Russisch-Orthodoxe Kirche: Des Popen Bart und Burg

Mit ihrem Punk-Gebet in der Moskauer Christi-Erlöser-Kirche wurden Pussy Riot vor genau einem Jahr weltbekannt. Ein Kirchenbesuch.

21. Februar 2012: Nur 40 Sekunden dauerte die Aktion von Pussy Riot, bis der Wachdienst eingriff. Bild: dpa

MOSKAU taz | Mascha und Lena beugen sich über den Zettel mit der hellgrünen kirchenslawischen Aufschrift o sdrawii. „Für das Wohlergehen“ heißt das auf Deutsch. Die beiden jungen Mädchen aus dem russischen Süden möchten Freunde und Verwandte in ein Fürbittegebet mit aufnehmen lassen. Sie sind zum ersten Mal in Moskau, scheinbar auch das erste Mal in einer Kirche mit einem persönlichen Anliegen.

Aufmerksam studieren sie die Instruktionen, die über dem hölzernen Schreibpult hängen, das sich meterlang an der Wand des Kirchenvorraums entlangzieht: Bitte Großbuchstaben verwenden, gültig nur für Getaufte, Namen des zu Gedenkenden im Genitiv.

Maximal 15 Eintragungen pro Zettel. Vor dem Gedenken meldet sich noch einmal die Bürokratie. Auch Verstorbene können in ein Gebet eingeschlossen werden, dafür gibt es ein braunes Extrablatt. Eine Gedenkeinheit kostet 50 Rubel (1,25 Euro), die an der Kasse bei dem Mütterchen gegenüber zu entrichten sind.

Kirche: Die Christi-Erlöser-Kathedrale ist das zentrale Gotteshaus der russisch-orthodoxen Kirche in Moskau. Der prächtige Bau wurde ursprünglich als Symbol russischen Selbstbewusstseins am linken Ufer der Moskwa geplant, um des Sieges gegen Napoleon zu gedenken. Eingeweiht wurde die Kathedrale erst 1883 und 1931 wieder zerstört, weil Stalin an Ort und Stelle einen "Palast der Sowjets" errichten lassen wollte. Das Vorhaben scheiterte. Erst im Jahr 2000 wurde die Kathedrale originalgetreu wiedererrichtet. Die gesamte Anlage umfasst 70.000 Quadratmeter, der Innenraum der Kirche hat nur 8.000 Quadratmeter. Es sind 12.000 Quadratmeter Fresken mit Blattgold verziert.

Kunst: Die Punkband Pussy Riot ist ein loser Zusammenschluss von Frauen, die seit Sommer 2011 als Kunstaktivistinnen agieren. Weltweite Bekanntheit erreichten die maskierten Frauen durch ein Punkgebet am 21. Februar 2012 in der Christi-Erlöser-Kirche. Sie riefen die Muttergottes an, Wladimir Putins Wiederwahl ins Präsidentenamt und die Interessenunion von "Schwarzen Kutten und Epauletten" zu verhindern.

Knast: Drei Aktivistinnen – Nadeshda Tolokonnikowa, Maria Alechina und Katja Samuzewitsch – wurden im März 2012 festgenommen, die beiden Ersteren dann im August wegen Rowdytums zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Diesen Monat reichte die Gruppe Klage beim Europäischen Menschengerichtshof ein.

Der Schulterschluss

Die Schlange an diesem Sonntag wird nicht kürzer. Hunderttausend Gläubige, Pilger und Touristen besuchen die Christi-Erlöser-Kathedrale, das Heiligtum der russisch-orthodoxen Kirche, jeden Monat. Seit die Frauenpunkband Pussy Riot im Februar letzten Jahres in einem Stoßgebet vor dem Altarraum die Muttergottes bat, sich doch Wladimir Putins anzunehmen und den Präsidentschaftskandidaten nicht wieder in den Kreml einziehen zu lassen, zählt die Kirche zu den bekanntesten Gotteshäusern der Welt. Der Veitstanz dauerte vierzig Sekunden, bis der Wachdienst die maskierten Aktivistinnen aus der No-go-Area des Altars entfernte.

Der Protest galt dem Schulterschluss zwischen Staat und Kirche. Der Patriarch Kyrill, Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, hatte Putin kurz vor den Wahlen im vergangenen Februar zu einem Gottgesandten, einem „Wunder Gottes“, erhoben und den Exgeheimdienstler zum fleischgewordenen Erlöser geweiht – mit dem Recht, allumfassend zu richten. Nicht einmal in Byzanz, woher Russland das Christentum übernahm, war der Herrscher so sakrosankt.

