Roman von Sharon Dodua Otoo: Worte allein werden nicht helfen
In „So, in etwa, ist es geschehen“ erdrosselt die Protagonistin ihren Chef mit einem Schal von FC Bayern München. Es ist ein Roman wie ein Geständnis.
Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Alliierten Nazideutschland in die Zange nahmen, landeten Tausende Insassen von Konzentrationslagern in der Lübecker Bucht. Die SS verlud sie auf Boote und brachte sie zu Schiffen, die vor der Küste ankerten. Am 3. Mai drängten sich auf der „Cap Arcona“ schätzungsweise 4.500 und auf dem Begleitschiff „Thielbek“ 2.800 Menschen, als die Royal Air Force einen Angriff über der Bucht flog. Ziel war die fliehende deutsche Marine, aber auch die Schiffe mit den Gefangenen darauf wurden getroffen. Viele ertranken, verbrannten oder wurden erschossen.
Der Fall gilt seither als eines der tödlichsten Schiffsunglücke in der Geschichte der Seefahrt. In Relation zum Grad der Erschließung der NS-Zeit in der deutschen Literatur ist der Fall eher unterbelichtet. Die deutsch-britische Bachmannpreis-Gewinnerin Sharon Dodua Otoo füllt diese Lücke nun mit ihrem Roman „So, in etwa, ist es geschehen“.
Otoos Erzählerin ist die Enkelin eines der wenigen Überlebenden des Angriffs. Es heißt, er habe sich schwimmend an Land retten können. Jahr für Jahr fährt Amata anlässlich dieses Datums nach Timmendorfer Strand, um mit ihrer Mutter an einer privaten Gedenkfeier teilzunehmen. Jahr für Jahr geht dabei immer auch etwas schief, was nun besonders gilt, denn die Afrodeutsche Amata hat versehentlich einen offenen Brief ihres Aktivistenvereins samt internen Bearbeitungskommentaren der Mitglieder an die Presse verschickt, sie kommt zu spät, weil ihr Chef, der ihr eine Mitfahrgelegenheit aufgedrängt hat, immer wieder anhalten muss und darüber hinaus die Klappe einfach nicht halten kann.
Sharon Dodua Otoo: „So, in etwa, ist es geschehen“. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026. 144 Seiten, 22 Euro
Vor allem aber geht dies schief: Sie bringt besagten Chef um, erdrosselt ihn mit einem Fanschal des FC Bayern München vom Rücksitz seines Wagens. Das zu verraten, hat nichts mit einem Spoiler zu tun, denn Otoo hat ihr Buch als eine Art Geständnis angelegt. Eine Freundin der Mörderin, selbst Staatsanwältin, bringt den Bericht über ihre letzten Stunden vor dem Mord als Buch heraus, ergänzt ihn um ein Nachwort und die Aufzeichnung des Redeschwalls des Opfers.
Ein unmotivierter Mord?
Der Roman als Geständnis, man denkt an Albert Camus’ „Der Fremde“, auch weil der Mord hier ebenso überraschend und unmotiviert erscheint. Amata ist um die vierzig Jahre alt, wohnt in Berlin, arbeitet für einen wohltätigen Verein, hält sich ihre Umwelt mit müder Ironie vom Leib, engagiert sich nebenbei in einem antirassistischen Projekt, ist heimlich verliebt. Nichts deutet auf Gewaltbereitschaft hin. Warum sollte sie plötzlich jemanden umbringen?
War es bei Camus die Sonne, die auf seinen Meursault herunterbrannte und ihm den Impuls gab, den Araber vor ihm zu erschießen, so ist es bei Amata eine Gestalt neben Brockhaus’ Auto, in der sie ihre Mutter erkennt, und von der sie ein Kommando zu erhalten meint, eine Berechtigung. Worte würden nicht mehr helfen, schreibt sie, wenige Zeilen bevor sie den Mord schildert. Es sei nicht um ihren Chef gegangen. „Nein, mir ging es nie um ihn, er war austauschbar. Mir geht es um meine Neffen. Ich sorge mich um ihre Zukunft. Ich möchte nicht wie Denver und Papa den Westen komplett aufgeben.“
Denver, die Schwester, und der Vater sind längst ausgewandert, haben kapituliert vor der rassistischen deutschen Gesellschaft, vor Leuten wie dem Chef, der den sprechenden Namen „Brockhaus“ trägt und so ziemlich alle Eigenschaften in sich vereint, die man der Figur des alten weißen Manns zuordnet.
Dieser Brockhaus schwätzt ohne Unterlass, ist vermeintlich progressiv, tatsächlich aber ein Spießer mit sexistischem und rassistischem Einschlag. Dabei ist er tatsächlich „austauschbar“, wie Amata schreibt, erwähnt alle paar Seiten in seinem Redeschwall, dass er zuvor ja schon als Steuerberater, als Koch, Mechaniker und noch in vielen weiteren Berufen gearbeitet habe. Nicht eigentlich eine Person sitzt da am Steuer, es ist die von Männern um die sechzig geprägte Mehrheitsgesellschaft. Der Roman stellt letztlich die Frage, ob der alte weiße Mann sterben muss, damit Menschen wie Amata und ihre Familie hier leben können.
Akt politischen Widerstands?
Sie selbst bejaht dies, ist mit sich im Reinen, interpretiert den Mord als Akt des politischen Widerstands. Natürlich lässt sich der Roman auch in Bezug auf transgenerationale Traumata lesen, aber es geht vor allem um die Legitimität spezifischer Formen des politischen Kampfs. Um die Frage, welche Tat die richtige ist in einem Kreislauf der Unterdrückung.
Die Toten der „Cap Arcona“ sind in diesem Roman die ersten Opfer in einer Gewaltspirale, die untergründig bis heute wirkt. Amata erfährt in ihrem Alltag keine Übergriffe, aber sie bekommt beständig zu spüren, dass sie als anders und nicht zugehörig angesehen wird. Die Gewalt wirkt also weiter, und nun schlägt sie zurück, greift sie zum Schal.
Amatas Freundin, die fiktive Herausgeberin ihres Berichts, verurteilt diese Tat in einem Nachwort. Sie, die Juristin, hat sich für den Kampf mit Worten entschieden, für Politik also, für das Aufhalten der Gewaltspirale. Sie hat auch das letzte Wort und darf damit als Gewinnerin in diesem Wettstreit verstanden werden.
Reichlich überkonstruiert ist diese Anordnung, und sie geht auch zulasten der literarischen Plausibilität. Hier mag Entscheidendes nicht zusammengehen. Die ins Groteske gesteigerte Wurstigkeit von Brockhaus passt nicht zu der psychologischen Glaubwürdigkeit, die Otoo für ihre Hauptfigur reklamiert. Wenn der eine nur Karikatur ist, fällt es einem schwer zu glauben, dass die andere wirklich aus Fleisch und Blut sein soll.
Auch die Geschichte der „Cap Arcona“ wirkt hier deplatziert. Otoo findet nicht die sprachliche Tiefe für die Behandlung dieses historischen Unheils. Und schlimmer: Sie scheint nicht einmal nach ihr gesucht zu haben. Amatas Geständnis kommt über weite Strecken in einem solchen Plauderton daher, dass man ihr weder den Mord noch das Trauma abnimmt. Kurzum: Als eine Art politische Erörterung mag das Buch seine Punkte setzen, literarisch aber ist es gründlich misslungen.
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