlichkeit“, zuzugeben, dass sich für diese Menschen eine mögliche Gefährdung „anders“ darstelle als für Soldaten, die jeweils nur einige Monate in der Region stationiert seien. Bislang sind Zivilisten weder im Kosovo noch in Bosnien auf möglicherweise durch die Munition verursachte Gesundheitsschäden untersucht worden.
Scharping setzte sich gestern gegen den Vorwurf zur Wehr, er verschleiere die Risiken der Munition. Bereits im Frühjahr 1999 habe er auf mögliche Gefahren hingewiesen. Zu diesem Zeitpunkt waren in Bosnien schon seit Jahren deutsche Soldaten ebendort stationiert, wo 1994 und 1995 nach Nato-Angaben insgesamt 10.800 Schuss DU-Munition verschossen wurden. Anders als im Kosovo hat jedoch bei den Bundeswehrsoldaten in Bosnien kein systematisches Bio-Monitoring stattgefunden.
Dass US-Streitkräfte auch in Deutschland Urangeschosse verfeuert haben, hat sich gestern bestätigt. Scharping erwähnte zwei Zwischenfälle: einen 1985 in Altenwalde und einen 1986 in Grafenwöhr. Den Unfall in Grafenwöhr haben inzwischen auch die US-Streitkräfte zugegeben. Ebenso wie der deutsche Verteidigungsminister betonen sie, dass das Erdreich in den betreffenden Schießanlagen danach ausgetauscht und in die USA gebracht worden sei. Eine ähnliche Maßnahme dürfte sich allerdings im Kosovo und in Bosnien schwerlich umsetzen lassen.
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