Roman über Kriegsreporter: Das Gefühl der Vergeblichkeit

Ruhelos ist Sprache, mit der Gabriele Riedle in dem Roman „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“ von einem Leben unterwegs in Krisenregionen erzählt.

In einer Nachtaufnahme leuchten die Gestalten der Soldaten grünlich

Auch die GI's in Afghanistan wollten nur das Beste und haben am Ende Gewalt und Tod gebracht Foto: Christoph Bangert/laif

Dies ist ein trauriges Buch. Nicht nur wegen des Todes von Tim H., hinter dem sich der englische Fotograf Tim Hetherington verbirgt, der im libyschen Bürgerkrieg 2011 während eines Feuergefechts starb.

Traurig auch deshalb, weil in Gabriele Riedles Roman „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“ die Erzählerin nicht mehr an eine geschichtliche Entwicklung hin zu einer besseren Welt glauben kann, nicht mehr an jenen „Weltgeist vom Hegelplatz in Berlin“, wie sie Hegels optimistische Geschichtsphilosophie sarkastisch nennt. Einen Glauben, den die Erzählerin in den Kriegen, den Vertreibungen und den Massenmorden verloren hat, über die sie als Journalistin berichtet hat.

Riedle selbst ist wie ihre Erzählerin Kriegsreporterin gewesen, die lange Jahre Reportagen aus den Krisenregionen der Welt geschrieben hat. Sie selbst würde sich nie so bezeichnen, weil sie das für verlogen hält. Ungefährlich ist ihre Aufgabe dennoch nicht.

Die Weltregionen, in die sie die „Chefredakteure in Hamburg und Manhatten“ schicken, sind von einem Frieden wie in Europa lange Zeit weit entfernt. Aus dem Dschungel in Neuguinea berichtet sie über den erfolglosen Kampf der Ureinwohner gegen die Rodung des Urwalds. Nach Afghanistan reist sie nach dem „Sieg“ der USA, den „Aliens“, wie sie sie nennt – Aliens, die Frieden, Demokratie und Frauenrechte bringen wollten, aber keine Ahnung hatten von dem Land am Hindukusch und nach geschätzten 240.000 Kriegstoten zwanzig Jahre später von einem Tag auf den anderen wieder verschwanden.

Das Spektakuläre als Ware

Gabriele Riedle geht es in ihrem Roman um die Absurdität und Mons­trosität dessen, worüber sie berichten soll. Und um die Verlogenheit eines Journalismus, der das Ziel, mit spektakulären Reportagen und Bildern die Auflage zu erhöhen, mit edlen Idealen kaschiert.

Gabriele Riedle, „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“ 264 Seiten, Die Andere Bibliothek, Berlin 2022, 44 Euro.

Beispielhaft hierfür ist ihre Reise in das westafrikanische Liberia, wohin sie nach dem Ende des letzten Bürgerkriegs geschickt wird. Dort lernt sie auch Tim H. kennen. Für sie ging es bei dem Auftrag nur darum, zur Erhöhung der Auflage den Voyeurismus der Leser zu bedienen. Was hatte es sonst für einen Sinn, über Jewel Howard-Taylor, die Ex-Frau des wegen Kriegsverbrechen in Den Haag zu fünfzig Jahren Gefängnis verurteilten Ex-Präsidenten Charles Taylor, zu berichten und Fotos von ihr zu machen? Jener Frau, die heute Vizepräsidentin Liberias ist.

Von der sich Tim H. in ihrem Roman fragt, „wo war Madame … wenn der Hausherr im Wohnzimmer einmal ungestört jemanden vergewaltigen oder aufschlitzen wollte oder beides, wahrscheinlich hielt Madame so lange“, vermutet er „im berühmten John F. Kennedy Medical Center, von dem sie ständig sprach, irgendjemand die Hand …“. Sie liebe ihren Mann immer noch, hatte sie gesagt. Und „das Schlimmste war“, sagt die Erzählerin, „dass wir dieses Juwel von einer treuen Gattin beide trotz allem mochten, aber so war das einfach, es war eben so, ein reizender, aber ganz und gar monströser Vormittag“.

Die Erzählerin fühlt sich einerseits von diesem Leben „on the road“ angezogen, sodass sie es zu Hause nie lange aushält; andererseits schreckt es sie ab, weil ihr der Horror zusetzt und sie die glatte „Story“ für die Auflage, die sie über diesen Horror schreiben soll, für immer absurder hält. Ein Leben, das sie beschädigt und an manchen Stellen des Buches zynisch werden lässt. Ein Leben auf der Flucht, dass nichts anderes will, als anzukommen.

Sog der Schreibweise

Genau das aber gelingt ihr nicht und schlägt sich in der Schreibweise des Buches nieder. Sie ist der eigentlich Grund, warum man diesen Roman lesen sollte. Es sind lange, ruhelose Sätze, mit denen Riedle ihre Erzählerin erzählen lässt. Die Wiederholung bestimmter Phrasen, wie „die Chefredakteure in Hamburg und Manhattan“, die sie immer von Neuem auf Reisen schicken, oder das verlogene „Nie wieder“, mit dem diese Chefredakteure noch die fragwürdigste Kriegsberichterstattung begründen, sind negative Bezugspunkte. Sie haben etwas Schicksalhaftes und sind im ruhelosen Erzählfluss mehr Form als Inhalt.

Man könnte fragen, warum hat sie dieses Leben nicht geändert, nicht Nein gesagt zu dem einen oder anderen Auftrag oder den Beruf gewechselt? Aber wer kann das schon, wer kann von sich sagen, dass er die richtigen Entscheidungen zur richtigen Zeit getroffen hat, dass er auf den richtigen Weg ist?

Am Ende bleibt die Trauer, das Gefühl der Vergeblichkeit, die für die Erzählerin auch jene amerikanischen GIs einschließt, von denen Tim in Afghanistan Fotos gemacht hatte. Auch sie wollten nur das Beste und haben am Ende Gewalt und Tod gebracht und ein paar Jahre Freiheit für einen kleinen Teil der afghanischen Bevölkerung. Unauflösbare Widersprüche, die „In Dschungeln. In Wüsten. Im Krieg.“ zu einem melancholischen Roman machen. Melancholisch auch wegen der vergeblichen Liebe der Erzählerin zu Tim H. – nicht nur, weil er viel zu früh gestorben ist.

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