Seebrücke auf Rügen

Foto: Axel Völcker

Rügen im Zeichen der Corona-Krise:Insel auf Zwangsurlaub

Normalerweise würde Roberto Brandt jetzt Hering fangen. Das Restaurant Diavolo wäre voll. Doch Touristen ist die Reise nach Rügen strikt untersagt.

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8.4.2020, 14:56 UHR

Roberto Brandt setzt die Brille auf die Nase. Mit einer Netznadel, einer Art breite Stricknadel, fädelt er das Garn durch die hellgrünen Maschen an der Netzkante, führt es dann über die mit Blei gefüllte Leine und zurrt Netz und Bleileine fest zusammen. Masche für Masche, bei gleichem Abstand, immer entlang der Netzkante – noch ist das Knäuel auf dem Stuhl neben ihm groß. Was nach Si­sy­phus­ar­beit aussieht, soll später das Fischernetz auf dem Ostseeboden absenken und so Meeresforellen und Lachse fangen.

„Normalerweise wäre ich jetzt mit meinen Jungs auf Hering“, der 64-Jährige hebt den Kopf, wach ist der Blick der klaren, blauen Augen. Seine Jungs, das sind Sohn Jan und ein Mitarbeiter, die früh am Morgen das blaue Fischerboot durch den feinen Strandsand des Ostseebades Baabe auf der Insel Rügen in die See schieben, die Stellnetze einholen, Heringe herauspulen und schließlich den Fisch zum Räuchern oder für seine kleine Gaststätte ausnehmen.

1,5 Tonnen Hering haben Roberto Brandt und seine Jungs in diesem Frühjahr schon gefangen. Bleiben bei strenger Quote („Ach, die Quote!“) noch zwei Tonnen übrig und ein paar Wochen, denn Ende April ist die Heringssaison schon wieder vorbei.

Doch seit einer Woche liegt Robertos Boot auf dem Trockenen und kann so nicht einmal als beliebtes Fotomotiv herhalten. Denn die UrlauberInnen, die es so oft knipsen, fehlen, trotz strahlender Frühlingssonne sind die langen Strände auf Deutschlands größter Insel in diesen Tagen wie leergefegt. Pünktlich zum Saisonstart ist der Tourismus, der größte Wirtschaftszweig, der jährlich acht Milliarden Euro in die Kassen Mecklenburg-Vorpommerns spült, wegen des Coronavirus zum Erliegen gekommen.

5 Covid-19-Infizierte werden aktuell auf der 64.000 EinwohnerInnen starken Insel Rügen gezählt, im Landkreis Vorpommern-Rügen sind es 34 Erkrankte, im gesamten Bundesland 555 Fälle. Das Corona-Abstrichzentrum in der Inselhauptstadt Bergen hat bisher noch keinen einzigen negativen Fall getestet.

Stefan Kerth, Landrat (SPD)

„Noch haben wir den Überblick über alle Infektionsketten, und das muss so bleiben“

Ob nun Glück oder Strategie: „Es läuft alles im Ruder“, sagt Landrat Stefan Kerth (SPD) über die aktuelle Lage in seinem Landkreis. „Noch haben wir den Überblick über alle Infektionsketten und das muss so bleiben.“ Schließlich sei das Gesundheitssystem Mecklenburg-Vorpommerns nur auf die hier mit Hauptwohnsitz lebenden 1,6 Millionen EinwohnerInnen ausgelegt. Mit nur 14 Intensivbetten ist das örtliche Inselkrankenhaus ausgestattet, weitere stehen in den Kliniken der Hansestädte Stralsund und Greifswald zur Verfügung.

Und dabei hätte es auch ganz anders ausgehen können hier oben an der Küste, nachdem am ersten schönen Frühlingswochenende vor dreieinhalb Wochen die Hotels und Restaurants, etwa im Ostseebad Binz, sehr gut ausgelastet und die Strände voller SpaziergängerInnen waren. Um gerade jetzt der Enge ihrer Städte zu entfliehen, zog es die Menschen zu Tausenden in den Norden. Und mit ihnen vielleicht auch ein paar blinde Passagiere.

