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Roman über BelarusDie EU-Kommission bekundet tiefe Besorgnis

Das neue Buch von Viktor Martinowitsch trägt den polemischen Titel „Das Gute siegt“. Ein großes Werk über das bleierne Belarus.

Darf nicht verhungern: der Kater Heidegger in dem Roman „Das Gute siegt“ von Viktor Martinowitsch Foto: imago

Die Träume von einem freien Land: zerschlagen. Als alles vorbei ist, gleicht Minsk einer Geisterstadt. Bedrohung, Angst, Paranoia liegen in der Luft. „Wenn das Fantasy war, dann musste sie jemand mit einer großen Faszination für das Computerspiel ‚Syberia‘, die totalitäre Moderne und Orwells ‚1984‘ ersonnen haben“, denkt Matwej, die Hauptfigur des Romans „Das Gute siegt“, als er durch die Straßen fährt.

Ihm fällt dabei ein, dass die belarussische Übersetzung des dystopischen Klassikers von Orwell auf den Index gekommen war, ebenso Joseph Brodskys „Ballade vom kleinen Schlepper“ – ein Kindergedicht. „Um die Absurdität begreifen zu können, muss man manchmal selbst zu einer Absurdität werden“, sinniert er weiter.

„Das Gute siegt“ ist der polemische Titel des neuen Romans von Viktor Martinowitsch. Er zeigt darin, wie Absurdität und Grausamkeit, wie Überwachen und Strafen ineinandergreifen in der Lukaschenko-Diktatur. Martinowitsch ist ein berühmter Autor in Belarus, sein erster Roman „Paranoia“ wurde 2009 verboten, weil die Kritik am Regime wohl allzu offensichtlich war.

Das Buch

Viktor Martinowitsch: „Das Gute siegt“. Aus dem Russischen von Thomas Weiler. Voland & Quist, Berlin 2025. 368 Seiten, 26 Euro

Seine Werke werden im Ausland veröffentlicht

Seine Werke, so auch sein neuestes, können oft nur im Ausland erscheinen. Der Autor lebt heute noch immer in Belarus, er lehrt an einer Universität in Vilnius. Er erzählt also auch von sich selbst, wenn er sagt, man müsse zu einer Absurdität werden, wenn man sie verstehen wolle.

Martinowitsch zeichnet in „Das Gute siegt“ das Belarus der jüngeren Gegenwart nach – mit seinen Propagandisten und seiner Scheinjustiz, seinen Repressionen und prügelnden Spezialeinheiten, aber auch mit seiner widerständigen Zivilgesellschaft, hier in Form eines Theaterensembles, das wohl dem Belarus Free Theatre nachempfunden ist.

Dabei arbeitet er etliche kulturgeschichtliche Bezüge ein, von Jeanne d’Arc über die Französische Revolution und die Dreyfus-Affäre bis hin zur Popkultur in der Zeit der Perestroika. Eine tapfere Kämpferin gegen die Regierung heißt in seinem Buch Lady Di, die Philosophieprofessorin des Protagonisten hat einen Kater namens Heidegger. Als sie verhaftet wird, soll er das Tier aus ihrer Wohnung retten, Heidegger droht zu verhungern.

Jeanne d’Arc und belarussische Frauen

Die Hauptfigur Matwej hat darüber hinaus zunächst eine Art Beobachterposition inne, die das Geschehen erst reflektiert und allmählich in die Handlung hineingezogen wird. Matwej ist Schauspieler, er soll in dem fiktiven Stück „Das irdische Gericht“ des fiktiven Autors Romuald Yehudis eine Nebenrolle spielen. Behandelt wird darin der Jeanne-d’Arc-Stoff, der Bezug zu den Frauen als Protagonistinnen der belarussichen Opposition ist dabei deutlich erkennbar.

Das Stück muss von den Zensoren einer „Abnahmekommission“ genehmigt werden – diese fordert zunächst, Szenen auszulassen, ehe das Stück ganz abgesetzt und der künstlerische Leiter des Theaters entlassen wird. Jeanne d’Arc scheitert auf der Bühne, ihre Wiedergängerinnen scheitern auf der Straße.

Martinowitsch gelingt es, den Diktator und seine Lakaien vorzuführen, vor allem mithilfe eines abgründigen Humors, der immer wieder aufblitzt und mit dem er die lächerlichen Fake News über den Westen und den Personenkult um Lukaschenko entlarvt.

Aber die Spitzen des Autors richten sich auch gegen den Westen und die EU; nachdem Matwej später erst selbst inhaftiert und dann wieder entlassen wird, solidarisieren sich amerikanische Promischauspielkollegen, können aber nicht mal seinen Namen aussprechen und halten Belarus für Russland. Und Mitstreiterin Polina unterrichtet ihn, dass sein Fall in Europa zum Politikum geworden sei: „Die EU-Kommission hat in deinem Fall zweimal ihre Besorgnis bekundet. Erst einfache Besorgnis. Dann tiefe Besorgnis.“

Nicht nur wegen solcher Minipointen, die sich durch den Roman ziehen, lohnt die Lektüre. „Das Gute siegt“ darf schon jetzt als eines der großen Bücher über das bleierne Belarus in der Zeit nach der niedergeschlagenen Revolution 2020 gelten. Wer wissen will, wie Lukaschenko die Be­la­rus­s:in­nen seither (mund)tot gemacht hat, der erfährt das verdichtet in dieser referenzreichen, anspruchsvollen, aber nicht überbeanspruchenden Handlung. Die Sprache ist dabei rasant, scharf, zugespitzt. Das Gute siegt? Wer dieses Buch gelesen hat, wird daran auch jetzt, da viele politische Gefangene freikommen und Lukaschenkos Kurs unklar scheint, größte Zweifel haben. Und Besorgnis ausdrücken. Tiefe Besorgnis.

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