Schalke 04 kurz vor Tasmania-Rekord: Es kann nur einen Letzten geben

Schalke 04 könnte den Negativ-Bundesligarekord von Tasmania Berlin einstellen. Warum der Neuköllner Verein trotzdem der beste Verlierer bleiben wird.

Ein Spieler schießt mit Vollspann einen Fußball über einen Torwart hinweg. Die Verteidiger kommen zu spät, der Torwart ist geschlagen.

Das 0:4 gegen Köln war eine von 28 Niederlagen. Das 2:0 schoss Hans-Jürgen Kleinholz (kein Wortwitz) Foto: imago

Tröstet euch, liebe Tasmania-Fans. Schalke wird trotz allem niemals so schlecht sein wie ihr. Denn selbst wenn die Gelsenkirchener am Samstag gegen die TSG Hoffenheim euren Rekord von 31 sieglosen Bundesliga-Spielen in Folge einstellen werden, so bleiben euch weiter alle anderen wirklich relevanten fußballerischen Negativrekorde.

Aber klar, eure Sorgen sind schon verständlich. Denn wenn Schalke selbst gegen Hertha 0:3 verliert, ist die Lage ernst. Nicht umsonst demonstrierten Tasmania-Fans zum Spiel vergangenen Samstag vor dem Olympiastadion mit Plakaten wie „Schalke, gib Dir gefälligst Mühe! Wenigstens Hertha solltest Du doch schlagen können!“ oder „Das ist unser Rekord! Ra Ra Ra Tasmania (Das Original)“. Sogar ein aufbauendes „Schalke, du schaffst das!“ mit „ganz lieben Grüßen aus Neukölln“ war dabei. Nur: Geholfen hat es nicht.

Und wenn Schalke tatsächlich euren Rekord am Samstag gegen Hoffenheim einstellen kann, haltet euch vor Augen, dass sie euch niemals den letzten Platz in der ewigen Bundesliga-Tabelle streitig machen können. Und hinzu kommt ja auch, dass Schalkes Möchtegern-Negativserie saisonübergreifend läuft. Die historisch schlechteste Bilanz innerhalb einer Spielzeit wird euch so schnell kein Verein streitig machen.

Denn zu euren Rekorden gehören ja nicht nur sieglose Spiele in Serie (31). Sondern auch: die wenigsten Tore innerhalb einer Saison (15), die meisten Gegentore (108), die wenigsten Punkte (8:60 nach der Zweipunkteregel, 10 nach der Dreipunkteregel), die wenigsten Siege (2, zusammen mit dem Wuppertaler SV 74/75), die meisten Niederlagen (28), sowie die höchste Heimniederlage (0:9 gegen den Meidericher SV) der Bundesligageschichte. Davon kann man in Gelsenkirchen nur träumen. Und vor der Pandemie gehörte euch natürlich auch das Spiel mit den wenigsten Zuschauer:innen – lediglich 827 Fans wollten sich am 15. Januar 1966 das Unentschieden gegen Borussia Mönchengladbach antun.

Hart erkämpfte 0:8-Niederlage

Klar, Schalke hat in dieser Saison nach 14 Spieltagen auch erst acht Tore erzielt und schon stattliche 39 Gegentore kassiert bei null Siegen und respektablen zehn Niederlagen. Aber das war es dann auch schon. Die höchste Heimniederlage von Schalke in dieser Saison war ein Allerwelts-0:3 gegen Leverkusen. Nennenswert wäre da höchstens noch die gegen Bayern München hart erkämpfte 0:8-Auswärtsniederlage.

Der Rekordhalter SC Tasmania 1900 Berlin ist die schlechteste Mannschaft der Bundesligageschichte. Ohne richtigen Profi-Kader durfte der Westberliner Verein in der Saison 1965/66 in die Erste Bundesliga aufsteigen und hat wenig überraschend die schlechteste Bundesligasaison der Geschichte gespielt. SC Tasmania ging in Folge pleite und wurde 1973 als SV Tasmania neu gegründet. Bis heute genießt der Neuköllner Amateurverein diesen zweifelhaften Ruhm des Losers: Immer wieder wird Tasmania bei Negativserien von aktiven Bundesligisten aus der Kiste geholt.

Der Aspirant Der aktuelle Bundesliga-Klub Schalke 04 hat wegen der Coronapandemie finanzielle Nöte und musste viele Spieler verkaufen. Sein letztes Spiel gewann der Verein am 17. Januar in der vergangenen Saison gegen Borussia Mönchengladbach. Schalke steht in der aktuellen Saison auf dem letzten Tabellenplatz und könnte Tasmanias Rekord von 31 sieglosen Spielen in Folge zumindest saisonübergreifend am Samstag bei der Partie gegen Hoffenheim einstellen. In der laufenden Saison hat Schalke in bisher 14 Spieltagen bereits viermal den Trainer gewechselt. (gjo)

Aber selbst wenn Schalke es gelingt, eure Rekorde einzustellen oder sogar zu übertreffen, muss man doch die qualitativen Unterschiede berücksichtigen: Ihr habt diese Rekorde mit weniger Gejammer und aktionistischen Trainerwechseln, dafür aber mit treuer Schicksalsergebenheit geschafft. Und während Schalkes Profikader vor einem knappen Jahr noch einen Marktwert von 250 Millionen Euro (mittlerweile nur noch 150 Millionen) auf die Waage brachte, haben eure Spieler damals noch hauptberuflich als Bäcker Mehl abgewogen oder als Maurer malocht.

Denn ihr wurdet 1965 spontan in die Bundesliga berufen, weil nach dem Herthaner Zwangsabstieg infolge des Handgeldskandals der DFB-Präsident unbedingt einen Westberliner Klub in der Bundesliga sehen wollte. Viele eurer Spieler wurden 14 Tage vor Saisonbeginn vom wohlverdienten Malocher-Urlaub an der Ostsee per ADAC-Reiseruf heimgezwungen – um zumindest noch ein bisschen zu trainieren und sich halbwegs professionell auf die Bundesliga vorbereiten zu können. Hat nicht so gut geklappt, na ja.

Und trotzdem habt ihr nie euren Humor verloren: Wie sonst ist es zu erklären, dass euer Mittelläufer Eckhardt Peschke nach einer der vielen Pleiten auf die Reporterfrage, ob all die Niederlagen nicht sehr frustrierend seien, geantwortet haben soll: „Ganz im Gegenteil, kieken Sie sich doch die Tabelle an: Wir treiben die gesamte Bundesliga vor uns her.“

Also: Egal, wie schlecht Schalke diese Saison noch spielen wird oder ob euer Rekord am Samstag gegen Hoffenheim fällt: Ihr werdet immer der Rekordverlierer der Herzen bleiben. Und in der ewigen Tabelle werdet ihr ohnehin alle anderen Bundesliga-Vereine für immer vor euch hertreiben.

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