Regisseurin über Satire „Holy Meat“: „Mich interessieren Filme, die in die Hose gehen könnten“
Die Satire „Holy Meat“ ist das Spielfilmdebüt der Regisseurin Alison Kuhn. Sie spricht über Kirche als System, die Provinz als Brennglas und Humor als Türöffner.
Ein Passionsstück soll retten, was längst zerfällt: In „Holy Meat“ setzt ein dänischer Pfarrer auf das Theater, um eine schwäbische Pfarrei zu bewahren – und rührt dabei an Macht, Einsamkeit und verdrängte Körperlichkeit. Als ein gecancelter Berliner Theaterregisseur und eine junge Metzgerin auftauchen, kippt das Fromme ins Blasphemische.
taz: Frau Kuhn, „Holy Meat“ erzählt von einer Metzgerin, die ein punkiges Theaterstück inszeniert und dabei die katholische Kirche aufmischt. Welche Entscheidung war Ihnen beim Schreiben dieser Figur wichtig?
Alison Kuhn: Ihre archaische Kraft und Unabhängigkeit waren mir wichtig. Ich wollte eine wütende Frauenfigur zeigen, die trotzdem verschiedene Schattierungen haben darf – Mia ist wütend, aber sie hat auch eine Love-Story. Zudem treibt sie als weiblicher Charakter die Handlung voran, was filmisch noch immer selten ist.
taz: Was sagt es über unser Kino und unsere Gesellschaft, dass wütende, handlungstreibende Frauenfiguren noch immer die Ausnahme sind?
„Holy Meat“. Regie: Alison Kuhn. Mit Jens Albinus, Homa Faghiri u. a. Deutschland 2026, 117 Min.
Kuhn: Das Kino ist immer auch ein Spiegel der Gesellschaft. Männliche Wut gilt oft als kämpferisch, weibliche wird schnell als hysterisch abgestempelt. Handlungsmacht wird Frauen von klein auf eher aberzogen statt gefördert. Als Filmschaffende sehe ich es auch als meine Aufgabe, dem etwas entgegenzusetzen – zumal unsere filmischen Narrative noch stark davon geprägt sind, dass es deutlich weniger weibliche Regiepersonen gibt.
taz: Warum war das Fleisch filmisch so wichtig?
Kuhn: Die Arbeit mit dem Fleisch steht für eine derbe Urkraft und ist zugleich ein biblisches Motiv. Für die Rolle musste die Schauspielerin Homa Faghiri lernen, ein Schwein zu köpfen; begleitet wurde sie dabei von einem Metzgermeister. Die Fleischszenen überhöhen das Körperliche als religiös aufgeladene, zugleich normalisierte Metapher. Bei aller Radikalität war uns dennoch eine grüne Produktion wichtig.
taz: „Holy Meat“ spielt nicht in einer urbanen Theaterszene, sondern in einem schwäbischen Dorf. Die Nebenfiguren sind zurückgenommen, trocken, fast spröde und nicht hip. Ein Berliner Kunstbetrieb hätte eine ganz andere, glitzernde Erzählmöglichkeit verlangt. Was hat Ihnen das Dorf als erzählerischer Raum ermöglicht, was die Großstadt nicht erzählen kann?
Kuhn: Mich interessiert das Stadt-Land-Gefälle in Deutschland. Ich bin selbst ein Dorfkind und zwischen Kühen aufgewachsen. Nach Jahren in Berlin hatte ich das Bedürfnis, in die Provinz zu gehen, auch, weil das Kino oft so tut, als sei das Stadtleben wichtiger.Das Dorf erlaubt mir, Themen zu zeigen, die in der Großstadt weniger präsent sind: Vereinzelung, Gemeindesterben, das Verschwinden von Infrastruktur und Kultur. Diese Leerstelle war für das Setting entscheidend.
taz: Wie ist die Idee zu „Holy Meat“ entstanden?
Kuhn: Das war ein langer Prozess. Zunächst entstand eine eher kommerzielle Komödie über ein absurdes Theaterprojekt auf dem Dorf, die ich nur als Autorin entwickelte. Erst als das SWR-Filmdebüt mich fragte, ob ich daraus mein Spielfilmdebüt als Regisseurin machen möchte, habe ich zugesagt – unter der Bedingung, den Stoff radikal zu verändern. So kamen Themen hinzu, die mich schon lange beschäftigen, etwa die katholische Kirche. Aus der Perspektive eines Theaterregisseurs entstand eine dreigeteilte Erzählstruktur, mit der ich mir den Stoff zu eigen machen konnte.
taz: Das Thema Macht und Machtmissbrauch zieht sich seit Ihrem Dokumentarfilm „The Case You“ durch Ihr Oeuvre. Was lässt Sie an dem Thema nicht los?
