Rollschuhtänzerin über Sport: „Ich wünsche mir, dass Rollkunstlauf auch frei sein kann“
Influencerin und Rollschuhtänzerin Oumi Janta wirbt für ein weniger leistungsorientiertes Sportverständnis. Und mehr nicht kommerzielle Sporträume.
taz: Oumi Janta, würden Sie sich als Sportlerin bezeichnen?
Oumi Janta: Ja, aber nicht in dem klassischen Sinne, dass ich an Wettkämpfen teilnehme und jeden Tag trainiere.
taz: Was ist denn Sport für Sie?
Janta: Es gibt zwei Arten für mich, den eher leistungsorientierten mit wirklich straffem Plan, alles im Leben geht um Sport. Und die zweite Variante, da ist Sport ein Teil meines Lebens. Ein sehr wichtiger Teil, aber ein Teil.
taz: Sie sind professionelle Rollschuhfahrerin mit großer Followership bei Social Media. Kreativität ist Ihnen wichtiger als Perfektion. Kann Sportinfluencing Ideen von Sport verändern?
Janta: Es hat den Sport schon verändert. Aber man muss differenzieren. Es ist gut, dass jetzt jeder was öffentlich zu Sport sagen kann, nicht mehr nur Personen vom Fach Nationaltrainer. Aber auch sehr gefährlich, weil wir sofort glauben, was wir sehen. Es hat den Sport gut und schlecht beeinflusst.
wurde in Senegal geboren und ist in Berlin aufgewachsen. Sie ist Rythmskaterin/Jamskaterin und Roller Dancerin. Ihren Durchbruch hatte sie 2020, als sie mit einem Video viral ging. Am 3. Februar spricht sie im Sport- und Olympiamuseum in Köln anlässlich des dort ersten Black History Month über Identität und Repräsentation.
taz: Hat es ihn niedrigschwelliger gemacht? Ist es als Sportlerin of Color auf Social Media leichter als in klassischen Vereinsstrukturen?
Janta: Ich finde Vereine nicht per se schlecht. Aber was mir da fehlt, ist eine Option für Menschen, die Freizeitsport ausüben möchten ohne Leistungsdruck. Im Sport lernt man so viel über Gemeinschaft und sich selbst. Wenn aber dann direkt dieser Leistungsdruck kommt, entsteht auch der Vergleich: „Oh, du bist besser als ich. Das heißt, ich bin weniger wert.“ Ich finde es sehr wichtig, dass es auch Spaces gibt, wo Menschen dem nicht ausgesetzt sind.
taz: Wettbewerb dringt überall rein, Subkulturen wie Breaking und Skating zum Beispiel wurden olympisch. Befürchten Sie, dass das auch mit Rythmskating/Jamskating passieren könnte?
Janta: Ich empfinde Olympia nicht als Bedrohung für die Culture, eher als Türöffner. Aber Wettbewerb prägt die Leute anders. In der Rollschuhszene gibt es den wettbewerbsorientierten Rollkunstlauf, und die Rollkunstläufer sind nach dem Motto drauf: Genau so muss der Move sein. Das liebe ich auch, weil ich davon lerne. Aber da herrscht so ein Drill manchmal. Und es gibt für Kinder oft keine Kurse, die nicht wettbewerbsorientiert sind. Dagegen unsere Community, die Rythmskater/Jamskater, gelten ihnen als die Freien. Und ich würde mir wünschen, dass der Rollkunstlauf auch frei sein kann.
taz: Was braucht man im Sport, um solche Spaces zu schaffen?
Janta: Die Politik muss mehr investieren in alternativen Sport, der nicht wettbewerbsorientiert ist. In den 1990ern gab es in Berlin so viele Horte und Jugendzentren. Jetzt gibt es das kaum mehr. Gelder für kleine Räume sind so wichtig, vor allem für Kinder, die sich einen Verein nicht leisten können. Der einzige Space, der mir diese Freiheit gegeben hat, war das Tempelhofer Feld. Denn um Sportstätten oder Sporthallen zu mieten, braucht es einen Verein. Ich habe in meiner Laufbahn oft versucht, so was für Skater möglich zu machen, aber es ist nicht einfach. Ein Verein braucht so viel Arbeit, das kann ich mir gerade einfach nicht leisten. Mein Wunsch wäre ein staatlich geförderter, nicht kommerzieller Sportraum.
taz: Bräuchten freie Sportarten aber nicht auch eine gemeinsame Lobbyorganisation?
Janta: Es wäre schön, wenn man sich zusammentun könnte, dann wären wir stärker. Oder man gründet doch Vereine. Aber welche, die nicht leistungsorientiert sind.
taz: Sie sind als Studentin zum Rollschuhfahren gekommen und dann auf Social Media groß geworden. Hatten Sie Schwarze Frauen als Vorbilder?
Janta: Für mich gab es nicht unbedingt Role Models im Skaten. Die Einzige war die Schwarze Eisskaterin Surya Bonaly, die den verbotenen Backflip gemacht hat. Ich habe Eiskunstlauf früher sehr gern angeschaut. Und es hat was mit mir gemacht, als ich von dieser Eiskunstläuferin gehört hab, die Schwarz war, und ich dachte so: wow. Dann fällt es einem leichter, sich da selbst zu sehen.
taz: Wie haben Sie in Ihrer Kindheit Diversität im deutschen Sport erlebt?
