STRASSENKUNST: Blaue Grenzen interessieren nicht

Ray de la Cruz bringt in Hamburg Jugendlichen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, das Sprayen bei. Für ihn ist das mehr als nur sinnvolle Freizeit.

Sprühen bedeutet Freiheit. Foto: Peter Endig/ dpa

HAMBURG taz | Alfred hat den Namen seiner Freundin gesprüht: Sibel. Daneben die irakische Flagge und das Wort Allah. Alfreds Freundin ist im Irak, er kommt auch dort her – eigentlich heißt er Alefat, aber Alfred ist einfacher, deshalb nennen ihn hier alle so.

Zusammen mit fünf anderen Jugendlichen steht der 18-Jährige vor einer Wand im Hamburger Stadtteil St. Pauli, die sie bemalen dürfen. Malen sagt man unter Sprayern zum Sprayen. Professionelle MalerInnen sind sie nicht, aber ihr Mentor ist einer: Ray de la Cruz. Im Stadtteil kennt man ihn – oder zumindest seine Bilder.

Ray heißt Roberto und trifft sich ein Mal in der Woche mit Kindern und Jugendlichen aus einer Flüchtlingsunterkunft, um mit ihnen zu sprayen. „Um ihrem grauen Alltag ein bisschen Farbe zu geben“, wie er sagt. „100 Farben, eine Stadt“, heißt das Projekt dann auch.

Es ist eine Kooperation mit dem Roten Kreuz (DRK). Das DRK sponsert die Dosen, Ray seine Zeit. Er habe sich gefragt, wie er den Flüchtlingen helfen könne, sagt er. Die Antwort war einfach: „Ich kann ja nur sprühen.“

Verbindung über Facebook

Die Jugendlichen, die gerade ihren zweiten Sprühversuch an der Wand machen, wohnen in einer Schule in Wilhelmsburg, die das Rote Kreuz betreibt. Die Verbindung zu Ray entstand über Facebook: Vor ein paar Wochen fragte Ray im sozialen Netzwerk, ob jemand eine freie Wand für eineN seiner SchülerInnen hätte.

Eine Sozialarbeiterin aus der Unterkunft sah das und lud ihn ein. Ray suchte einige Jugendlichen aus. „Du kannst dich nicht mit 20 Kindern an eine Wand stellen“, sagt er. Er ließ er sie erst etwas zeichnen, bis er vier von ihnen eine Dose in die Hand gab: zwei Mädels, zwei Jungs, alle aus Albanien, zwischen 13 und 15 Jahre alt. Später kam noch Alfred dazu.

In der Unterkunft zu sprühen, war dann aber zu nervig. Die Behörden wollten sich absichern, wollten, dass die Wand hinterher wieder aussieht wie vorher, falls es nichts wird oder falls die Aktion abgebrochen wird – beige also. „Das geht nicht, nachdem du da einmal bunt drauf gemalt hast“, sagt Ray. So sind sie eben nach St. Pauli gegangen. Die Unterkunft malen sie irgendwann an, das ist schließlich Teil der Kooperation. Außerdem soll die Schule bunt werden: Jede Wand soll mit einem anderen Bild besprüht werden.

Zaghaft sprüht Resilda olivgrüne Farbe in das Innere des Buchstaben F, dessen Umrisse einer von Rays SchülerInnen an die Wand in St. Pauli gesprüht hat. Den Regenschirm, den sie mitgebracht hat, legt Resilda dabei nicht aus der Hand. Die 15-Jährige geht systematisch vor: Vertikal laufen ihre grünen Linien durch das Innere des Buchstaben, bis die Fläche gefüllt ist.

Wenn kaum noch Farbe aus der Dose kommt, schüttelt sie sie sanft und sprüht weiter. Keine Kleckse, keine Tropfen, ihre beige-weiße Bauwolljacke bleibt unversehrt. Ob sie zufrieden mit ihrem Werk ist? Resilda begutachtet das F, wiegt kritisch den Kopf hin und her. „Yes“, sagt sie schließlich.

Kurze Aufmerksamkeitsspanne

Ray hat noch andere Projekte mit Flüchtlingskindern. Da ist zum Beispiel das Junior Team DLC, das sind Flüchtlingskinder zwischen sechs und 14 Jahren, mit denen Ray Wände in St. Pauli ansprüht. „Die sind noch so jung, die haben eine Aufmerksamkeitsspanne von 15, 20 Minuten“, erzählt er. „Dann lassen sie alles fallen und fragen dich: Ey, hast du das Tor von Messi neulich gesehen? Und du sagst: Hä, wir arbeiten doch gerade an einer Wand. Aber das interessiert die dann nicht mehr.“ Er zuckt die Schultern. „Sind halt Kinder.“ Man sieht ihm an, dass er stolz ist.

Drei bis vier Mal pro Woche zieht Roberto mit seinem Junior-Team los. Wenn jemand eine gute Note aus der Schule bringt, feiern sie den Tag. Ray ruft dann zum Beispiel beim FC St. Pauli an und fragt, ob sie beim nächsten Heimspiel umsonst ins Stadion dürfen. „Ehrenloge“, sagt er, „manchmal klappt das.“

Aber nicht alle finden gut, dass er mit den Flüchtlingen sprühen geht. Manche fragen auch: Warum hilfst du solchen Leuten überhaupt? „Die checken das nicht“, sagt er. Andere, auch aus der Sprayerszene, hätten Hilfe angekündigt und seien dann nicht gekommen. „Die, die was geben, sind meistens die, die selber nicht viel haben“, sagt er. Neulich kam ein Nachbar, der sonst immer nur meckert. „Hartz-IV-Empfänger, hat sein Leben lang gesoffen.“ Ray solle den Kindern ein paar Sprühdosen kaufen, sagte der Mann zu ihm und steckte ihm einen Fünfziger zu.

Oder Pastor Sieghard Wilms von der St. Pauli Kirche: Als sie „Embassy of Hope“ an die Mauern des Kirchgartens sprühten, in dessen Räumen vor zweieinhalb Jahren Flüchtlinge der so genannten Lampedusa-Gruppe überwintert haben, gab er Ray Geld für die Kinder. „Da sind die nach Hause gelaufen und haben zu ihren Eltern gesagt: ‚Wir haben Geld mit Sprayen verdient!‘“ Ray weiß, warum er das macht.

„100 Farben“

Nicht alle Jugendlichen stehen mit Ray de la Cruz das erste Mal mit einer Sprühdose an einer Wand. Bevor Alfred nach Deutschland kam, hat er schon in Bulgarien und in Schweden gesprüht, erzählt er. Außerdem kann er Beatboxen, Breakdancen und Skateboarden. Er trägt Skinny-Jeans und eine schwarze Lederjacke, im Ohr funkelt ein Brilli.

Seine Haare und sein Bart sind akkurat getrimmt. Neben den Namen seiner Freundin, der irakischen Flagge und dem Wort Allah malt er jetzt mit blau über die Umrandung der „100“ in „100 Farben“. Eigentlich sollte er nur das Innere ausfüllen. Aber die blauen Grenzen interessieren ihn nicht. „Ich male einen Elefanten!“, sagt Alfred. Ray lässt ihn. „Was soll ich ihn davon abhalten“, fragt der Sprayer, „ist doch albern.“

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