Kuhn: Macht und Machtmissbrauch sind Themen, die unsere gesamte Gesellschaft betreffen. Macht wirkt nicht nur institutionell, sondern auch subtil – etwa in Familien oder zwischen Einzelnen.In „The Case You“ habe ich mich mit Machtmissbrauch in der Filmbranche beschäftigt und verstanden, wie wichtig Community als Form der Ermächtigung ist. Daraus haben sich für mich viele weitere Stoffe ergeben – zuletzt auch in der Form der Komödie.
taz: „Holy Meat“ bewegt sich zwischen Tragödie, Absurdität und schwarzem Humor. Was kann die Komödie leisten, was eine dokumentarische Form nicht kann?
Kuhn: Humor erreicht Menschen leichter. Gerade ernste Themen lassen sich so einer breiteren Öffentlichkeit vermitteln. Auf Panels zu Machtmissbrauch sitzen oft Menschen, die das Thema ohnehin kennen. Mich interessieren aber vor allem jene, die es noch nicht tun. Komödie kann hier eine Tür öffnen.
taz: Das Passionsstück erinnert in seiner Körperlichkeit an Aktionskunst à la Hermann Nitsch oder die Inszenierungen der Theaterregisseurin Florentina Holzinger. Was interessiert Sie an dieser Grenzüberschreitung im religiösen Kontext?
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Trailer „Holy Meat“
Kuhn: Ich komme aus einem katholischen Dorf und habe eine Klosterschule besucht. Dort habe ich die Kirche in ihren verschiedenen Facetten kennengelernt – Gemeinschaft und soziales Engagement, aber auch Kindesmissbrauch. Während meiner Schulzeit wurden entsprechende Fälle bekannt. Im Drehbuchprozess habe ich intensiv recherchiert und mit Theologen sowie ehemaligen Priestern gesprochen. Diese Einblicke, etwa zur mentalen Gesundheit von Priestern, flossen in die Figur des Paters Oskar ein.
taz: Im Film wird spürbar, wie existenziell das Urteil Einzelner für künstlerische Karrieren sein kann – ein Verriss kann über Fördergelder, Sichtbarkeit und Fortsetzung entscheiden. Gab es in Ihrer eigenen Laufbahn Momente, in denen das Urteil weniger Menschen richtungsweisend oder sogar karriereentscheidend war?
Kuhn: Ich kann keinen einzelnen Moment nennen, der meine Laufbahn geprägt hätte. Aber in hierarchischen Systemen ist man immer vom Urteil weniger abhängig – ob im Theater, an Universitäten oder in Krankenhäusern. Im Film zeigt sich das an Roberto: Er wird nach einem Eklat vom Intendanten seines Berliner Theaters als Symbolhandlung rausgecancelt, obwohl es nicht seine Schuld ist. Diese Mechanismen finden sich überall, nur der Kontext ändert sich.
taz: Verändert die Abhängigkeit von Fördergeldern für Sie Ihre künstlerische Risikobereitschaft?
Kuhn: Nein. Ich suche immer das filmische Risiko. Ich denke nie: Mach es sicherer, dann bekommst du eher Geld. Gerade als Regisseurin muss ich hundertprozentig hinter dem stehen, was ich erzähle – und das sind meist Stoffe, die unbequem sind. Glücklicherweise habe ich fast immer die nötigen Förderungen bekommen, auch für unkonventionelle Projekte. Ich schreibe nichts um, um es „förderfähiger“ zu machen, ich schwäche nichts ab. Mich interessieren die Filme, die auch richtig in die Hose gehen könnten – nicht die, die eine sichere Bank sind.
taz: Ist diese Freiheit, Risiken einzugehen, nicht auch ein Privileg, eines, das viele Filmschaffende im deutschen Fördersystem nicht haben?
Kuhn: Absolut. Ich bin sehr dankbar, gerade in dieser unsicheren Zeit für die Branche kontinuierlich arbeiten und Projekte wählen zu können, die mich erfüllen. Gerade in politisch aufgeladenen Zeiten sind Filme wichtig – nicht nur als Eskapismus, sondern auch, weil sie gesellschaftliche Diskurse eröffnen. „Holy Meat“ bewegt sich genau an dieser Schnittstelle.
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