Sandra Dünschedes Krimi „Friesentod“: Kalte Entführung in Risum

In ihrem neuen Krimi „Friesentod“ befasst sich Sandra Dünschede mit Stalking und der trügerischen Vertrauenswürdigkeit von Mitmenschen.

Der Windpark bei Niebüll.

Mögliches Mordmotiv: lukrativer Windpark bei Niebüll Foto: Christian Charisius/dpa

Was einen guten Krimi ausmacht, abgesehen von der unerlässlichen Spannung? Er muss die Logik brechen. Muss die intellektuelle wie emotionale Folgerichtigkeit der „normalen“, weniger verhaltensauffälligen Mehrheit konterkarieren. Er muss – wertungsfrei gesprochen – „alternative“ Denk- und Fühlweisen aufzeigen sowie eine Diversität, leider, auch der Moral. Denn für Mordende ist es nur folgerichtig, dass jemand, der einem auf irgendeine Art querkommt, entfernt gehört.

Das ist eine gedankliche Engführung, zugleich eine Hilflosigkeit gegenüber anderen Lösungen, und oft meinen es Mordende nicht einmal bös: Enttäuschte Hoffnung, (vermeintlich) verschmähte Liebe, Mangel an Selbstwertgefühl und Anerkennung sind Motive – die daraus resultierenden Taten deshalb nicht weniger grausam.

All das kann man auch im jüngsten Nordfriesland-Krimi von Sandra Dünschede besichtigen, die in Niebüll geboren wurde, im nordfriesischen Risum-Lindholn aufwuchs – wo ihre Krimis spielen – und heute in Hamburg lebt. Sie schreibt seit 2006, und ihr neues Buch „Friesentod“ beginnt mit einem so schlauen wie ambivalenten inneren Monolog: Da wird eine Unbekannte beschimpft, die „nicht so gucken“ soll, ihr Haar nicht so werfen, ihren Minirock nicht so provokant herzeigen. Da geht die – ja, weibliche – Le­se­rin aus unerfindlichen Gründen sofort davon aus, dass sich da ein Mann über eine billige Anmache mokiert. Aber es ist mehr, denn der Prolog endet mit den Sätzen: „Es reicht. Dir wird das Lachen vergehen. Und zwar jetzt.“

An diesem Punkt beginnt die Ambivalenz, die schöne Irreführung der Lesenden, die Täterwissen bekommen, aber lange nichts damit anfangen können. Gemeinsam mit Dünschedes bewährtem Ermittlerteam – Kommissar Dirk Thamsen und sein Kumpel, der Laie Haie Ketelsen – tappt man lange im Dunklen, denn jeder Lösungsansatz scheint plausibel und führt dann doch ins Nichts.

Sandra Dünschede: Friesentod. Gmeienr Verlag 2021. 310 S., 14 Euro

Opfer ist eine junge Frau, die gefesselt und verdurstet in einem verlassenen Haus gefunden wird. Anscheinend wurde sie entführt – aber wer vergisst denn sein Entführungsopfer, lässt es sterben, ohne je Lösegeld zu fordern? Andererseits hatte ihre Firma den Zuschlag für ein gewinnträchtiges Windpark-Projekt bekommen, und ein Ex-Kollege drohte ihr, weil sie ihn hinderte, Investoren abzuwerben. Dass der auch noch ein sexueller Belästiger ist, passt ebenso ins Bild wie die Tatsache, dass der Chef das so lange nicht glaubt, bis er es selbst mitbekommt.

Auch das oft als übertriebene „Liebe“ verharmloste Stalking kommt zur Sprache, und das nicht nur am Rande: Der Ex-Freund der Ermordeten ist für die Autorin Anlass, eine Psychologin ausführlich über Motivation und emotionale Struktur dieser Menschen berichten zu lassen, die andere für die Erfüllung ihrer Bedürfnisse verantwortlich machen und oft unter Realitätsverlust leiden. Die Polizei kann die – meist weiblichen – Stalking-Opfer kaum schützen und auch ein gerichtliches Kontaktverbot nur schwer überwachen. Ob so jemand die Grenze zum Mord überschreiten würde? Möglich wäre es, denn eine „Verbrecherkarriere“ bedeutet oft eine zunehmende Schwere und Brutalität der Taten.

Und dann verschwindet in „Friesentod“ die zweite junge Frau. Der Fall muss gelöst werden, bevor auch sie in irgendeiner Ödnis verdurstet, Hektik macht sich breit. Dabei liegt die Lösung schmerzhaft nah, kommt nur ein ganz klein wenig zu plötzlich und unvorbereitet im letzten Sechstel des Buchs.

Aber das macht nichts, man schätzt Menschen eben falsch ein, findet sie vertrauenswürdig, guckt ihnen nicht in die Köpfe. Als das in „Friesentod“ dann endlich passiert, ist man hin- und hergerissen: Entsetzt blickt man auf die erstarrte Kinderseele im Erwachsenenkörper und versteht nur schwer die Ambivalenz von Gefühlsbetonung in eigener Sache und Kälte gegenüber den Opfern.

Aber das ist ja gerade der Sinn solcher Geschichten: in den Abgründen anderer die eigenen gespiegelt zu sehen. Und zu begreifen, dass Gefühlslogik nicht allgemeingültig ist und man keinen Anspruch auf die Berechenbarkeit anderer Menschen hat.

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