Im Sommer 2012 wurden die jungen Aktivistinnen zu zwei Jahren Lagerhaft verurteilt. Die Causa Pussy Riot legte Verwerfungen und Brüche der russischen Gesellschaft offen. Michail Rjasanzew ist Priester an der Christi-Erlöser-Kathedrale und zählt zu den gemäßigteren Stimmen der Orthodoxie. Freunde und Mitstreiterinnen der Punkerinnen hätten längst für sie beten lassen, meint er versöhnlich. Schließlich ginge die Tochter einer der Inhaftierten auch in eine Sonntagsschule. Er versucht die Risse in der Glaubensgemeinschaft notdürftig zu kitten.

Ein Steinwurf vom Kreml entfernt

Die Kathedrale ist mehr als ein Gotteshaus. Der riesige weiße Bau liegt nur einen Steinwurf vom Kreml, dem Machtzentrum Russlands, entfernt. Vom nördlichen Glockenturm der Kirche ist das Gebäude des Generalstabs zu sehen. Und auch das berüchtigte Haus am Quai, in dem Stalin seine Mitstreiter zunächst privilegiert unterbrachte, um sie dann im Laufe der Schauprozesse und Säuberungen 1937 umbringen zu lassen, steht in unmittelbarer Nachbarschaft. Andrei, der Leiter des Wachdienstes, der die Führung übernimmt, entpuppt sich als ein exzellenter Kenner der Geschichte und orthodoxen Kunst. Von Haus aus ist er gelernter Lagerarbeiter, der erst spät zu Gott fand, wie er sagt.

Am Tag des Punkgebets sei er nicht im Dienst gewesen, erzählt der Mittfünfziger, der in seiner Arbeit aufgeht. Er hat sich bewusst für den Wachdienst bei der konfessionellen Firma Kolokol – übersetzt heißt das „die Glocke“ – entschieden, weil er Gott auf diese Weise immer nah sein kann.

Das Schicksal der Kathedrale ist bitter, wie Geschichte nur sein kann. Im 19. Jahrhundert wurde sie errichtet, um des Sieges über Napoleon 1812 zu gedenken. Es sollte ein Pantheon für die gefallenen Offiziere und ein Symbol russischer Wehrhaftigkeit werden. 44 Jahre zog sich das Bauen hin. Dutzende Korruptions- und Bauskandale sind in den Annalen verzeichnet, bis die Kathedrale 1883 endgültig eingeweiht werden konnte. Sie war von Anfang an mehr als eine Kirche. Eher ein Schrein des Patriotismus, womit der Klerus unterstrich, dass, wer Russe ist qua Geburt, auch orthodox sein müsse.

Unmengen Blattgold

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ein orthodoxer Gläubiger muss nicht unbedingt an Gott glauben, es gibt auch „orthodoxe Atheisten“, wie sich der Vorsitzende der Kommunistischen Partei, Gennadi Sjuganow, stolz selbst bezeichnet. Priestermörder Lenin und Jesus miteinander zu vermählen, stößt auch bei den hohen Würdenträgern der Kirche kaum auf Vorbehalte. Das mag an persönlichen Bindungen des Klerus zum KGB während der Sowjetzeit liegen. Es erinnert aber auch an Praktiken synkretistischer Stammesreligionen.

Dem Baubeginn war indes an derselben Stelle der Abriss eines Klosters vorausgegangen, dessen verzweifelte Äbtissin prophezeit haben soll: „Diese Kirche wird nicht lange stehen!“, erzählt Andrei beim Rundgang durch den oberen Teil des Chores. Auch dort, wo der einfache Besucher nicht hingelangt, ist der Prunk atemberaubend. Unmengen Blattgold wurden verwendet. Andrei schwärmt von den flächendeckenden Fresken der unzähligen Herrscher, Helden und Heiligen. „Wie lange haben die Künstler beim Wiederaufbau der Kirche daran wohl gesessen?“, will er wissen. Gibt aber sogleich selbst die Antwort: „Ein Jahr, wofür sie früher Jahrzehnte brauchten.“