Die Frage, ob er das Infektionsrisiko zu diesem Zeitpunkt unterschätzt habe, wiegelt Stefan Kerth ab. Dass die BürgerInnen sich nicht immer an die Appelle der Regierung hielten und trotz der Empfehlung, zu Hause zu bleiben, ins Land und auf die Insel kamen, ja, das hätte ihn „schon ein bisschen überrascht“, sagt er. Trotzdem habe es seinerzeit keine Kenntnisse über Infektionen auf Rügen gegeben und unter den Fachleuchten vom Gesundheitsamt sei keine einzige Stimme zu vernehmen gewesen, die eine Sperrung der Insel gefordert hätte. Später hätte dann die Landesregierung nachgesteuert.

64.000 Einwohner, fünf Infizierte, ein Touristenbann

Das kann man wohl sagen. Denn seit dem 18. März 2020 gelten in Land Mecklenburg-Vorpommern die strengsten Einreiseverbote der Bundesrepublik. Bereits am Montag, den 16. März, war Rügen für Touristen und Menschen, die keinen Erstwohnsitz vorweisen können, gesperrt worden, wurden Pkws mit nicht heimischen Kennzeichen am Rügendamm überprüft und mitunter zurückgewiesen. Wenige Tage später verschoben sich die Kontrollen dann von den Inseln an die Landesgrenzen.

Bis zum 19. April 2020 dürfen Hoteliers und private VermieterInnen von Ferienwohnungen keine Gäste mehr beherbergen. Wer gegen das Verbot verstößt, kassiert heftige Geldstrafen von bis zu 5.000 Euro. Obwohl Landeschefin Manuela Schwesig (SPD) Ende März verlauten ließ, dass das grundsätzliche Einreiseverbot nach Mecklenburg-Vorpommern nicht für die Kernfamilie, also „Eltern, Kinder und Großeltern“ gelte, wurden die Regelungen zu Ostern noch einmal nachgeschärft. Von Karfreitag bis Ostermontag sind Tagesausflüge auf die Inseln, an die Küste und Seenplatte auch für die BewohnerInnen Mecklenburg-Vorpommerns tabu.

Mann mit Boot im Sand

Auf dem Trockenen: Der Fischer Roberto Brandt und sein Boot Foto: Axel Völcker

Er halte es wie die Bundeskanzlerin, die das Land mehr mit Appellen denn Verboten durch die Pandemie navigiere, sagt Kerth über sein Krisenmanagement. „Wir dürfen nicht übersteuern.“ Vielmehr gehe es doch darum, besonnen zu handeln und eben nicht populistisch. Das kann getrost als eine Anspielung auf die Abschottungspolitik der Schwesterinsel Hiddensee gewertet werden.

Deren Bürgermeister Thomas Gens hatte quasi im Alleingang angeordnet, Nicht-InsulanerInnen, also auch den EinwohnerInnen Mecklenburg-Vorpommerns, den Zutritt zu seiner Insel zu verbieten. Auf das kleine Eiland durfte ab dem 21. März zwischenzeitlich nur, wer seinen ersten Wohnsitz hier hat, dort arbeitet oder als Angehöriger ersten Grades seine Familie versorgt. Mittlerweile wurde der juristisch fragwürdige Erlass vom Landkreis wieder aufgehoben.

Von möglichen Coronafällen auf der langgezogenen, knapp 1.000 EinwohnerInnen starken Insel hört man derzeit nichts. Auch auf Rügen, so der Landrat, würden einige BürgermeisterInnen fordern, die Brücke hochzuziehen. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in einem Überbietungswettbewerb landen.“ Natürlich sei er sich der öffentlichen Wirkung solcher Maßnahmen, „man ist der Held“, bewusst, sagt Stefan Kerth. Gleichzeitig aber bringe man die anderen Landräte, die ihre Inseln offenhalten, in Bedrängnis.

Sorge vor einer Reisewelle

Eine Sache aber bereite ihm gerade doch ziemliche Sorgen. Alle Bürgermeister seines Kreises rechnen mit einer Reisewelle zu Ostern. Der Landrat hofft, dass sie „bloß nicht den Überblick über die Infektionsketten zu verlieren“.

Damit er alles im Blick behält, kam Fischer Brandt eine Idee. Mehr als 170 Jahre Erinnerungen an seine Baaber Fischerfamilie wollen schließlich verwaltet werden, 45 davon gehören jetzt schon ihm. Also schrieb Roberto Brandt mit einem wasserfesten Stift Nummern auf die gerahmten historischen Fotografien seiner Vorfahren, die an den Wänden seines kleinen Restaurants hängen, und auf der Rückseite eine Legende mit den Namen dazu. Nummerierte Vergangenheit, dazu passt, dass alle Welt gerade über Zahlen spricht.

