Sanfter Tourismus: Neue Begehrlichkeiten

Eine neue Bereicherungsökonomie setzt auf das historische Erbe, das schöne Dorf, die Natur. Nachhaltigkeit scheint mehr denn je machbar.

Zwei Wanderer auf einem Waldweg

Pilger auf dem Jakobsweg nach Fontearcuda in Galizien Foto: imago

Es ist das sanfttouristische Erfolgskonzept: der Jakobsweg. Im Zuge der Herausbildung der Europäischen Union und des EU-Beitritts Spaniens deklarierte der Europarat in Straßburg den Jakobsweg nach Santiago de Compostela am 23. Oktober 1987 zum ersten Europäischen Kulturweg. Als einen Ort der Begegnung, der „höchst symbolisch“ für den europäischen Entwicklungsprozess stehe, „jenseits aller Unterschiede und nationaler Interessen“.

Der Camino war der erste in der Reihe Europäischer Kulturwege, der mit EU-Geldern gefördert und ausgebaut wurde. Parallel dazu arbeitete die spanische Tourismusbehörde an der Diversifizierung ihres touristischen Angebots, nämlich der Förderung eines Inlandstourismus in strukturschwache Regionen jenseits der Mittelmeerküste mit ihrem boomenden Strandtourismus. 1993 nahm die Unesco den Jakobsweg in ihre Welt­erbeliste auf. Dadurch waren die Grundlagen für ein sagenhaftes touristisches Coming-out gelegt.

Seither gehen Besucher aus aller Welt zu Fuß 800 Kilometer mit spartanischem Gepäck auf einem schmalen Weg durch Nordspanien und entdecken sich und ein sinnliches, lebendiges, emotionales Verhältnis zur Welt beim Gehen.

Eine umweltverträglichere Mobilität vor Ort gibt es nicht. Zum sanften Tourismus gehören kleine Pilgerherbergen, mittelständische Gastronomie, die Restaurierung des Kulturerbes. Mit den Wanderern aus aller Welt wuchsen Wohlstand und Ansehen in einer Region, die abgelegen am westlichen Rand Europas liegt.

Gemeinhin gilt sanfter Tourismus als ein Relikt aus den 80er Jahren, als sich in der Folge der ersten Klima- und Umweltdiskussion (1972 erschien der Bericht des Club of Rome über die Grenzen des Wachstums) eine Ökobewegung formierte. Viele Projekte wurden angestoßen, die der ökologischen und regionalen Entwicklung dienen sollten, von Wanderwegen wie der Alpenüberquerung Grande Traversata delle Alpi (GTA) für anspruchsvolle Wanderer bis zu Projekten zur Erschließung regionaler Potenziale mit regionaler Küche, Weinen oder historischen Nutztieren wie dem Rhönschaf. Statt Neubau wurde die Nutzung historischer Bausubstanz propagiert und die Verschönerung von Landschaft mittels Renaturierung. Wein-, Bierstraßen und Kulturrouten wurden eingerichtet.

Hauptziel ist Naturschutz

Auch den Grenzstreifen des ehemaligen Eisernen Vorhangs durch ganz Europa erkämpften sich Naturschutzverbände als bleibende Naturschutzzone. Ein „grünes Band“ zieht sich nun durch ganz Europa. Vor allem die Naturschutzbewegung setzte Akzente mit der Einrichtung von Na­tionalparks. Um Schutzgebiete einrichten zu können und in der Bevölkerung akzeptabel zu machen, wurde auf eine sanfttouristische Entwicklung vor Ort hingearbeitet in Zusammenarbeit mit regionalen Organisationen, Verkehrsträgern, Privatwirtschaft. Mit dem Hauptziel des Naturschutzes.

