Russland bei der Handball-WM: Neue Hymne gesucht

Rechtzeitig zur Handball-WM braucht Russland einen Nationalhymnenersatz. Nationale Insignien sind nach der Verurteilung als Doping­nation verboten.

Russische Handballteam sammelt sich bei Besprechung um den Trainer

Spiel mir das Lied von Russland: das russische Handballteam benötigt noch Begleitmusik für die WM Foto: Newspix/imago

Die Fahne der Mannschaft aus Russland bei der Handball-WM, die in der kommenden Woche beginnt, steht schon mal fest. Sie zeigt das Logo des russischen Handballverbands, einen blauen Handballer vor weiß-rotem Hintergrund. Auch den Namen, unter dem das Team antreten wird, hat man dem Internationalen Handballverband schon mitgeteilt.

Als „Russian Handball Federation Team“ werden die Russen auf die Platte laufen. Damit sind die Auflagen erfüllt, die Russland nach seiner Verurteilung als Doping­nation zu erfüllen hat. Russische Sportler dürfen nicht mit den Insignien ihres Landes auflaufen. Bis dato nicht geklärt ist die Hymnenfrage. Denn auch die russische Nationalhymne darf bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen erst mal nicht erklingen.

Das Olympische Komitee Russlands will diese Frage bis Ende des Monats geklärt haben. Gut möglich, dass bis zum Start der Handball-WM noch keine Lösung gefunden ist. Dann würde vor den Spielen wohl die Hymne des Internationalen Handballverbands für das Team aus dem Land, das nicht genannt werden darf, gespielt werden. Die ist gewiss kein musikalischer Leckerbissen und hört sich so an wie das Orgelgeklimper eines Alleinunterhalters nach der Eröffnung des Buffets auf einem 60. Geburtstag in den mittleren 70er Jahren der alten Bundesrepublik.

Eines scheint schon festzustehen: Auf den alten Fundus von Nationalhymnen in Russland will man nicht zurückgreifen. So hat die Interna­tionale wohl keine Chance auf Olympia. Die diente bis 1944 als Hymne der Sowjetunion, deren Teil ja die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepupik war. Das „Patriotische Lied“, das nach dem Ende der Sowjetunion übergangsweise als Nationalhymne gedient hat, soll immer recht unbeliebt gewesen sein, was auch daran gelegen haben könnte, dass es zu Sowjetzeiten Titelmelodie der Nachrichten im ersten Programm war.

Zarenhymne für Putin?

Die sowjetische Hymne, die Josef Stalin 1944 hat einführen lassen, verbietet sich sowieso. Sie wurde mit der Amtseinführung von Wladimir Putin als Staatspräsident im Jahr 2000 mit neuem Text zur neuen russischen Hymne upgecyclet und fällt somit unter des Russlandverbot, das das Internationale Sportschiedsgericht kurz vor Weihnachten bestätigt hat. Bliebe noch die alte Hymne des Zarenreichs, bei deren Text man glatt meinen könnte, er sei auf einen wie Putin gedichtet worden: „Gott, schütze den Zaren, den Starken, den Mächtigen. Er herrsche zum Ruhme, zu unserem Ruhme. Er herrsche zum Schrecken der Feinde …“ Und so weiter.

So richtig ernsthaft wird das wohl keiner in Erwägung ziehen. Ebenso wenig wie die Idee, das Lied „Wladimirski Zentral“ zur zwischenzeitlichen Hymne zu machen. Den Chanson des Liedermachers Michail Krug über das Zuchthaus, in das lange Jahre Dissidenten weggesperrt worden sind, kennt in Russland jedenfalls beinahe jeder. Sportkommentator Grigori Twaltwadse meinte, von der Wochenzeitung Sobesednik befragt, in der vielleicht typisch russischen Lagerlogik dazu: „Das wäre der richtige Ort für die, die unseren Sport so beschämt haben.“

Schon ein wenig ernster wird die Debatte darüber geführt, ob sich nicht ein russsisches Volkslied besonders als Übergangssporthymne für Athleten aus dem verbotenen Land eignen würde. „Katjuscha“ wird besonders gerne genannt oder „Kalinka“, Lieder, die sich auch außerhalb Russlands relativ großer Beliebtheit erfreuen.

Wer die Debatte in Russland verfolgt, mag sich fragen, welche Lieder wohl in Deutschland als Hymnenersatz vorgeschlagen würden, sollte die Sportnation mal in einen tiefen Dopingsumpf geraten. Ganz weit vorne im Rennen dürfte da wohl „Tage wie diese“ von den Toten Hosen sein. Wie die CDU-Führung dies schöne Liedchen nach ihrem Wahlsieg 2013 vor seligen, Deutschlandfähnchen schwenkenden Menschen gegrölt hat, war absolut WM-tauglich. Mögen die deutschen Athelten doch bitte sehr sauber bleiben oder sich wenigstens nie erwischen lassen und uns so dieses Szenario ersparen!

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1968 geboren und dann lange Münchner. Studiert hat er Slawistik und wäre um ein Haar Lehrer geworden. Zehn Jahre lang war er Kabarettist (mit Helmut Schleich und Christian Springer). Dann ist er Sportreporter geworden. Von April 2014 bis September 2015 war er Chefredakteur der taz. Jetzt treibt er wieder Sport.

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