Zahlen waren es auch, die dem Fischer in den letzten Wochen viele schlaflose Nächte bereiteten, nachdem er zuerst den Gaststättenbetrieb herunterfahren musste und schließlich, als die Gäste ausblieben, völlig einstellte. Da inzwischen die Kühltruhen voll mit Fisch und die Hotelbetten leer sind, lohnt es sich nun auch nicht mehr, mit dem Boot rauszufahren. Was tun mit den zehn Festangestellten, die jetzt eigentlich an Bord, in der Küche und in der Räucherei arbeiten würden?

Und dabei war es so gut gelaufen für ihn, hatte der Fischer dank eines cleveren Konzepts und Förderprogramms des Landes in schweres Küchengerät wie eine Fischverarbeitungsmaschine für Steinbutt für Räucherei und Gaststätte investiert.

Wohlweislich, um in schwierigen Zeiten, falls noch strengere Quoten die Fischer weiter in die Knie zwingen würden, sein zweites Standbein auszubauen. Die nun wegbrechenden Einnahmen zum Ostergeschäft wären dringend nötig gewesen. Das Problem sei ja, dass niemand wisse, wie lange das jetzt gehe, sagt Roberto Brandt und gibt selbst einen Tipp ab: „Ich glaube, vor Mai wird dat nüscht werden.“

Jetzt heißt es Zusammenrücken

Deshalb hat der Fischer Kurzarbeitergeld für seine Angestellten beantragt und die Differenz zum eigentlichen Gehalt oben draufgepackt. Auch für einen Kredit beim Landesförderinstitut MV hat er sich vormerken lassen und sich um Corona-Soforthilfe für die laufenden Kosten bemüht. Nun wartet er, schaut ab sieben Uhr morgens mehrmals täglich in sein E-Mail-Postfach. „Ich bräuchte mal ne Rückmeldung“, sagt Roberto Brandt. Aber, Moment mal, fast hätte er „etwas ganz Wichtiges“ vergessen, der Fischer greift zum Telefon. Der Getränkelieferant soll einen Kasten Bier vorbeibringen, „für Besuch“, sagt er.

Dass die GastgeberInnen der Insel in der Coronakrise „dichter zusammenrücken“, hat auch Knut Schäfer, Vorstand des Tourismusverbandes Rügen, einem Lobbyverband von 230 Hoteliers und Gastronomen, beobachtet. So mancher Hotelier halte in diesen Tagen regen telefonischen Kontakt zu seinen Stammgästen, auch die vielen Bilder und Videos der Insel würden in den sozialen Medien oft geklickt.

Paar in leerem Lokal

Im „Corona-Burnout“: Isabel und André Trost in ihrem leeren Restaurant Foto: Axel Völcker

Knut Schäfer ist froh über diesen Umstand, denn zuletzt hatten schlechte Schlagzeilen die Runde gemacht, die von Stimmung der Einheimischen gegenüber Fremden, von Verfolgungsfahrten ortsfremder Autokennzeichen, Meldungen über brennendes Licht in Ferienwohnungen, berichteten. Neben selbst ernannten Hilfssheriffs würden sogar „verdeckte Ermittler“ kontrollieren, ob sich ja alle VermieterInnen und BesucherInnen an die Tourismusverbote hielten, hieß es aus den Ämtern einiger Badeorte. Verstöße würden strafrechtlich verfolgt. Selbstredend.

Derlei „Einzelfälle“ bedauern sie beim Tourismusverband, sagt Knut Schäfer. Dass deshalb in Zukunft weniger UrlauberInnen auf die Insel Rügen kämen, könne er sich aber nicht vorstellen. Vergessen dürfe man nicht, dass die derzeitige Ausnahmesituation Angst und Druck erzeuge, sagt er: „Da schießt der eine oder andere eben übers Ziel hinaus.“ Außerdem sei da noch die Sache mit der „norddeutschen Freundlichkeit“, so der 43-Jährige. „Rauer Ton, wortkarg – aber eine lieb gemeinte Botschaft – diesen Dialekt verstehe eben nicht jeder.“

Über die Botschaft derlei Mistgabel-Gebaren lässt sich wahrlich streiten, doch nicht nur UrlauberInnen geht es auf Rügen wie im gesamten Land derzeit an den Kragen. Mehr als 900 kleine wie große Unternehmen sind vom darniederliegenden Tourismus in Mecklenburg-Vorpommern betroffen.