Wenn heute überall im Tourismus von Nachhaltigkeit die Rede ist, dann ist das der Erfolg der engagierten Nische „sanfter Tourismus“

Wenn heute überall im Tourismus von Nachhaltigkeit die Rede ist, so ist das der Erfolg dieser Umweltbewegung aus der engagierten Nische „sanfter Tourismus“. Die Diskus­sionen, die in der sanfttouristischen Nische darüber geführt wurden, ob man sich der kapitalistischen Verwertungslogik durch Zusammenarbeit mit touristischen Akteuren unterwerfen solle, waren hart: Nicht einmal das anonyme Sponsoring durch Wirtschaftsunternehmen oder deren Stiftungen war akzeptiert. Viele sahen und sehen Umwelt- und Naturschutz dezidiert als staatliche Aufgabe an, alles andere stand und steht im Ruf des Greenwashings.

Mit der deutschen Umwelthilfe schufen die Umweltverbände allerdings eine Organisation, die sich um Spenden und deren Organisation bemühte. Für Jürgen Resch, damals schon Geschäftsführer der Umwelthilfe, galt mehr oder weniger, dass der (Naturschutz-)Zweck marktwirtschaftliche Mittel heilige: Die Inwertsetzung durch Tourismus schade einem Nationalpark nicht, war die Devise. In marktwirtschaftlichen Strategien erkannte man durchaus Chancen, Naturschutzprojekte populär zu machen.

Nach Ansicht von führenden Sozialwissenschaftlern wie Luc Boltanski und Arnaud Esquerre sind diese Chancen heute größer denn je. Denn der Kapitalismus in reichen westlichen Ländern verlege sich zunehmend auf die Ausschlachtung des Alten und Bestehenden. „Früher zog der Kapitalismus seine Identität aus der Entwicklung des Neuen. Heute ist die Idee des Fortschritts hingegen in einer tiefen Krise, weshalb sie selbst für kapitalistische Interessen nicht mehr so gut taugt. In gewisser Hinsicht macht der Kapitalismus deshalb nun Anleihen beim Antikapitalismus“, sagt Boltanski im Interview mit dem Philosophie Magazin.

Wandel durch Deindustrialisierung

Boltanskis und Esquerres Grundthese: Profite werden hier in Europa immer weniger durch Massenproduktion als vielmehr durch die Abweichung von Standardartikeln erzeugt. Der Kapitalismus hat sich verändert: „Wir beschreiben den ökonomischen Wandel, der durch die Deindustrialisierung in den westeuropäischen Ländern seit den 1970er Jahren eingesetzt hat, und den damit zusammenhängenden Wandel der Ausbeutung von Ressourcen, die nicht neu sind, aber eine völlig neue Bedeutung bekommen haben: die Künste, die Kultur, der Antiquitätenhandel, die Luxusindustrie, die Patrimonialisierung und der Tourismus“.

Boltanski und Esquerre sprechen von einer ökonomischen Neuausrichtung, der „Bereicherungsökonomie“: einem weiteren Schritt zum „Vollkapitalismus“, dessen Wertschöpfung in den reichen Ländern zunehmend über Singularitätsgüter mit historischem Bezug stattfindet. Altes gewinnt neuen Wert und schafft neuen Profit. Diese „Bereicherungsökonomie“ habe „zwei Dimensionen“, sagt Esquerre im Interview mit dem Philosophie Magazin: „Dort, wo durch die Deindustrialisierung viele Arbeitsplätze verloren gingen und sich in der Folge eine Verschiebung zur Bereicherungsökonomie vollzog, konnte das zum Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen.“ Hier entstehen neue Spielräume, neue Perspektiven für eine Region wie rund um den Camino.

Zwar sei es vor allem ein Austausch von Reichen unter Reichen, nämlich all denen, die bereits über den nötigen Besitz und die nötigen Mittel verfügen, aber auch Aktionen von unten, etwa aus abgehängten Regionen, haben neue Chancen: Projekte mit regionalen Besonderheiten, mit lokalen Traditionen, überliefertem Handwerk oder historischen Natur- oder Kulturschätzen. Weihnachtsmärkte, eigentlich nur eine Tradition aus dem deutschsprachigen Raum, die an spätmittelalterliches Marktgeschehen anknüpft, verbreiteten sich in den letzten Jahrzehnten rasant und wurden Besuchermagnete wie auch Exportschlager. Selbst Fiktionen haben Erfolg.

