Rolle von Konfuzius in China: Bewusstsein der eigenen Geschichte

Chinas Führung entdeckt Konfuzius neu. Doch was erzählt die Renaissance des Klassikers über das gegenwärtige chinesische Regime?

Eine Konfizius-Statue aufgenommengegen bewölkten Himmel

Repressive, aber auch sinnenfreudige Denktraditionen berufen sich auf Konfuzius Foto: imago

Unter der Regierung von Xi Jinping steht die traditionelle Kultur in China wieder hoch im Kurs. Vergessen die Tage der Kulturrevolution, in denen Konfuzius als reak­tio­när verschrien, Kulturgut willkürlich zerstört wurde. Nun setzt die KP China alles daran, auf den Grundlagen der traditionellen Kultur aufbauend eine neue kulturelle Blüte einzuleiten. Unter Parteiführung soll sich der chinesische Traum (中國夢) erfüllen und ein neues wohlhabendes, selbstbewusstes China entstehen.

Der Identifikationsfigur des Konfuzius kommt in diesem Unterfangen eine tragende Rolle zu. Zwar spricht die KP in ihren offiziellen Verlautbarungen stets inklusiv von der „hochwertigen traditionellen Kultur Chinas (中華的優秀傳統文化)“, womit auch mit dem Konfuzianismus konkurrierende Denkrichtungen wie Daoismus und Legalismus einbezogen sind, sie führt jedoch als Beispiele für diese Tradition fast ausschließliche Zitate aus den konfuzianischen Klassikern an.

Immer wieder werden Grundsätze wie „Die Harmonie ist das wertvollste“, „Was du selbst nicht willst, tue keinem anderen an“, „Menschlichkeit heißt, Menschen zu lieben“ etc. aus den „Gesprächen“ des Konfuzius als die Grundpfeiler dieser traditionellen Kultur angeführt.

Doch was hat es nun eigentlich auf sich mit dieser konfuzianischen Tradition, die solch griffige Lebensweisheiten bereithält? Wie verträgt sie sich mit der historischen Realität?

Im Laufe der Jahrhunderte hat man sich auf sehr unterschiedliche Art und Weise auf Konfuzius berufen. Unter einer Einlösung der historischen Mission des Konfuzius versprach man sich stets sehr Unterschiedliches. Wer heute in China von einer kulturellen Renaissance spricht, stellt sich nolens volens in dessen Tradition.

Repressive Wellen

Konfuzius (551–479 v. Chr.) selbst bezieht sich affirmativ auf die feudal geordnete Zhou-Dynastie, deren kulturelle Leistungen er unter dem Begriff der Menschlichkeit (ren 仁) zusammenfasst. In seinen „Gesprächen“ geht es um die Frage, wie diese Menschlichkeit innerhalb eines rituell geordneten Gemeinwesens verwirklicht werden könne. Die Herrscher seiner Zeit sind dazu offensichtlich nicht mehr in der Lage. Zu den religiösen Voraussetzungen der Zhou-Herrschaft wie zur politischen Organisation äußert sich Konfuzius nur sparsam.

Diese Zurückhaltung kommt dem Konfuzianismus mit seiner Installierung als offizieller Staatsphilosophie in der Han-Zeit (206 v. Chr.–220 n. Chr.) abhanden. Der überragende konfuzianische Denker der Han-Dynastie Dong Zhongshu (179–104 v. Chr.) verabsolutiert die Autorität des Kaisers unter Berufung auf die höchste Gottheit tian 天 (den Himmel).

Gleichzeitig schreibt er die asymmetrischen zwischenmenschlichen Beziehungen als gesellschaftliche Manifestationen kosmologischer Kräfte fest. Die Loyalität dem Herrscher gegenüber sowie die Unterordnung der Frau in der Ehe sind nun zu Naturgesetzen erhoben.

Die Edlen und die Menge

In einer zweiten repressiven Welle etabliert sich während der Song-Zeit (960–1279) eine konfuzianische Orthodoxie. Im Mittelpunkt dieser durch den Universalgelehrten Zhu Xi (1130–1200) ausgearbeiteten Lehre steht der Gegensatz zwischen den egoistischen menschlichen Trieben und der durch den Himmel repräsentierten ewigen Prinzipien.

Der Autor ist Sinologe (Taiwan/Berlin). Im Sommer 2022 erscheint sein Buch „Wandel und Wahrhaftigkeit, eine Interpretation und kommentierte Übersetzung des chinesischen Klassikers „Zhong Yong“, im Verlag Matthes und Seitz.

