Russische Angriffe auf die Ostukraine: Die Front rückt immer näher
Die Städte Slowjansk und Kramatorsk im Gebiet Donezk werden immer häufiger Ziel russischer Luftangriffe. Doch der Wille, sich zu verteidigen, ist ungebrochen.
In diesem Sommer erinnern die Städte Kramatorsk und Slowjansk im ostukrainischen Gebiet Donezk immer mehr an die Kulisse eines postapokalyptischen Films. Entlang der Hauptstraßen installieren Arbeiter der Stadtverwaltung und das Militär Betonkeile – sogenannte Drachenzähne – und spannen Stacheldraht drumherum.
Lücken in diesen Barrieren werden nur für Fußgänger gelassen, die in Richtung von Haltestellen des öffentlichen Nahverkehrs unterwegs sind. Über den Straßen sind Netze zur Drohnenabwehr gespannt. In der Umgebung werden neue Gräben, die Panzer aufhalten sollen, und Schützengräben ausgehoben. Die Frontlinie rückt jedoch immer näher.
„Wir gehen nicht mehr früh am Morgen oder nach Sonnenuntergang nach draußen, da russische Drohnen inzwischen die Stadt erreichen. Wir gehen auch nicht mehr in den Seen schwimmen, weil Artillerie mittlerweile bis in dieses Gebiet hineinreicht und man direkt am Ufer getötet werden könnte. Wir fahren nicht aus der Stadt heraus, weil Drohnen die Straßen angreifen und FPV-Drohnen in der Nähe der Fernstraßen lauern könnten. Meine Kinder spielen nicht unbeaufsichtigt draußen, da Trümmerteile im Gras verborgen sein könnten“, sagt die 47-jährige Buchhalterin Marija Smolkowa, die an einer Wasserverteilungsstelle in Slowjansk wartet.
Der Kurort Slowjansk ist eines der ältesten Schlammbäder der Ukraine und blickt auf eine über 190-jährige Geschichte zurück. Mittlerweile ist er für Besucher geschlossen. Die Stadt kämpft darum, sich in Frontnähe zu behaupten, was eine Badesaison unmöglich macht. Am 8. Juli wurde ein 59-jähriger Mann beim Schwimmen in einem der Seen durch russischen Beschuss verletzt. Große Warnschilder an den Gewässern weisen nun auf die Gefahr hin.
Bereits zehn Verletzte
Nach Angaben der Regionalen Militärverwaltung Donezk wurden in der vergangenen Woche 9 Zivilisten durch russischen Beschuss getötet und weitere 46 verletzt. Seit dem Beginn dieser Woche sind bereits 10 Verletzte zu beklagen.
Ukrainische Militärangehörige führen die sich verschlechternde Lage in Kramatorsk und Slowjansk auf das Eintreffen von „Rubikon“ zurück – eine russische Elite-Drohneneinheit, die an den Stellungen auf der russischen Frontseite stationiert wurde.
„Abgefangene Kommunikation und OSINT-Daten bestätigen dies. Sie haben die Drohnenangriffe auf Kramatorsk tatsächlich verstärkt und nehmen gezielt Tankstellen sowie zivile Fahrzeuge ins Visier. Allein in der vergangenen Woche haben sie auf drei zivile Autos geschossen. Auch die Frontlinie ist näher an Slowjansk und Kramatorsk herangerückt. Sie ist nun nur noch acht bis 15 Kilometer entfernt“, sagte Witaliy OWtscharenko, ein 37-jähriger ukrainischer Soldat, der in diesem Frontabschnitt kämpft.
Schwarzer Rauch
Während Maria und ihr zehnjähriger Sohn Plastikflaschen mit Wasser füllen, sind erneut Explosionen über der Stadt zu hören. Russische Streitkräfte werfen mehrere Lenkbomben auf Slowjansk ab. Am Horizont steigt schwarzer Rauch auf. Die Luft ist vom Brandgeruch erfüllt. Diesmal wird eine Tankstelle getroffen. Tankstellen, Straßen sowie die Energie- und Wasserinfrastruktur geraten zunehmend ins Visier russischer Angriffe.
„Die Lage verschlechtert sich. Die Zahl der Angriffe nimmt zu. Der Feind setzt Lenkbomben und Mehrfachraketenwerfer ein. Immer häufiger fliegen Drohnen in die Stadt“, sagt Wadym Ljach, Leiter der militärischen Stadtverwaltung von Slowjansk. Sein Team sorge jedoch weiterhin dafür, dass Slowjansk funktionsfähig bleibe.