Boltanski und Esquerre berichten von der erfundenen Tradition der Messerschmiede des französischen Dorfs Laguiole im Aubrac, wo vor Besucherströmen ein preisgekröntes Handwerk praktiziert wird – das sich in den 80ern einige Gemeinderäte ausdachten, um Arbeitsplätze zu schaffen.

Manche Orte haben sich inzwischen sogar zu Hotspots eines Overtourismus entwickelt: die Lage am Wasser, die Gipfel rundherum, das Kopfsteinpflaster – das österreichische Hallstatt wurde in China nachgebaut. Nun strömen Massen zum Original: „Wir halten das nicht mehr aus“, beklagt der Bürgermeister in einem Interview im Spiegel. „Die vielen Touristen, die ohnehin inzwischen zu uns kommen, sind eine enorme Belastung für die Bevölkerung. Seit 2010 hat sich die Zahl der Übernachtungen in Hallstatt von ca. 70.000 auf über 140.000 verdoppelt.“ Andererseits frohlockt der Bürgermeister: „Wir produzieren wieder Überschüsse und stehen finan­ziell gut da.“ Oder die historische Buchhandlung in Porto. Sie gehört inzwischen laut FAZ zu den schönsten Reisezielen Portugals, „eine Kathedrale der Literatur“. In der Hochsaison kommen bis zu 5.000 Besucher täglich. Und das Außergewöhnlichste daran ist, dass alle auch noch Eintritt für diese Buchhandlung zahlen.

Entscheidend für die Inwertsetzung dieser touristischen Sehnsuchtsorte ist vor allem „das Narrativ.“ Eine Erzählung oder eine Legende, die authentisch wirkt, die dem Alten eine Geschichte gibt und einen Sinn verleiht, der es attraktiv macht. Kein Relaunch ohne die richtige Story. Eine historische, wunderschöne Buchhandlung ist wie ein Pfeiler abendländischer Geistestraditon, Hallstatt ist romantische Dorfidylle pur, eingebettet in eine Märchenlandschaft.

Der Jakobsweg

Auch der sanfttouristische Pilgerweg nach Santiago de Compostela hat diese Erzählung. Nicht nur die historischen Legenden um Jakob den Maurentöter, den auch Franco verehrte, sondern die Geschichte der europäischen Pilger, der Christenheit, den Mythos der Besinnung, Erweckung, für den Stars wie Shirley McLaine und der brasilianische Autor Paolo Coelho oder hierzulande der Fernsehstar Hape Kerkeling als verlässliche Zeugen einstehen. Ihre Berichte haben den Jakobsweg über alle Maßen populär gemacht.

Der Camino kommt neuen Konsum- und Sinnstiftungsbedürfnissen entgegen. Der Suche nach Authentizität, Identität, dem Besonderen, den Bedürfnissen einer individualisierten, anspruchsvollen, reichen, kosmopolitisch orientierten Mittelschicht. Die auch ökologisch einwandfreie Weine und das rustikale Bauernbrot als sinnliche Argumente für nachhaltige Projekte schätzt.

„Retroland“, so der Titel eines Buchs von Valentin Groebner über Tourismus, werde mehr denn je zum besseren Ausland. Geschichte war schon immer ein Reservoir für mitreißende Geschichten und private Erlebnisse. Heute biete sie neue Formen von Identifikation und emotional aufgeladenen Inszenierungen. Lifestyle meets Bedürftigkeit – vielleicht ist das eine Erfolgsformel des Camino. Überzeugte Katholiken, Kosmopoliten, Esoteriker und Sinnsucher*innen, Frauen, die sich hier beim Wandern sicher fühlen, Glaubenszweifler unterschiedlicher Konfessionen, Wanderer, Sportive, Neugierige, junge Menschen, die Orientierung suchen, Unglückliche, die Verluste verarbeiten müssen, Senioren, die den Übergang in den Ruhestand bewältigen wollen. Für alle gilt das Motto: Der Weg ist das Ziel.

