Romandebüt von Ocean Vuong

Arbeitsverbot für „halbe Weiße“

Patriarchales Vietnam, rassistische USA und die erwachende Sexualität eines jungen Mannes: Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“.

Ein Porträt des Autors Ocean Vuong

Kam als Zweijähriger aus Vietnam in die USA: der Schriftsteller Ocean Vuong Foto: Peter Bienkowski

Der aus Vietnam stammende Erzähler in Ocean Vuongs Roman „Auf Erden sind wir kurz grandios“ war wie der Autor zwei Jahre alt, als er 1990 zusammen mit seiner Mutter und seiner Großmutter in den USA ankam. Nach dem Flüchtlingslager zog die Familie nach Hartford, Conneticut.

Weil seine Großmutter unter Schizophrenie litt, musste die Mutter allein für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen. Sie arbeitete in Fabriken, später in Nagelstudios, in denen die Lösungsmittel der Nagellackentferner ihre Gesundheit ruinierten. Ocean Vuong selbst ging aufs College und veröffentlichte erste Gedichtbände, die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden.

In seinem autobiografisch geprägten Roman lässt er seinen Ich-Erzähler auf Kindheit und Jugend in Form eines Briefes an die Mutter zurückblicken. „Wann endet der Krieg“, fragt er sie darin. „Wann kann ich deinen Namen sagen und nur deinen Namen meinen und nicht das, was du hinter dir gelassen hast?“

Lan überlebt einen Napalm-Angriff

Die Mutter des Erzählers wird diesen Brief wahrscheinlich niemals lesen, weil sie nicht lesen und schreiben kann. Als Fünfjährige musste sie mit ansehen, wie ihr Lehrer und ihre Mitschüler bei einem amerikanischen Napalm-Angriff im Schulgebäude verbrannten. Und im Chaos der Kriegszeit konnte sie keine Schule mehr besuchen. Lan, die Großmutter des Erzählers, war in Vietnam eine Außenseiterin.

Ocean Vuong: „Auf Erden sind wir kurz grandios“. Dt. von Anne-Kristin Mittag. Hanser Berlin, 2019. 240 Seiten, 22 Euro

Sie floh aus der arrangierten Ehe mit einem dreimal so alten Mann und wurde von ihrer Familie verstoßen. Ihre Eltern hatten sie einfach nur „Sieben“ genannt, weil sie ihre siebte Tochter war. Sie gab sich deshalb selbst den Namen „Lan“. Um nicht zu verhungern, begann sie als Prostituierte für die amerikanischen Soldaten zu arbeiten. Paul, der Sohn eines Farmers aus Michigan, verliebte sich in sie und heiratete sie. Dann, im Chaos des Rückzugs der Amerikaner aus Saigon, verloren sich beide zunächst wieder.

In Vietnam galt Lans Tochter, die Mutter des Erzählers in Vuongs Roman, als Weiße. „Als du noch ein Mädchen in Vietnam warst, haben die Kinder aus der Nachbarschaft mit einem Löffel an deinen Armen geschabt und geschrien: „Runter mit dem Weiß, runter mit dem Weiß von ihr!“ Später, als Erwachsene, darf sie in Vietnam als „halbe Weiße“ nicht arbeiten. Die Familie flieht in die USA, stellt den Kontakt zum Großvater Paul wieder her.

Krank im Kopf

Der Vater des Erzählers spielt im Roman keinen Rolle. Es wird nur erwähnt, dass er die Mutter häufig schlägt und sie ihn früh verlässt. Aber auch die Mutter ist von ihrem Leben überfordert und schlägt ihren Sohn immer wieder. Erst später erkennt er, dass sie keine Chance hatte. „Deine Mama“, sagt seine Großmutter einmal zu ihm, „sie nicht normal, ja? Sie Schmerz. Sie wehtun. Aber sie dich will, sie uns braucht. … Sie dich liebt, … Aber sie krank. Krank wie ich. In Kopf.“

Ein eindrucksvolles Buch, geschrieben in einer poetischen Sprache

Der Erzähler in Vuongs Roman weiß, dass ein Teil seiner Mutter für immer in ihm selbst steckt, dass der Hass, den er gegen sie richten würde, auch gegen ihn selbst gerichtet wäre. „Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist deshalb kein kafkaesker „Brief an den Vater“, sondern der Versuch, seiner Mutter näher zu kommen. Und es ist ein Buch der Selbstvergewisserung.

Als Kind und Jugendlicher scheint ihm nichts sicher. Seine Person, sein Ich, selbst seine Sprache ist von Gewalt geprägt. „Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel. Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Rassismus in der Schule

Der Brief an die Mutter ist deshalb vor allem der Versuch, die eigene Identität zu festigen. In mal kurzen, mal längeren Abschnitten folgt der Erzähler dem Weg der Erinnerung und der Themen. Er berichtet vom Rassismus in der Schule und von dem Moment, in dem er entdeckte, dass er sich nicht für Mädchen, sondern für Jungen interessiert. Wie er das voller Furcht seiner Mutter erzählt, die ihm daraufhin das Geständnis macht, dass sein Großvater Paul gar nicht sein wirklicher Großvater ist, sondern irgendeiner der Freier seiner Großmutter.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ ist ein eindrucksvolles Buch, geschrieben in einer poetischen Sprache. Es ist ein Buch der Selbstvergewisserung durch das Schreiben über die eigene Geschichte. Einer Geschichte, die durch einen Krieg geprägt ist, der noch Generationen später das Leben der Menschen bestimmt.

Dabei steht die Erfahrung von Vuongs Erzähler in vielem stellvertretend für die verborgene und verschwiegenen Erfahrungen, für das Leiden vieler Flüchtlinge und Migranten. „Ich erinnere mich“, sagt er gegen Ende des Buches, „wie ich lernte, dass Heilige die einzigen Menschen sind, deren Schmerz bemerkenswert ist, bemerkt wird. Ich erinnere mich, dass ich dachte, du und Lan sollten Heilige sein.“

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