Auch wenn man den Schaden noch nicht richtig beziffern kann und das Bundesland einen Schutzfonds über 1,1 Milliarden Euro aufgelegt hat, gehen WirtschaftsexpertInnen davon aus, dass 40 bis 60 Prozent der Betriebe Mecklenburg-Vorpommerns die Pandemie nicht überstehen werden. Im vergangenen Jahr verbrachten 1.485.659 Gäste ihren Urlaub auf den Inseln Rügen und Hiddensee. Allein in Binz, dem größten Ostseebad der Insel, standen dazu 2019 17.260 Betten zur Verfügung.

Isabel Trost, Betreiberin des Restaurants Diavolo im Ostseebad Binz

„Wir hatten Bomben-Umsätze, aber ein unbehagliches Gefühl. Wir haben es alle nicht so richtig begreifen wollen“

Auf der Strandpromenade des Ferienortes haben sich eben ein paar Wolken vor die Sonne geschoben. Die Seebrücke ist menschenleer, eine Frau putzt ihrem Hund mit einem Taschentuch den Hintern. Nichts los im mondänen Ostseebad, in dem sich sonst die Reichen und Schönen in weißen fließenden Stoffen zuwinken.

Nur wenige hundert Meter weiter gibt es etwas zu feiern. Heute vor neun Jahren eröffneten Isabel und André Trost ihr Restaurant Diavolo, das von fangfrischem Fisch bis Steak vom Lavasteingrill baltisch-mediterrane Küchen auf raffinierte Weise kombiniert. Der schwarz gehaltene, modern-rustikal eingerichtete Gastraum kann bis zu 80 Gäste beherbergen, hinzu kommen 50 Terrassenplätze.

Strandpromenade auf Rügen

Gähnende Leere auf der Strandpromenade. Die Touristen sind ausgesperrt Foto: Axel Völcker

Tatsächlich muss es hier mit dem Teufel zugehen, wenn man der Erfolgsgeschichte der Gastronomin und dem gelernten Koch, Eltern zweier Kinder, lauscht, die sich mit ihrem Abendrestaurant und 13 ganzjährig Angestellten in nur wenigen Jahren von der zweiten in die erste Reihe der Binzer Strandpromenade gekocht haben. Also, hoch die Gläser! Aber wie, wenn das Restaurant geschlossen und Zusammenkünfte von mehr als zwei Personen im öffentlichen Raum verboten sind?

Isabel Trost hatte die zündende Idee. Ihr Mann André wird Pizzen backen, die Isabel Trost ihren MitarbeiterInnen, Freunden und Familie später auf der Terrasse über eine rote Kordel reichen wird. Zum Mitnehmen, denn „niemand betritt den Laden“ – versteht sich, minutiös wie ein Raketenstart ist die Abholung geplant.

Doch bevor es losgeht, führt die 42-Jährige schwungvoll durch die Küche, zeigt die jetzt leeren Arbeitsplätze des Sauciers, Entremetiers, das bis auf ein paar Weinflaschen leere Getränkelager und ein mit eingekochten Gemüsen und selbst gemachter Pasta vollgestopftes Kühllager. Im Büro nebenan sitzt Sohn Artur beim Homeschooling. Der Elfjährige mit wuscheligen blonden Haaren soll eine Geschichte über den Alltag einer Familie schreiben. Nur weiß er nicht, wie. „Erzähl doch von uns“, ruft Isabel Trost im Vorbeigehen.

Schon am 18. März, also drei Tage vor dem Erlass der Landesregierung, hatten sie ihr Lokal zugemacht, „um das Risiko für unsere Angestellten, Gäste und für uns zu minimieren“. Eine echte Zitterpartie. Denn „knackevoll“ war das Geschäft in den Tagen zuvor gewesen, als sie jeden zweiten Tisch reservierten, um den Mindestabstand von zwei Metern einzuhalten, und Desinfektionsspender im Eingangsbereich montierten. „Wir hatten Bomben-Umsätze, aber ein unbehagliches Gefühl“, sagt Isabel Trost und streicht über ihre langen dunkelblonden Haare.

