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Retrospektive Catherine Christer HennixDas Spiel mit Knoten und Schleifen

Im Badischen Kunstverein Karlsruhe wird Elektronikpionierin Catherine Christer Hennix gehuldigt: Zu sehen und zu hören sind etwa Oszillografien und Skulpturen.

Musik und Mathematik, Astronomie und Geometrie, einst im Mittelalter seien sie ein Quadrivium gewesen. Die Vierheit oder Vierwegigkeit der Wissenschaften, erklärte Catherine Christer Hennix dem kanadischen Kulturphilosophen Marcus Boon in einem Interview für sein Buch „The Politics of Vibration“ (2022).

Der Legende nach, so Hennix, sei der Sufi al-Farabi – Entdecker des 49. Obertons – von Bagdad nach Spanien gezogen und habe dort die Kunst und Praxis lang gehaltener Töne und den Kosmos ihrer Obertöne eingeführt. Musik wirkt in dieser Erzählung als universelles Kontinuum tonaler Mathematik – klingender, fühlbarer Ausdruck mathematischer Formeln und Verhältnisse.

Die mit dem Zirkel gezogene Fächerstadt Karlsruhe und mitten drin der Badische Kunstverein könnten kein passenderer Ort sein, um die 1948 in Stockholm geborene und 2023 in Istanbul verstorbene Mathematikerin, Komponistin, Dichterin, Künstlerin, Musikerin und Kosmopolitin Catherine Christer Hennix zu ehren.

Die Ausstellung

Catherine Christer Hennix: „Cosmological Critique“, Badischer Kunstverein, Karlsruhe. Bis zum 15. November 2026

Zwei bassige Drones

Die Retrospektive „Cosmological Critique“ versammelt eine Vielzahl ihrer Werke, entstanden ab Mitte der 1970er-Jahre bis kurz vor ihrem Tod: Malereien, Texte, Oszillografien, Partituren und Skulpturen. Durch die hellhörigen Säle und Kabinette der Jugendstilvilla schweben zwei bassige Drone-Kompositionen.

Eine davon zieht Be­su­che­r:in­nen förmlich in den Gewölbekeller des Hauses, der mit Orientteppichen ausgelegt ist. Schuhe aus. Hinsetzen. Hinlegen. Sich an die Dunkelheit gewöhnen. Die einzige Lichtquelle bietet die Videoinstallation „Nur (For Marian Zazeela)“ (2003-2018): zwei blau-rot schimmernde, sich kaum merklich bewegende Zylinder-Isometrien, von einem Oszillografen gezeichnet.

„Nur“ ist Arabisch und bedeutet „Licht, Helligkeit“. Die Widmung gilt der New Yorker Künstlerfreundin und Wegbegleiterin Marian Zazeela und ihrer blau-rot leuchtenden Lichtkunst. In einer optischen Täuschung öffnen sich die zwei Zylinder mal nach oben, mal nach unten, aber auch sowohl nach oben als auch nach unten oder nach unten als auch nach oben. Vier Ansichtsvarianten, zwischen denen das Auge hin- und herwechseln kann.

Ein knattriger Drone

Begleitet von der Komposition „Soliton(e) Star“ (2003) mit einem lauten, aber durchwegs angenehm knatterigen Drone. Durch leichte Kopfbewegungen lassen sich benachbarte Obertöne isoliert wahrnehmen. Das Ohr kann von der einen stehenden Sinuswelle zur benachbarten springen und wieder zurück.

Wie Marcus Boon beschreibt, wohnte Hennix in einem solitär stehenden Hinterhaus in Berlin-Neukölln – sie hatte sich aus Amsterdam kommend um das Jahr 2000 herum in der deutschen Hauptstadt einer internationalen Sufi-Gemeinschaft angeschlossen –, tagein, tagaus begleitet von diesem Drone und umgeben von Stapeln mathematischer Abhandlungen, der französischen Gesamtausgabe von Lacans Vorlesungen, dem Gesamtwerk von John Coltrane auf CD und zwei Tamburas, indische Langhalslauten, die sie Tag für Tag neu stimmte.

Hennix erlernte bereits im Kindergartenalter, das Schlagzeug nach Jazzart zu spielen. Auch die Verbindung von Musik und Islam habe sie schon früh vermittelt bekommen, so Hennix, und zwar von ihrem Lehrer, dem zum Islam konvertierten US-Jazz-Trompeter Idrees Suleiman. Im „Tangiers Blues“, 1959 für Jacques Muyal im Programm von Radio Tanger mit seinem Quartett um den Pianisten Oskar Dennard aufgenommen, ersetzt Suleiman sein Solo kurzerhand mit einem per Zirkulationsatmung in die Endlosigkeit entlassenen minutenlangen Grundton.