Und dies in den 1990er Jahren, einer Zeit, als das strauchelnde Russland jeden Rubel nötig hatte. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus erfüllte die Wiedererrichtung des 1931 von den Bolschewiken gesprengten Sakralbaus jedoch gleich mehrere Funktionen. Sie setzte ein Zeichen des Widerstands, zelebrierte den Sieg über die Unmenschlichkeit und schuf damit ein Symbol, das der verunsicherten Masse einen geistigen Flucht- und Orientierungspunkt bot. Wer konnte ahnen, dass der Patriotismus des 19. Jahrhunderts bald schon eine Neuauflage im Geheimdienstregime Wladimir Putins erfahren würde? Wer hätte ahnen können, dass der Klerus an die mittelalterliche Tradition der Großfürsten und „Machtkirchler“ anknüpfen würde, die den weltlichen Herrscher zum Stellvertreter Christi auf Erden erkoren hatten?

Stalin war wütend

Nach dem Abriss im Jahr 1931 sollte auf dem Baugelände, das Diktator und Klosterschüler Stalin persönlich absegnete, eigentlich ein „Palast der Sowjets“ entstehen: 415 Meter hoch, gekrönt von einer 100 Meter hohen Lenin-Statue. Die militärischen Abwracker bissen sich an den Wänden jedoch die Zähne aus. „Stalin war außer sich, dass unsere Kräfte nicht reichten, und ordnete die Sprengung an“, schrieb ein Ingenieur später. Der Marmor sei in den Metrostationen, den Katakomben des Proletariats, verbaut worden, weiß Andrei. Der Palast blieb ein Projekt, die riesige Baugrube jedoch wurde in ein Schwimmbad umgewidmet.

Heute ist dies der mit grauem Granit verkleidete Unterleib der Kathedrale, in den wir hinabsteigen. Es ist der Ort, der das profane Leben beherbergt. Ein Labyrinth aus Gängen und Räumen, über Etagen verteilt. Speisesäle für große Gesellschaften unter einfarbigen Tunnelgewölben reihen sich aneinander. Sie sind nach dem griechischen Trapeza benannt, was Tisch bedeutet, wohinter sich aber auch ein Laden oder eine Bank verbergen kann.

Unterirdische Waschstraße

Seit der Aktion und Verurteilung der Pussy Riots nahm die kritische Öffentlichkeit auch das Geschäftsgebaren der Kirche etwas genauer unter die Lupe. Ein Geflecht von Läden kam zum Vorschein, das auf dem Gelände Schmuck und teure Uhren verkauft. Dazu die Einnahmen aus Banquetten und VIP-Veranstaltungen. Wohin fließt der Gewinn, fragte die Organisation der Verbraucherschützer. Der gemeinnützige städtische Fonds, der die wirtschaftlichen Belange verwaltet, behauptet, nur 1 Million Euro im Jahr Gewinn zu machen. Ein bescheidener Betrag, für den kaum ein russischer Geschäftsmann den Allerwertesten bewegen würde. Schon gar nicht Patriarch Kyrill, Fan des Vierradantriebs, Liebhaber von sündhaft teuren Uhren und Luxuslimousinen. Die Kirche distanzierte sich jedoch von den Geschäften und verwies auf den Fonds, der für jede Dienstleistung auch von ihr Geld verlange.

Geweihtes Wasser für 50 Cent

Wem soll man da glauben? Wohl besser keinem. Noch ist nicht vergessen, dass die russisch-orthodoxe Kirche durch den Verkauf von Schnaps und Zigaretten ihr Vermögen anhäufte. Und auch die jahrhundertelange Erfahrung der Gläubigen immunisierte gegen Gutgläubigkeit. Sie waren sich nämlich sicher, „des Popen Bart hängt immer in der Butter“.

Zumindest hält der Patriarch auch einen Teil seines exklusiven Fuhrparks in der Erlöser-Garage unter Tage. Dem angeschlossen ist eine Waschstraße, die auch einfachen Autofahrern offen steht. Wird hier mit Weihwasser den Gefahren des Moskauer Verkehrs vorgebeugt? Der misstrauische Waschdienstleiter gibt keine Auskunft, stellt stattdessen die Zufahrtsampel auf Rot und lässt das Tor runter. Besuch von Störenfrieden häuft sich.

Nebenan rumpeln noch die Maschinen eines geistlichen Waschsalons. Davor befindet sich eine Installation von Metalldetektor mit Wachmann, der schläfrig Rätsel löst. Nach dem Rundgang wartet in der unterirdischen Kantine dann noch ein Cappuccino auf uns: aus der Maschine mit geweihtem Wasser für 50 Cent.

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