Selbst jetzt laufen im Stadtzentrum Reparaturarbeiten – dort, wo im April eine 1,5-Tonnen-Fliegerbombe eingeschlagen war. Unter den klaffenden Löchern in der Fassade eines Hochhauses prangt eine große schwarze Aufschrift: „Ich hasse das verdammte Russland.“
Die Geburtsklinik ist geschlossen
„Derzeit leben 39.000 Menschen in Slowjansk. Deshalb ist die Stadt weiterhin lebendig. Die städtischen Dienste, das Krankenhaus und das Bankensystem funktionieren. Das Leben geht weiter. Die Entbindungsstation ist in Betrieb“, sagt Ljach. Er fügt hinzu, dass schwangere Frauen nach einer ärztlichen Untersuchung zur Entbindung in sicherere Städte in benachbarten Regionen geschickt würden. Die Geburtsklinik in Kramatorsk ist aufgrund der Gefahrenlage schon lange geschlossen.
Bislang ist eine Evakuierung von Kindern nur für bestimmte Gebiete von Kramatorsk und Slowjansk verpflichtend. „Es wird immer schwieriger, mit Kindern in der Stadt zu leben. Kleidung und Medikamente bestelle ich online. Die Geschäfte haben zwar geöffnet, aber dort gibt es größtenteils nur Waren für das Militär. Wir wollen unbedingt zu Hause bleiben, aber mir ist klar, dass ich wohl langsam über eine Evakuierung nachdenken muss“, sagt Maria, bevor sie die Wasserflaschen nach Hause trägt, um für ihre Kinder Mittagessen zu kochen.
In beiden Städten halten sich weiterhin viele Kinder auf: rund 3.000 in der Gemeinde Slowjansk und fast 4.000 in der Gemeinde Kramatorsk. Die Zahlen verringern sich täglich. Jeden Tag verlassen Hunderte von Menschen mit Evakuierungsbussen den Donbas. Die Zurückgebliebenen sind damit beschäftigt, Dinge zu reparieren und nicht ihre Hoffnung zu verlieren.
Versorgungsarbeiter verlegen heute in Slowjansk eine neue Wasserleitung. Ihre in die Jahre gekommenen Einsatzfahrzeuge sind zum Schutz vor Drohnen mit Metallgittern versehen.
Effekt der Gewöhnung
„Wenn wir zu den Feldern vor der Stadt fahren, teilen der Traktorfahrer und ich uns seine Tschuika“, sagt Nikolai, ein 60-jähriger Fahrer eines städtischen Geländewagens. Tschuika ist die Bezeichnung für einen hier eingesetzten Drohnendetektor, der hilft, russische FPV-Drohnen aufzuspüren. Genau diese Art von Drohnen greift am häufigsten kommunale Wartungsfahrzeuge, Evakuierungskonvois und zivile Pkws an.
„Man gewöhnt sich an den Beschuss. Die Menschen bleiben so lange in der Stadt, wie es Wasser und Strom gibt. Doch im Winter, wenn die Heizung ausfällt, wird niemand mehr an seinem Zuhause festhalten“, sagt Olexander Pogrebnoy, Ingenieur bei den Wasserwerken von Slowjansk. Gerade geht er an einem langen Graben entlang, in dem bereits neue Rohre verlegt werden.
Während in Slowjansk die Wasserversorgung repariert wird, laufen in Kramatorsk Arbeiten zur Wiederherstellung der Stromversorgung und des Mobilfunknetzes. In diesem Sommer waren infolge russischen Beschusses regelmäßig 50.000 Einwohner der Stadt ohne Strom.
Kurze Pause vom Krieg
Die Musiklehrerin Natalija Semak lädt jeden Abend die Powerbanks für die ganze Familie auf. Heute ist sie in die Kunstschule Nr. 1 in Kramatorsk gekommen, um einen ihrer Schüler abzumelden. Der 60-Jährige hatte mit dem Unterricht nach Kriegsbeginn begonnen – in der Hoffnung, Akkordeon spielen zu lernen. Er wurde jedoch im Frühsommer durch eine russische Drohne getötet.
„Während des Krieges haben sich nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene an uns gewandt, weil sie singen oder Gitarre beziehungsweise Akkordeon spielen lernen wollten. Doch in Wirklichkeit sehnen sich die Menschen einfach nach einer kurzen Pause vom Krieg. Sie wollen sich an etwas in ihrem Leben festhalten – jenseits von Drohnen und Beschuss“, sagt Natalija.
Nachdem sie alle Formalitäten erledigt hat, schließt sie ihr Büro ab und macht sich auf den Heimweg, um ihre Sachen zu packen. Die Familie verlässt Kramatorsk, um bei Verwandten unterzukommen. Es sei nur für den Sommer, sagt Natalija.
Aus dem Russischen Barbara Oertel
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