Mit befreundeten GastronomInnen gründen sie die WhatsApp-Gruppe „Corona Extra“, treffen sich im Restaurant der Schwester, um gemeinsam und doch jeder für sich an einem extra Tisch, das Telefon mit dem Steuerberater in der Mitte, Antragsformulare für Kurzarbeitergeld auszufüllen. Isabel Trost hat „Coronapanik“ in diesen Tagen, innerlich zerrissen hätte sie die Frage, ob sie weiter Geld verdienen sollten, solange es noch ging. „Wir haben es alle nicht so richtig begreifen wollen“, sagt sie.

Bis André Trost ein Machtwort spricht: Nach Mitternacht verschickt er eine lange Nachricht an „Corona Extra“, die die Gruppe wachrüttelt. Sie handelt von Respekt gegenüber Menschenleben, von Verzicht statt Profit. Somit ist die Entscheidung gefallen, das Diavolo schließt. Er habe sich vorgestellt, wie ein Stammgast, der seiner betagten Mutter regelmäßig einen Pastateller mit Garnelen mitnehme, durch ihren Kontakt infiziert würde, sagt der 40-Jährige über seinen Entschluss. „Das hätte ich mir nie verziehen.“ Markige Worte angesichts von saftigen Kreditraten für das Restaurant und monatlich hohen Personalkosten von über 30.000 Euro.

In Isabel Trosts Leben beginnt nun das, was sie „Corona-Burn-out“ nennt. Der Teufel ist los. Sie trommelt ihre MitarbeiterInnen zusammen, spricht allen bei einem Gläschen Schnaps und mit Tränen in den Augen ihre vorübergehende Kündigung aus, um sie kurz darauf wieder zurückzunehmen. „Eine vorschnelle Fehlentscheidung“, sagt die Gastronomin. Zum Glück hätten ihre Angestellten mitgezogen – „einmal Teufel, immer Teufel“.

Inzwischen ist etwas Ruhe eingekehrt, wohl auch weil die Strom- und Gasversorger sehr kulant sind, die Raten für das Auto-Leasing gestundet und die Beiträge zur Berufsgenossenschaft ausgesetzt wurden. Neben Kurzarbeitergeld haben sie auch Corona-Soforthilfe und einen zinsgünstigen KfW-Kredit beantragt.

Hoffen auf den Juni

Nun leben die Trosts von Tag zu Tag und hoffen, dass sie ihren Restaurantbetrieb spätestens Anfang Juni wieder starten können. „Wenn der finanzielle Druck nicht wäre, wäre das alles auszuhalten“, sagt Isabel Trost. Und die Krise habe auch etwas Gutes. Zum ersten Mal seit neun Jahren haben sie Ostersonntag frei. In diesem Jahr fällt der Tag auf den Geburtstag von Sohn Artur. Der hält seiner Mutter jetzt das linierte Heft mit der Familiengeschichte unter die Nase. „Die Blöden vier“, steht in Schreibschrift darüber. „Sollen wir das sein?“, Isabel Trost rollt mit den Augen – wenn man vom Teufel spricht.

Am Abend auf dem südöstlichsten Zipfel der Insel Rügen verabschiedet sich der Tag mit einem gewohnt spektakulären Sonnenuntergang über dem Greifswalder Bodden. Zuerst gelb, dann orange und schließlich tiefrot färbt der große Sonnenball den Himmel und mit ihm die Hochwasserpfützen auf den Salzwasserwiesen hinterm Deich.

Die Fensterscheiben der wenigen Häuser im Dorf wirken im glühenden Sonnenlicht so, als würden sie brennen. Einsam dreht der Busfahrer die letzte Runde des Tages, um diese Uhrzeit fährt niemand mit. In der Ferne kreischen und bellen die Möwen, pfeift der um diese Jahreszeit noch kalte Westwind durch die von ihm gebogenen Kronen der Strandkiefern. Es ist die dritte Woche, da Corona die Insel angehalten hat.

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■ Das neuartige Coronavirus trägt die offizielle Bezeichnung SARS-CoV-2. Es ruft die Krankheit mit dem offiziellen Namen Covid-19 hervor. Der Virus ist von Mensch zu Mensch übertragbar.

Ab Januar 2020 hatte sich das Virus von der Stadt Wuhan in der chinesischen Provinz Hubei her ausgebreitet – inzwischen weltweit.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat die Ausbreitung des Coronavirus am 11. März 2020 zur Pandemie erklärt, also zu einer weltweiten Epidemie.

