Resilienz gegen Corona: Auf der Schwangeren Auster

Es ist so schön ruhig wie früher und im Tiergarten kann man noch machen, was anderswo untersagt ist. Nur die Mitte-Schnuffis nerven weiter.

Eine Wiederentdeckung in Corona-Zeiten: Radfahren im Berliner Tiergarten Foto: Paul Zinken/dpa

Leere Straßen und eine göttliche Stille. Nicht ein Ton einer Freejazz-Improvisation dringt aus der Kneipe unter mir, kein Bassgewummer aus dem Kellerclub lässt die Wände meiner Wohnung vibrieren. Es ist das erste Mal seit Jahren, dass ich ohne Ohrenstöpsel schlafen kann. Irgendwie wie früher, als Berlin ein großes Dorf und noch keine Großstadt war, und wir kurz nach dem Mauerfall in Ostberlin auf der Straße vor dem Haus Federball spielten, weil sowieso kein Auto vorbei kam.

Nur dass man sich jetzt möglichst drinnen aufhalten soll. Mich zieht es nach den grauen Wintermonaten aber nach draußen. Gefährde ich damit mich und andere, sogar wenn ich äußerst vorsichtig bin? Das ständige schlechte Gewissen, irgendwas falsch zu machen, nervt genauso wie die Angstpanik, von der man sich nicht ganz frei machen kann. Habe ich mir lange genug die Hände gewaschen? Ist mir der Typ vorhin beim Einkaufen vielleicht zu nahe gekommen? Und fass' Dir bitte nicht ständig ins Gesicht, liebe Tochter!

Was soll’s – ab an die frische Luft. Die meisten, die draußen unterwegs sind, sind auf der Suche nach einem Stück Grün, einem Platz an der Sonne, wo sie sich mit gebührendem Sicherheitsabstand zu den anderen niederlassen. Ich habe den Tiergarten wiederentdeckt, in dessen unmittelbarer Nachbarschaft ich aufgewachsen bin.

Wem gehört die Welt? Uns!

Damals war das geschwungene Dach vom Haus der Kulturen der Welt noch nicht so gesichert wie heute – und wir sind als Jugendliche manchmal heimlich nachts die Betonschrägen der Schwangeren Auster hochgeklettert, um es uns an der höchsten Stelle mit Gitarre und einer Flasche Wein gemütlich zu machen. Wem gehört die Welt? Uns!

Jetzt fahre ich jeden Nachmittag nach dem Homeoffice mit dem Fahrrad vom Friedrichstadtpalast die Rheinhardtstraße hinunter, dem in ein unwirtlich klares Sonnenlicht getauchten Regierungsviertel entgegen. Arbeitet hier überhaupt noch jemand? Es ist so ruhig, dass man es kaum glauben mag.

Direkt unter den Augen von Angie lasse ich mich auf der Steinskulpturenwiese neben dem Kanzleramt nieder. Im Zentrum der Macht kann man noch tun und lassen, was anderswo verboten ist – im Monbijoupark hatte man uns jedenfalls das Federballspielen ebenso untersagt wie das Jonglieren mit dem Ball, im Tiergarten schert sich keiner darum. Warum auch?

Es passt zu Berlin, dass der Bußgeldkatalog zwar ellenlang und bürokratisch verklausuliert ist, seine Anwendung aber bisher glücklicherweise weniger preußisch ist und einem gewissen Laissez-faire unterliegt. Bestimmte Regeln zu brechen, das gehörte im widerspenstigen (West-) Berlin lange zum guten Ton, damit sind wir groß geworden.

Gelebte Ambiguitätsresilienz

Eine rote Ampel? Wozu warten, wenn kein Auto weit und breit zu sehen ist? Ein Fahrschein für die U-Bahn? Pah! Nulltarif für den Öffentlichen Nahverkehr! Jetzt aber ist ein Moment, wo vor allem eine gewisse großstädtische Smartness von Vorteil ist, Spontanität und Beweglichkeit, um beim Fahrradfahren, beim Spazierengehen oder beim Joggen an der Spree entlang die anderen und sich selbst durch eine resiliente Slalomtaktik zu schützen.

Es ist ohnehin die Zeit für eine gelebte Ambiguitätsresilienz. Viele der Schnuffis in Mitte können die allerdings nicht aushalten – und regen sich lieber lautstark über alle auf, welche die Kontaktverbotsregeln auf der Straße nicht so perfekt einhalten wie sie selber, kurz bevor es mit der intakten Kleinfamilie zum Wochenendausflug zu ihrem Landhaus geht.

Doch wenn in einer Situation wie jetzt alle nur sich selber, aber weder ihre eigenen Privilegien noch ihre Mitmenschen und deren Nöte sehen, dann... Dann bleibe ich vorerst doch lieber zu Hause.

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