Russischer Buchweizen: Oh, du wunderbare fade Grütze!

Was den Deutschen ihr Klopapier, das ist den Russen derzeit ihre „Gretschka“. Was das ist? Viel mehr als nur eine Beilage.

gelbe getreideartige Früchte

Buchweizen: Auch die Russen hamstern Foto: Hans-Joachim Schneider/imago images

MOSKAU taz | Mitten im Supermarkt stehen zwei anderthalb Meter hoch gefüllte Paletten. Das Produkt kostet auf der einen Palette 49 Rubel pro Kilo (56 Cent), auf der zweiten ruft ein bekannter Hersteller schon fast den doppelten Preis auf.

Es geht um Gretschka. Kein weiblicher Kosename, sondern das beliebteste Nahrungsmittel Russlands: der Buchweizen. Die Knöterichpflanze mit den pyramidenförmigen Früchten ist in Russland sogar ein sicheres Barometer dafür, wie das Volk die Zukunft sieht.

Als Wladimir Putin vor Kurzem im TV mitteilte, es gebe keinen Grund für Hamsterkäufe, alles sei „unter Kontrolle“, verstanden viele Bürger dies als Startschuss: Will man uns erst mal beruhigen, sind Engpässe unausweichlich, so die reflexartige Reaktion vieler.

Die Regale waren in Windeseile leer. Vor allem verschwand Gretschka, Russlands Krisennahrung – und das schon seit Jahrzehnten.

Beim Ausmisten des Elternhauses stieß ein Bekannter neulich auf eine ungeöffnete Packung aus den 1970ern. Der Inhalt war noch genießbar, sogar ohne Motten und Kakerlaken. Ohne Maden sowieso. Das nahrhafte Produkt ist nämlich wehrhaft und begleitet jeden Russen seit dem Kindergarten.

Ausdauerfutter bei der Armee

Als Grütze oder Beilage zu einem Stück Fleisch ohne Sauce ist es gelegentlich etwas trocken. Auch zu Schulmahlzeiten gehört es unbedingt, die Armee setzt es als Ausdauerfutter ein. Kein Hochgenuss, aber es dämpft den Hunger für viele Stunden. Der Russe liebt Gretschka als Brei oder mit Früchten. Besonders aber zu einem frischen Pilzgericht. Wie andere Beilagen gewinnt auch der Buchweizen erst durch die Zutaten an Geschmack.

Ich selbst brauchte für die Wertschätzung etwas länger. Ursprünglich hielt ich den omnipräsenten Knöterich für eine kulinarische Mangellösung und vor allem für eine trockene Herausforderung. In Deutschland galt er lange als Tierfutter. Großmütter versüßten die fade Grütze mit Zucker und Milch (denn sie ahnten nicht, dass der Zucker alle gesunden Vorzüge der Frucht zunichte macht).

Buchweizen enthält allerlei Spurenelemente, viel Stärke, Vitamin B und hochwertiges Eiweiß. Auch auf dem Feld sorgt die Pflanze für Ordnung und vertreibt alles Unkraut. Bienen fliegen sie besonders gerne an, da sie mit viel Duft und Nektar lockt. Russland geht es wohl gerade ähnlich.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben