Refugee-Karawane Tagebuch (9): Eine Feier des Widerstands
Es ist ein goldener Samstag in Berlin und die Abschlussparade zeigt, welche Kraft es uns geben kann, wenn wir unsere Kämpfe verbinden.
Guten Morgen aus Berlin, am letzten Tag der Karawane. Die Sonne scheint anders als sonst. Ihr goldenes Licht erstreckt sich über den Oranienplatz in Kreuzberg, als wüsste auch sie, dass dies der letzte Tag unserer gemeinsamen Reise ist.
Vom 20. bis zum 27. September 2025 ist die „Karawane für Bewegungsfreiheit“ des antirassistischen Netzwerks „We’ll come United“ von Thüringen nach Berlin unterwegs. Mit Aktionen vor Lagern und Abschiebeknästen wollen sie gegen die zunehmenden Einschränkungen für Geflüchtete protestieren. Die Karawane endet mit einer Parade in Berlin. Sie ist Teil der europäisch-afrikanischen Aktionskette Transborder Chain of Action zum 10. Jahrestag des „Summer of Migration“ 2015. Für die taz schreibt Muna Abdi ein Tagebuch von der Karawane.
Weiteres zu dem Thema auch auf unserem taz.de-Schwerpunkt zum Flüchtlingssommer.
Ich erwache zu dem leisen Summen von Gesprächen, dem Klirren von Wasserkochern und den unverkennbaren Geräuschen der letzten Vorbereitungen.
Die angemieteten Trucks rollen in leuchtender Dekoration vor, geschmückt mit Bändern, Slogans und Flaggen, die stolz aus allen Fenstern wehten. Große Banner spannen sich über die Seiten der Ladeflächen.
Die 28-Jährige stammt aus Hargeysa, der Hauptstadt von Somaliland. Sie hat dort Journalismus, Massenkommunikation und Öffentliche Verwaltung studiert. Nach sieben Jahren Berufstätigkeit in Somalia kam sie 2024 als Asylsuchende nach Deutschland. Für die taz schreibt sie bis zum 27. September ein tägliches Tagebuch von der Karawane für Bewegungsfreiheit.
Im Lauf des Vormittags sammeln sich Hunderte Menschen. Sechs Lastwagen sollen unsere Kämpfe repräsentieren. Da gibt es etwa den „No Lager“-LKW, mit starken Reden gegen die Isolation und Diskriminierung in den Lagern. Die Fahrer von Lieferando versammeln sich um einen Truck, geschmückt mit Fahrradrädern und Lieferando-Taschen. Sie protestieren gegen die Ausbeutung, die vielfach Migrant:innen trifft.
Die Trucks stehen in einer Reihe, die Menschen sind aufgeregt. „Wir sind hier, wir werden kämpfen“, rufen sie. „Bewegungsfreiheit ist ein Recht für alle.“
Gegen 12 Uhr setzt sich die Parade in Bewegung – durch Kreuzberg, Neukölln, auf der Oberbaumbrücke über die Spree, bis zum Frankfurter Tor in Friedrichshain.
Am Hauptsitz von Lieferando zeigen starke Reden, wie der Kampf der Wanderarbeiter mit unserem Kampf für gleiche Rechte verbunden ist.
Auf dem Truck gegen die Bezahlkarte melden sich immer mehr Menschen zu Wort – für viele ist es das erste Mal, dass sie mit einem Mikrofon sprechen. Das ist wunderbar.
Für uns auf den Trucks, für die Menschen, die zwischen ihnen laufen und für die Passant:innen, an denen wir Kilometer um Kilometer vorbeiziehen, für alle ist die Kraft zu spüren, die Kraft, die es uns gibt, mit Worten gegen das Unrecht zu kämpfen: Auf dem Truck gegen Abschiebungen und für sichere Räume zum Schutz der Menschen, auf dem Truck für offene Grenzen und ein Ende der Todesfälle auf See, der geschmückt ist mit Schwimmwesten, und auch im Medienbus, der die Karawane von Anfang bis Ende begleitet hat.
Heute feiern wir unsere Kämpfe, unsere Stärke und unser Engagement. Um uns gegenseitig die Energie zu geben, weiterzumachen. Jeden Tag und an so vielen Orten, an denen wir täglich unsere Würde verteidigen müssen. Heute sind wir nicht allein.
Alle sind mit ganzem Herzen dabei, rufen, skandieren bis zum Ende.
Und direkt danach geht es weiter: Mit einem der Trucks ziehen wir weiter zur „All Eyes on Gaza“-Demo, die nun am Alexanderplatz startet. Mit uns. Denn unsere Kämpfe sind verbunden.
Das war der letzte Teil des Tagebuchs.
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