Alle Artikel der taz zum Thema finden sich im Schwerpunkt Coronavirus.

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, also regional nicht begrenzt. Bei einer Pandemie überträgt sich ein neuartiger Virus von Mensch zu Mensch.

■ Da es keine Grundimmunität gibt, keine spezifischen Medikamente und keine Impfung, führt das zu einer hohen Zahl an teils schweren Erkrankungen und Toten. Dies kann unter anderem zu einer Überlastung des Gesundheitssystems führen, wie es beispielsweise in Italien bereits regional zu beobachten war. Deshalb ist das Ziel, die Ausbreitung des Virus zu verlangsamen, damit nicht zu viele Menschen gleichzeitig schwer erkranken.

Auf eine weitreichende Beschränkungen sozialer Kontakte hatten sich am 22. März 2020 die Bundeskanzlerin und Regierungschefs der Länder geeinigt. Damit sollte der Anstieg der Fallzahlen verlangsamt und eine Überlastung des Gesundheitssystems möglichst verhindert werden. Im April sowie im Mai beschlossen Kanzlerin und Länderchefs dann schrittweise Lockerungen. Die Kontaktbeschränkungen bleiben grundsätzlich bis zum 29. Juni bestehen. Details regeln weiterhin die Länder. (Hier eine Übersicht der Bundesregiergung zu Regelungen in den Ländern). Im Fall regionaler schneller Anstiege der Infektionszahlen sollen die Behörden vor Ort sofort mit neuen Beschränkungen reagieren.

■ Einen Abstand von mindestens 1,5 Metern soll man weiterhin draußen zu allen anderen Menschen außer der Begleitung einhalten.

■ Ein Mund-Nasen-Schutz muss in ganz Deutschland beim Einkaufen und im Öffentlichen Personennahverkehr getragen werden.

■ Seit Anfang Mai gilt: Angehörige zweier Haushalte dürfen sich grundsätzlich treffen – beispielsweise also zwei Familien oder zwei Wohngemeinschaften. In einzelnen Bundesländern gibt es darüberhinaus Spezialregelungen.

Schulen und Vorschulen sollen unter Auflagen noch vor dem Sommer wieder für alle Kinder öffnen.

■ In Kliniken und Pflegeeinrichtungen wurden die Regeln gelockert: PatientInnen oder BewohnerInnen können wieder durch eine bestimmte Person besucht werden.

Alle Geschäfte in Deutschland dürfen unter Auflagen wieder öffnen – ohne Quadratmeterbegrenzung der Verkaufsfläche.

Im Sport ist das Training unter freiem Himmel wieder erlaubt. Freizeitsportler müssen sich aber an bestimmte Auflagen halten. So muss eine Distanz von mindestens 1,5 Metern gewährleistet sein.

Die Fußball-Bundesliga hat die Saison seit Mitte Mai mit Geisterspielen fortgesetzt – zumindest die erste und zweite Liga der Männer. Die Fußballbundesliga der Frauen bleibt hingegen zunächst ausgesetzt. Vor Publikum werden in dieser Saison in jedem Fall keine Spiele mehr stattfinden.

Großveranstaltungen bleiben bis zum 31. August verboten.

Bei Restaurants sollen die Bundesländer eine schrittweise Öffnungen selbst regeln. Auch für Kinos, Theater, Hotels oder Kosmetikstudios haben die Ländern die Lockerungen eigenständig zu verantworten.

■ Spielplätze sind unter Auflagen wieder geöffnet – darauf einigten sich Kanzlerin und Länderchefs bereits am 30. April.

Gottesdienste und Gebetsversammlungen sind wieder zugelassen – unter besonderen Anforderungen des Infektionsschutzes. Taufen, Beschneidungen und Trauungen sowie Trauergottesdienste sollen im kleinen Kreis möglich sein.

Museen, Ausstellungen, Gedenkstätten, Zoos und botanische Gärten können unter Auflagen wieder öffnen.

Aktuelle Fallzahlen zum Coronavirus in Deutschland veröffentlicht das Robert-Koch-Institut (RKI).

Eine ausführliche Darstellung der COVID-19-Fälle in Deutschland bis auf Landkreisebene hat das RKI in einem Corona-Dashboard zusammengestellt. Auch gibt es tägliche Situationsberichte heraus.

Internationale Zahlen hat unter anderem die Weltgesundheitsorganisation WHO in einer interaktiven Grafik aufbereitet.

■ Ebenso weltweite Fallzahlen stellt die Johns Hopkins University auf einer interaktiven Karte dar.

■ Die Unterschiede bei den Fallzahlen von RKI, WHO und Johns Hopkins University bedeuten nicht, dass die Zahlen falsch sind. Differenzen ergeben sich vielmehr aus Melde-Verzögerungen und unterschiedlichen Quellen: Dem RKI werden die Fallzahlen von den Gesundheitsämtern über das jeweilige Bundesland übermittelt. Es meldet die Zahlen nach einer Prüfung dann weiter an die WHO – so kommt es zu Verzögerungen. Die Daten der Johns Hopkins University kommen nach eigenen Angaben aus verschiedenen öffentlich zugänglichen Quellen und können daher von jenen Zahlen von RKI und WHO abweichen.

Eine Erkrankung an Covid-19 nach einer Infektion mit dem Coronavirus äußert sich laut Bundesgesundheitsministerium durch grippeähnliche Symptome, wie trockenem Husten, Fieber, Schnupfen und Abgeschlagenheit. Auch über Atemprobleme, Halskratzen, Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit, Durchfall sowie Schüttelfrost sei berichtet worden.

Die Inkubationszeit beträgt nach aktuellen Erkenntnissen wohl bis zu 14 Tage: Das heißt, dass es nach einer Ansteckung bis zu zwei Wochen dauern kann, bis Symptome auftreten.

■ Wichtig: Infizierte können den Virus schon übertragen, wenn sie selbst noch keine Symptome bemerken.

Der Coronavirus wird vor allem mit einer Tröpcheninfektion übertragen. Laut Robert-Koch-Institut sind theoretisch auch eine Schmierinfektion (über kontaminierte Oberflächen) und eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Nach bisherigen Erkenntnissen verlaufen mehr als 80 Prozent der Erkrankungen vergleichsweise mild. Wer meint, sich mit dem Coronavirus angesteckt zu haben, sollte unbedingt

zu Hause bleiben und zum Telefon greifen. Dann entweder

■ beim Hausarzt anrufen

oder beim

■ Ärztlichen Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117.

Telefonisch gibt es zudem noch weitere Stellen für Informationen:

■ Die Unabhängige Patientenberatung ist zu erreichen unter: ☎ 0800 – 011 77 22

Ein Bürgertelefon hat das Bundesgesundheitsministerium eingerichtet unter: ☎ 030 – 346 465 100

Für Gehörlose und Hörgeschädigte ist ein Beratungsservice des Gesundheitsministeriums per Fax zu erreichen: ☎ 030 – 340 60 66 07, sowie per Mail unter info.deaf@bmg.bund(dot)de und info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Ein Gebärdentelefon mit Videotelefonie findet sich unter: www.gebaerdentelefon.de/bmg/

Die aktuellen Risikogebiete für Ansteckungen hat das Robert-Koch-Institut bis zum 10. April 2020 veröffentlicht. Mittlerweile hat sich Covid-19 weltweit ausgebreitet. Ein Übertragungsrisiko bestehe daher „sowohl in Deutschland als in einer unübersehbaren Anzahl von Regionen weltweit“, schreibt das RKI.

Für Reisende gibt es weitere Informationen zu Covid-19 und Reisewarnungen beim Auswärtigen Amt.

■ Zum Infektionsschutz gibt es auf den Seiten der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) umfassende Anleitungen zum richtigen Händewaschen, zu den angemessenen Regeln beim Niesen sowie auch Merkblätter zu allgemeinen Hygiene- und Verhaltensregeln.

■ Niesen oder Husten soll man möglichst in die eigene Armbeuge und versuchen, sich seltener ins Gesicht zu fassen.

Händwaschen sollte man regelmäßig und zwar mindestens 20 Sekunden mit Wasser und Seife.

■ Reduzieren sollte man den Kontakt zu anderen Menschen derzeit so stark wie möglich, empfiehlt die BGzA. Wenn man doch in der Öffentlichkeit unterwegs ist, soll man möglichst einen Abstand von zwei Metern zu anderen Menschen einhalten.