Diese Bedürfnisse nach Authentizität, nach Sinnhaftigkeit, nach Eigenwilligkeit haben laut Boltanski und Esquerre viel mit den progressiven Impulsen der 68er zu tun. Der neue Kapitalismus greife auf die Selbstverwirklichungsdiskurse der 68er zurück, auf deren Vorstellung von einer autonomen und souveränen Lebensform, von Nonkonformismus und Kreativität. Er habe die emanzipatorischen Forderungen von einst quasi „endogenisiert“.

Hatte das Bewahren von Tradi­tionen früher auch eine antikapitalistische Komponente, hatte die Secondhandökonomie den Touch von Nachhaltigkeit, so ist das Alte heute ein wichtiger Faktor der kapitalistischen Wertschöpfungskette. Es ist die Ausdehnung der Waren­förmigkeit auf Güter, die für kaum kapitalisierbar gehalten wurden, die noch vor Kurzem als unverkäu­lich, alt, out und unzumutbar galten.

Eine Pointe der postindustriellen Gesellschaft

Einer der Rezensenten von Boltanskis und Esquerres Buch „Bereicherung“ bemerkt erstaunt in der FAZ: „Das ist eine der Pointen der postindustriellen Gesellschaft, die dieses Buch herausarbeitet, die Industrialisierung hatte die Manufakturen abgelöst, in der Bereicherungsökonomie, die auf das Sammeln unkopierbarer Objekte und Erfahrungen baut, lösen die Manufakturen wieder die Fabriken ab, und Landwirte werden per Subvention zu Landschaftsgestaltern.“

Keine Frage: Die touristische Welt wird dank Denkmalpflege, Natur- und Umweltschutz ­schöner, bunter und weiter. Der Siegeszug der ­Ökonomie schafft weltweit viele neue Inszenierungen, an denen wir uns berauschen können. Hier öffnen sich neue und größere Spielräume für sanften Tourismus. Nachhaltigkeit scheint möglich, sie wird zu einem wichtigen Verkaufs­argument.

Aber keine Vermarktung ohne Risiko: Ging es zu Beginn der Umweltbewegung um Gegenstrategien zur Vermarktung von Landschaft, also um Verzicht angesichts der Grenzen des Wachstums, so zwingt die moderne Vermarktung zu Entscheidungen. Wenn Naturschutzgebiete zu Verkaufsargumenten im Tou­rismus werden, dann muss das schützenswerte Objekt auch attraktiv sein und den Lifestyle­bedürfnissen der Touristen entgegenkommen.

Hier ist nicht die Vielfalt der ­Natur gemeint, sondern vor allem das Verkaufsargument, wie etwa die berühmten Big Five (Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe, Leopard) in den Nationalparks in ­Südafrika. Trotz seiner weltoffenen Bildersprache betreibt der ­marktorientierte Schutz nicht immer den Erhalt der Vielfalt, sondern eher das Gegenteil. Er kann auch bestehende Vielfalt auf die Eindimensionalität der Verwertbarkeit einschränken.

Oder als Modell scheitern, wenn sich immer mehr sanfttouristische Projekte im internationalen Wettbewerb behaupten müssen. Nicht jedes Narrativ ist gut, und nicht jedes gute Narrativ hat Erfolg. Das Grüne Band durch Europa erzählt die Geschichte des Eisernen Vorhangs und wie sich im „ Schutz des Todesstreifens“ Naturräume erhalten und Biotope entfalten konnten. Und kaum einer geht hin. Ein Misserfolg? Für den Naturschutz ein voller Erfolg!

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