Transitort des Bebop

Für einen kurzen Moment wechselt hier der säkulare Modern Jazz die Seite zum islamischen Quadrivium. Idrees und seine Frau, die Sängerin und Perkussionistin Jamila Suleiman, beziehen 1961 im Stockholmer Mehrfamilienhaus von Hennix’ Mutter, der Jazzkomponistin Margit Sundin-Hennix, eine Wohnung, die fortan zum Transitort für US-Jazzmusiker*innen wird, die durch Europa touren. Darunter sind etwa Eric Dolphy und Dexter Gordon.

Um 1961 erlebt die junge Hennix auch ein Konzert von John Coltrane. Später habe sie mit dem kurzzeitig in Stockholm lebenden Saxofonisten Albert Ayler privat gejammt. Wie sich für die begabte Schülerin die Türen zum 1964 beim schwedischen Rundfunk nach Kölner Vorbild gegründeten „Elektronmusikstudion“ (EMS) öffnen, ist nicht ganz klar. An diesem Ort aber entstehen Ende der 1960er ihre ersten elektronischen Kompositionen. Beginnend im Jahr 1967, war das EMS weltweit das erste Studio mit 24 computergesteuerten Sinusgeneratoren.Hennix widmet sich, vom digitalen EMS und seinen Rechnern inspiriert, nun ganz dem Studium der Mathematik. Sie kommt in Berührung mit der Welt des niederländischen Mathematikers L. E. J. Brouwer, mit dessen unorthodoxen Intuitionismus und Begriffen wie der „Zweiheit“ in der subjektiven Konstruktion von Zeit und dem „kreativen Subjekt“, das selbstbewusst entscheidet, wann was passiert.

Ab 1968 reist Hennix immer wieder in die USA und landet zwangsläufig im New Yorker Dream House mit den Sinuswellen- und Lichtinstallationen von La Monte Young und Marian Zazeela. Hennix erinnert sich später, sie habe aus diesem Klang sofort die Anwendung der Fourier-Reihe wahrgenommen. Vier volle Tage habe sie dort verbracht. 1971 zieht sie in die USA und arbeitet als Mathematiklehrerin. Dort wird Hennix, wie auch Young und Zazeela vor ihr, eine Schülerin des aus Lahore eingewanderten hinduistischen, aber auch dem Sufismus nahestehenden klassischen Kirana-Gharana-Sängers und Lehrers Pran Nath (1918-1996), von dem sie das Spiel der Tambura lernt.

Freund und Wegbegleiter

Im Umfeld des Dream House lernt sie schlussendlich auch den bildenden Künstler und späteren Hillbilly-Violinisten Henry Flynt kennen, ihren vielleicht wichtigsten Freund und musikalischen Begleiter.Zurück in den Großen Saal des Badischen Kunstvereins in Karlsruhe. Hier wird Hennix frühe, und vielleicht letzte große Ausstellung im Stockholmer Moderna Museet vom Herbst 1976 nachgestellt. Sorgfältig wird dabei eine von Drones geprägte EMS-Komposition rekonstruiert, dazu hinterleuchtete Oszillografien mathematischer Raumfiguren. Im Raum verteilt stehen typografische Satzzeichen – kniehohe, eckige Klammern aus Edelstahlguss, die L. E. J. Brouwer gewidmet sind.

Wie einsame Formeln stehen sie da als [ ] und erinnern entfernt auch an die Doppelinitialen im Namen der Künstlerin: C.C. Hennix nennt sie sich ab den 1990ern, etwa auf den gemeinsamen Alben mit Henry Flynt. Das erste C steht für ihren selbstgewählten Namen Catherine, das zweite C für ihren männlich gelesenen Geburtsnamen Christer. Diesem transfeministischen Komplex im Werk von Hennix sind die Kabinette des Kunstvereins gewidmet. Eine doppelte Schwingtür – die eine Seite rot, die andere blau – hängt zwischen den Kabinetten.

Wer von der einen Seite zur nächsten will, kann zwischen einem roten, männlichen „Hommes“-Flügel oder einem blauen, weiblichen „Femmes“-Flügel wählen, oder auch beide gemeinsam aufschwingen lassen. An den Wänden verschlungene, ausladend große, wieder rot blau gefärbte Papierschleifen, unschwer als Kombinationen aus Möbiusschleife und Lacans Borromäischem Knoten zu erkennen.

Subjektivität, sinnlich erkundet

Dem Studium der Lacan’schen Vorlesungen widmete sich Hennix in den 1980er- und 1990er-Jahren zu ihrer Amsterdamer Zeit. Jacques Lacan hatte seinen Zu­hö­re­r*in­nen ja explizit das Spiel mit den Knoten empfohlen, um die Komplexität menschlicher Subjektivität sinnlich zu erkunden.

Im letzten Raum, dem Waldstraßensaal mit seinem knarzigen Parkett, dann eine wandfüllende typografische Zeichnung [……..[[[[[ ]]]]]……..] – eckige Klammern, die sich immer wieder bis ins Unendliche umschließen mit dem Titel „A Non-unique Extraordinary Set“ (2021) – eine nicht eindeutige außergewöhnliche Menge.

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