■ Das Infektionsschutzgesetz (IfSG) gilt bundesweit einheitlich und bisher richten sich die Maßnahmen der Behörden nach diesem Gesetz, schreibt unser rechtspolitischer Korrespondent Christian Rath in seinem Überblick zur Rechtslage.

■ Die Katastrophenschutzgesetze der Länder sind anwendbar, sofern sich die Lage zur Katastrophe zuspitzen sollte.

■ Die Bundeswehr kann im Rahmen der Amtshilfe heute schon tätig werden, etwa im Sanitätsbereich oder zur logistischen Unterstützung. Im Extremfall kann sie auch im Inland eingesetzt werden, um (gemeinsam mit der Polizei) die öffentliche Ordnung zu bewahren oder wiederherzustellen, etwa wenn geplündert wird oder Krankenhäuser belagert werden.

■ In den „Notstandsgesetzen“ ist das geregelt, zu denen die Artikeln 35, 87a und 91 des Grundgesetzes zählen. Die „Notstandsgesetze“ wurden 1968 gegen den Widerstand der Außerparlamentarischen Opposition (APO) beschlossen.

■ Gerüchte, Falschmeldungen und Verschwörungstheorien über das Coronavirus kursieren derzeit viele.

■ Aufklärung über viele Corona-Falschmeldungen bietet unter anderem der Verein Mimikama.at.

■ Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in englischer Sprache eine eigene Seite zur Aufklärung von Mythen über den Coronavirus veröffentlicht.

■ Zu den häufigsten Fragen hat das Robert-Koch-Institut ein FAQ zu Corona veröffentlicht.

■ Weitere Fachinformationen finden sich ebenso auch auf einer Überblicksseite des Robert-Koch-Instituts.

■ Verhaltens- und Hygienetipps und ebenso in einem FAQ die häufigsten Fragen beantwortet die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung auf ihrer Corona-Übersicht auf infektionsschutz.de.

■ Umfassend informieren kann man sich auch beim Bundesgesundheitsministerium.

■ Eine weltweite Übersicht bietet die Weltgesundheitsorganisation WHO.

Bundesweite Telefonnummern im Überblick:

Ärztlicher Bereitschaftsdienst: ☎ 116 117

Unabhängige Patientenberatung: ☎ 0800 011 77 22

■ Bürgertelefon des Bundesgesundheitsministeriums: 030 346 465 100

Beratungsservice für Gehörlose und Hörgeschädigte: Fax: 030 / 340 60 66 – 07 sowie per Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de / info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de

Gebärdentelefon (Videotelefonie): www.gebaerdentelefon.de/bmg

■ Bei Sorgen ist die Telefonseelsorge rund um die Uhr erreichbar unter: 116 123 sowie 0800 / 111 0 111 und 0800 / 111 0 222.

■ Infos über Corona auf Türkisch hat die taz in ihrem Text „Koronavirüs Almanya'da“ zusammengestellt.

■ In weiteren Sprachen sammelt die taz Info-Texte under taz.de/coronainfo

■ Hygiene-Infos in weiteren Sprachen bietet die BZgA in Hygiene-Merkblättern unter anderem auf Türkisch “Viral enfeksiyonlar – hijyen korur!“ (PDF) sowie auf Englisch “Viral infections – hygiene works!“ (PDF)

Leichte Sprache: Informationen zum Coronavirus in Leichter Sprache stellt das Bundesgesundheitsministerium zur Verfügung.

Gebärdensprache: Das Bundesgesundheitsministerium beantwortet Fragen mittels Videotelefonie und ist dafür über ihr Gebärdentelefon zu erreichen. Dazu gibt es hier noch mehr Infos. Das Gebärdentelefon ist von Montag bis Donnerstag von 8 bis 18 Uhr sowie am Freitag von 8 bis 12 Uhr erreichbar. Ebenso möglich sind Fragen per Fax: 030 / 340 60 66 – 07 oder per E-Mail: info.deaf@bmg.bund(dot)de oder info.gehoerlos@bmg.bund(dot)de.

■ Weitere Sprachen: Kurze Info-Flyer der Johanniter auf Englisch (PDF), Dari (PDF), Arabisch (PDF), Farsi (PDF), Türkisch (PDF), Russisch (PDF), Italienisch (PDF) und Französisch (PDF) hat der Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereitgestellt.

International: Informationen zum Coronavirus in verschiedenen Sprachen stellt zudem die Weltgesundheitsorganisation WHO bereit.

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