Während der „Edle“ seine egoistischen Triebe durch Introspektion selbst zu überwinden weiß, ist für das gemeine Volk der Zugang zu den esoterischen Lehren zu beschwerlich. Den Edlen fällt deshalb die politische Führung über die zu erziehende Menge zu. Die autoritäre Grundausrichtung des han-zeitlichen Konfuzianismus wird so noch durch ein elitäres Element ergänzt. Innerhalb des chinesischen Denkens beansprucht diese orthodoxe Leseart einen exklusiven Anspruch auf das Erbe des Konfuzius.

Die Jahrhunderte zwischen dem als Nachfolger des Konfuzius anerkannten Menzius und den song-zeitlichen Konfuzianern werden als Irrweg abgetan. Gegenüber Daoismus und Buddhismus gibt sich diese neue Form des Konfuzianismus feindselig. Eine weitere Wendung nimmt das Verständnis von Konfuzius in der Folge der Eroberung Chinas durch die Mandschuren im Jahre 1644.

Sinnenfreundlich, egalitär

In der durch diese neu gegründeten Qing-Dynastie (1644–1911) kritisieren konfuzianische Gelehrte nun die song-zeitlichen Metaphysiker um Zhu Xi als weltfremd und unnütz. Sie seien mit ihrem „leeren Gerede“ für die Schwächung Chinas und die Fremdherrschaft letztlich verantwortlich. Unter den Kritikern tut sich der Gelehrte Dai Zhen (1724-1777) mit seinen radikalen Thesen hervor.

Im direkten Gegensatz zu Zhu Xi setzt er auf die menschlichen Triebe. Diese seien Teil des universalen, durch Himmel und Erde in Gang gehaltenen Wandels und damit auch integraler Teil der menschlichen Existenz. Nicht esoterische Introspektion sei notwendig, sondern die Regulierung der menschlichen Triebe, zu der jeder Mensch kraft seiner Vernunft auch selber fähig sei. Sinnenfreundlich und egalitär erscheint nun die Lehre des verehrten Konfuzius.

Ging Dai Zhen gegen das autoritäre Menschenbild vor, so argumentiert der zum Ende der Qing-Dynastie lebende Kang Youwei (1858–1927) gegen das hierarchische Herrschaftsmodell. Angesichts der Bedrohung durch das westliche Gesellschaftsmodell plädiert Kang Youwei für eine Aufhebung aller gesellschaftlichen Grenzen.

Ausgehend von der prinzipiellen Gleichheit aller Dinge (wu 物) setzt er sich nicht nur für die Gleichberechtigung der Frau, sexuelle Befreiung und die Auflösung der Familienstruktur, sondern auch für die Überwindung der natürlichen Grenzen zum Tierreich und zum Tod ein. Politisch soll eine Welt­regierung nach der Aufhebung aller Ländergrenzen die Geschicke der Weltbevölkerung regeln. Diese Vision einer „großen Einheit“ sei die versteckte Botschaft des Konfuzius in den klassischen Texten, so Kang Youwei.

Exklusiver Wahrheitsanspruch

Treten wir nach dieser Tour de Force durch die chinesische Geistesgeschichte einen Schritt zurück: Wie steht es um die Renaissance des Konfuzianismus in China heute? Im explizit elitären Anspruch der KP China und in ihrem exklusiven Wahrheitsanspruch, verbunden mit ihrer selektiven Wahrnehmung der Vergangenheit, schlägt die alte Orthodoxie des song-zeitlichen Konfuzianismus durch.

Den Versuch, in jüngster Zeit soziale Bindungen durch den Rückgriff auf die konfuzianische Sozial­ethik zu stärken, hat sich die KP China direkt bei der Han-Dynastie abgeschaut. Der ausgrenzende, autoritäre Grundtenor gegenüber allem, was der einen offiziellen Wahrheit widerspricht, erinnert an die „alleinige Wertschätzung des Kon­fuzianismus“ der Han-Zeit, wie auch die ablehnende Haltung gegenüber Daoismus und Buddhismus unter den Konfuzianern der Song-Zeit.

Aber auch die Förderung der klassischen Bildung und deren Verbreitung, wie sie seit einigen Jahren stattfindet, ist Teil der Wieder­aufnahme traditioneller Haltungen. Durch die Förderung des traditionellen Wissens und dessen Verbreitung hat die jetzige Generation der Chinesen besseren Zugang zur Tradition Chinas als je zuvor. Für welche Spielart des Konfuzianismus sich China in Zukunft auch entscheiden mag, es wird in vollem Bewusstsein der eigenen historischen Erfahrung geschehen.

Einmal zahlen
.

Fehler auf taz.de entdeckt?

Wir freuen uns über eine Mail an fehlerhinweis@taz.de!

Inhaltliches Feedback?

Gerne als Leser*innenkommentar unter dem Text auf taz.de oder über das Kontaktformular.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de