Janta: Ich bin in den Neunzigern geboren und da war es gleich null. Im Karate war ich die einzige Person of Color, in der Leichtathletik auch. Trotzdem habe ich mich im Sport am wohlsten gefühlt, weil ich da die Rassismuserfahrungen nicht richtig spüren musste. Es ging eher um Leistung, das war ein Safe Space für mich. Ich war die Beste im Sprint, ich habe mich einfach aufgehoben gefühlt.
taz: Hat sich seitdem etwas verändert?
Janta: Es gibt auf jeden Fall mehr Diversität. Ich habe das Gefühl, dass sich Deutschland auch im Sport mehr mit dem Thema befasst. Aber ich will nicht für jeden sprechen.
taz: Es wird mehr gesprochen, gleichzeitig wird der Rechtsruck immer heftiger. Verändert das Ihr Skaten? Gibt es Orte, wo Sie nicht mehr hingehen?
Janta: Auf jeden Fall. Man kann dort von Triggern ausgehen und hat ein schlechtes Bauchgefühl. Ich meide bestimmte Orte. Und wenn, dann gehe ich mit mehreren Leuten.taz: Sie äußern sich sowohl für Black Empowerment als auch für Feminismus, trotzdem ist Ihr Kanal eher unpolitisch. Weil ein politischerer Kanal ein Problem für Ihre Vermarktbarkeit wäre?
Janta: Wenn man sich politisch äußert, kommen ganz klar weniger Kooperationen rein. Aber das ist nicht der Grund für mich. Ich muss nicht jeden Aspekt in meinem Leben politisieren. Ich möchte, dass es dort nur um Bewegung und Selbstbestimmung geht. Ich reposte und like politische Videos. Aber ich habe mich einmal geäußert und wurde so hart verbal attackiert. Ich mache mich noch angreifbarer, weil ich PoC bin. Das heißt nicht, dass ich die Augen zumache. Ich habe kein Problem damit, mich im echten Leben politisch auseinanderzusetzen. Nur auf meiner Page nicht.
taz: Wozu haben Sie sich geäußert?
Janta: Zu Palästina und Israel. Ich hätte nicht gedacht, dass mich ein Shitstorm so mitnimmt. Ich habe Angst gehabt. Ich habe im Bett geweint. Da kriegt man Drohnachrichten, Mordnachrichten. Diese heftige Cancel Culture ist so schade, man kommt nicht mal mehr in Diskurs. Und es ist so wichtig, dass Menschen verschiedene Meinungen haben, miteinander darüber reden, diskutieren und auch verzeihen können. Jeder hat Angst, irgendwas zu sagen. Und dann wird's gefährlich.
taz: Von Sportler:innen wird oft gefordert, dass sie sich politisch äußern. Wenn sie es tun, ist die Empörung sofort riesig.
Janta: Ich bin die ganze Zeit in einem Streit mit mir. Ich denke gar nicht so sehr darüber nach, was es für Auswirkungen auf meine Page hat, sondern vor allem: Was hat das für Auswirkungen auf meine Seele? Wenn ich nochmal politische Videos mache, dann separat und recherchiert.
taz: Rythmskating/Jamskating ist eine Kultur, die ganz maßgeblich aus Schwarzen Communitys in den USA kommt. Was bedeutet es für Sie, dass Sie gerade diesen Sport betreiben?
Janta: Sehr viel. Und das ist ganz lustig, weil ich vorher die Wurzeln gar nicht kannte. Mein Impuls zum Rollschuhlauf kam, weil ich die ganze Zeit Eiskunstlauf geguckt habe. Und als ich es dann wusste, hat es das einfach noch ein bisschen schöner gemacht.
taz: Wie divers ist die Szene in Deutschland?
Janta: Hält sich in Grenzen. In Paris oder London skaten sehr viele Leute aus karibischen oder afrikanischen Ländern. Dann kann diese Black Culture entstehen. Und manchmal vermisse ich das hier. Man tanzt dort viel freier, viele Deutsche mögen gern Routinen und Choreos. In Großbritannien haben die ein ganz eigenes Ding erfunden, das Rückwärtsfahren. Dort lerne ich viel schneller als in Deutschland. Und wenn du in den USA skatest, kann dich eh keiner aufhalten. In Deutschland haben wir schon allein viel weniger Rollerrinks, deswegen fällt es uns auch schwerer, kulturell einen Halt zu finden.
taz: In den letzten Jahren gibt es trotzdem auch hier wieder einen krassen Boom. Was fasziniert Leute so am Rollschuhfahren, dass es immer wiederkommt?
Janta: Bei den einen ist das wie eine Nostalgie, das haben sie nur in Filmen gesehen. Aber für die meisten Leute hier in Deutschland ist es so, sie sind nur mit der Vereinsstruktur aufgewachsen. Und wenn man dann alternative Sportarten sieht, wow. Du musst nicht unbedingt gut sein, um Teil der Community zu sein. Du kommst mit so vielen Leuten in Kontakt. Ich rolle und ich sehe Leute, die tanzen. Es macht so viel Spaß. Du treibst Sport, ohne es überhaupt zu merken.
taz: Ist das eine Vision auch für einen besseren Sport?
Janta: Auf jeden Fall. Rollschuhfahren wird nicht den Weltfrieden bringen, aber es vereint so viele Personen. Und es ist sehr einfach, Zugang zu finden, ohne beurteilt zu werden.taz: Klänge auch verlockend für Olympiavermarkter. Wenn man dort Roller Dance ins Programm aufnähme, würden Sie antreten?
Janta: Ich sehe mich da eher nicht, aber vor allem, weil es in den Staaten so viele Skaterinnen gibt, die so viel krasser drauf sind. Aber ich würde zugucken.
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