Russische Eiskunstlaufschule: Das Biest ist wieder da
Bei den Winterspielen 2022 fiel die russische Eiskunstlauftrainerin Tutberidse durch extreme Härte auf. In Mailand waltet sie wieder ihres Amtes.
Kamila Walijewa ist zurück auf dem Eis. Bei einem Wettbewerb in Moskau, bei dem allein Sprünge bewertet werden, schaffte sie es ins Halbfinale. Die Eiskunstläuferin, deren Schicksal bei den Olympischen Spielen vor vier Jahren in Peking die Sportwelt in Atem gehalten hatte, hat ihre Dopingsperre abgesessen und in Moskau wieder an einem Wettbewerb teilgenommen. Sie war 15, als vor den Spielen verbotene Substanzen in ihren Körper gefunden worden waren.
Als das bekannt wurde, hatte sie gerade das bis heute vielleicht schönste Kurzprogramm aller Zeiten gezeigt. Während die einen sie als Dopingsünderin an den Pranger stellten, wurde sie in ihrer Heimat als die unschuldige Vertreterin der unbesiegbaren Eiskunstlaufschule gefeiert. Als sie in der Kür dann mehrere Male stürzte, flossen jede Menge Tränen auf den Rängen in der Pekinger Halle.
Nur eine blieb eiskalt. Eteri Tutberidse, ihre Trainerin, war einfach nur sauer über die miese Vorstellung ihrer Elevin und kassierte dafür einen höchstolympischen Rüffel vom damaligen IOC-Präsidenten Thomas Bach, der sie als kalt bezeichnete. Walijewa wurde schließlich vier Jahre gesperrt. Seither ist viel passiert. Russland hat die Ukraine überfallen und malträtiert die Bevölkerung, nur eins hat sich nicht verändert.
Eteri Tutberidse steht an der Bande und überwacht die Leistungen ihrer Schützlinge. Bei den Spielen in Mailand betreut sie den Georgier Nika Egadse. Weil der Europameister seine Vorstellungen im Teamwettbewerb doch ziemlich vermasselt hat, war jenes eiskalte Gesicht der russisch-georgischen Trainerin, das Thomas Bach vor vier Jahren so verstört hat, wiederzusehen.
Die Haltung zur Ukraine wird man nie kennen
Es ist nur eine dieser verrückten Geschichten, von denen es im Eiskunstlauf nur so wimmelt. Auch weil Tutberidse noch dazu die Trainerin der als neutrale Athletin startenden Russin Adelia Petrosian ist, würde man nur allzu gern wissen, was sie vom Überfall Russlands auf die Ukraine hält. Man wird es nie erfahren. Wie eine Unberührbare wandelt sie durch die Welt. Regelmäßig ist sie in den USA, um ihre Tochter Diana Davis zu besuchen, die sie 2003 in Las Vegas zur Welt gebracht hat. Davis, von der nicht wirklich bekannt ist, ob sie neben der russischen und der georgischen auch noch die US-Staatsbürgerschaft hat, ist auch gerade in Mailand. Sie startet mit ihrem Mann Gleb Smolkin für Georgien im Eistanz.
Mit dem zusammen war sie auch schon mal russische Meisterin und erreichte für das Team des russischen Olympiakomitees bei den Spielen in Peking den 14. Platz. Als nach der Hochzeit von Davis und Smolkin spekuliert wurde, die beiden, die damals in den USA trainierten, könnten für die Staaten starten, kam die Freigabe der Russen für das georgische Team. Am vergangenen Freitag war die Russin aus den USA dann gar Fahnenträgerin für ihre neue sportliche Heimat Georgien.
Natürlich muss auch Smolkin in Mailand Fragen nach seiner Schwiegermutter beantworten, in deren Eiskunstlaufschule in Moskau seit Jahren Kinder zu Knochenbrüchen und Bulimie geschunden werden. Nein, sie gebe keine Tipps, sie sei einfach nur Dianas Mutter, sagt er dann immer. Er ist der Sprecher des Eistanzduos, da seine Frau seit ihrer Kindheit auf beiden Ohren hochgradig schwerhörig ist, was sie vor Kurzem über Instagram mitgeteilt hat. Auch so eine Geschichte.
„Nicht meine Entscheidung“
Und noch eine Geschichte. Glebs Vater verfolgt die Wettbewerbe übrigens von Russland aus. Er ist als Schauspieler und Showmaster ein wahrer Promi in seiner Heimat und hätte wohl nie gedacht, dass sein Sohn mal Georgier wird.
Der jedenfalls hat nichts gegen die Anwesenheit seiner Schwiegermutter in Mailand. Der Chef der Weltantidopingagentur Wada, Witold Banka, fühlt sich im Gegensatz dazu nicht wohl beim Gedanken an die Anwesenheit der Trainerin einer Athletin, die man des Dopings überführt hat. „Aber das ist nicht meine Entscheidung“, sagte er bei einer Pressekonferenz vor Beginn der Spiele. Das sei auch keine Entscheidung des IOC, meinte dessen Sprecher Mark Adams, als er in Mailand darauf angesprochen wurde.
Da gab es längst Bilder, die Tutberidse an der Bande der Eisfläche in Mailand zeigen. Beim Teamwettbewerb war sie ein absoluter Hingucker. Als sie im Finale des Teamwettbewerbs an der Bande aufgetaucht ist, zückten etliche Zuschauerinnen ihre Smartphones, um ein Bild von ihr zu machen. Im großen Emotionstheater Eiskunstlauf, bei dem auf und neben dem Eis nicht selten hemmungslos gekreischt und geheult wird, ist ihr eine Hauptrolle gewiss – die des Biests, das für die Schönheit ihres Sports arbeitet.
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